"Kidding": Jim Carrey als Clown in der Krise

Jim Carrey meldet sich mit der skurrilen Serie "Kidding" zurück und erzählt im Interview mit GOLDENE KAMERA, wie es ihm heute nach privaten Rückschlägen selber geht.

Für sein Comeback ins TV in Form der Showtime-Serie "Kidding" (ab 3. Dezember bei Sky Atlantic) hat sich Jim Carrey (56) erneut mit dem Regisseur Michel Gondry zusammengetan. 14 Jahre nach ihrem Indie-Erfolg "Vergiss mein nicht" fungiert Gondry als Produzent und hat auch die ersten beiden Folgen einer bis in die Nebenrollen toll besetzten Serie inszeniert, die von einer sehr ungewöhnlichen Mischung aus Melancholie und skurrilem Humor geprägt ist – und ihrem Hauptdarsteller besonders am Herzen lag...

Darum geht's in "Kidding"

Er ist zu gut für diese Welt! Erst bezeichnet ihn sein pubertärer Sohn Will (Cole Allen) als Pussy, dann fordert er, sein Vater soll seinen Kleidungsstil ändern: Er sehe aus wie dieser Busfahrer, der die farbige Bürgerrechtlerin Rosa Parks von ihrem Platz verscheuchen wollte. "Das war eine ausgezeichnete historische Referenz", lobt Jeff Piccirillo (Jim Carrey) den 14-Jährigen.

Er kann nicht anders: Auch privat verhält er sich längst wie die Figur, die er seit 30 Jahren im TV spielt. Als sanftmütiger Mr. Pickles ist Jeff zur Ikone des US-Kinderfernsehens geworden, wo er und seine kunterbunten Puppen pädagogisch wertvolle Lebensweisheiten vermitteln. Dabei leidet er nach wie vor unter dem Tod von Wills Zwillingsbruder, der bei einem Autounfall starb.

Die Haupthandlung von "Kidding" setzt jedoch erst ein Jahr später ein: Während Jeff in seiner Show eine Leuchtturmfunktion für die Kids übernimmt, hat er keine Ahnung, wie er seine Trauer in den Griff bekommen soll. Ehefrau Jill (Judy Greer) hat ihn verlassen, und als er vorschlägt, das Thema Tod vor der Kamera zu behandeln, befürchtet Vater Seb (Frank Langella) das Schlimmste – als Produzent der Sendung sieht er die Merchandising-Einnahmen einbrechen.

Originaltrailer zu "Kidding"

Hintergrund

Jeffs Kunstfigur Mr. Pickles ist klar angelehnt an Fred Rogers, einen Pfarrer, der von 1968 bis 2001 im US-TV für eine bessere Welt arbeitete. Mit einer Seelenruhe vermittelte er Kindern in "Mister Rogers’ Neighborhood" die Botschaft, dass jeder Mensch besonders sei. 1969 musste Rogers vor dem Senat in Washington aussagen, um die Finanzierung des nicht kommerziellen TV-Senders PBS zu sichern, auf dem seine Sendung lief. Präsident Richard Nixon hatte vorgeschlagen, dessen Mittel zu halbieren – der Vietnamkrieg forderte seinen Tribut. Doch Rogers konnte den zuständigen Unterausschuss vom Nutzen des Senders überzeugen.

Originaltrailer zur Fred Rogers-Doku "Won't You Be My Neighbor"

Die Macher von "Kidding" spiegeln dieses Ereignis: In einer Rückblende lassen sie den Kinderfreund Jeff in Washington zur Rettung seines Senders antreten – ein klarer Seitenhieb auf Donald Trump, der Kinder von Migranten an der mexikanischen Grenze festhalten ließ und bereits zwei Anläufe unternahm, das Budget für PBS komplett zu streichen. Parallel zu Jeffs Senatstermin ereignet sich in der Serie der Unfall, bei dem Sohn Phil stirbt.

Jim Carrey über Parallelen zu seinem Leben

Wie seine Serienfigur Jeff Piccirillo hat auch Jim Carrey einige harte Jahre hinter sich. "Ich musste durch sehr tiefe Ozeane schwimmen, und ich bin mit der Weisheit aufgetaucht, dass das, was dich nicht umbringt, bitter macht", sagt er im Gespräch mit GOLDENE KAMERA, lacht und korrigiert sich ganz schnell: "Nein, bitter bin ich zum Glück nicht geworden. Ich habe mich von diesen harten Erfahrungen in meinem Leben nicht unterkriegen lassen und bin einfach weitergeschwommen. Auch wenn die Felsen im Meer des Lebens mir ein paar blaue Flecken verpasst haben."

Der Star aus Comedyhits wie "Bruce Allmächtig" litt in der Vergangenheit unter Depressionen. 2015 nahm sich seine Ex-Freundin Cathriona White das Leben, deren Familie belastete ihn anschließend schwer. Er sei zu einem tiefsinnigeren Menschen geworden, der nicht mehr im Kinderbecken plansche, so Jim Carrey. "Ich kann jetzt den Schmerz anderer verstehen." Jahrelang war es still um Carrey geworden, bis er 2017 die TV- Serie "I’m Dying Up Here" als Produzent verwirklichte. Nun kehrt er mit "Kidding" auch vor die Kamera zurück. Dennoch fühlt er sich nicht mehr als Teil des Hollywoodrummels: "Ich habe festgestellt, dass ich das Showgeschäft bereits verlassen habe", sagt er. "Ich mache mir nichts mehr aus Ruhm."

Interview: Anke Hofmann