Ben Stiller: "'Escape at Dannemora' ist die Art von Geschichte, die ich schon immer erzählen wollte"

Die neue Ausbrecher-Serie "Escape at Dannemora" von Ben Stiller beruht auf einem unglaublichen realen Fall. Wir sprachen mit dem Komödienfachmann ("Zoolander") über die Entstehung seines dramatischen Miniserien-Debüts als Regisseur.

Eigentlich kennt man Ben Stiller als Fachmann für Komödien wie "Tropic Thunder" oder "Zoolander". Mit der Ausbrecher-Serie "Escape at Dannemora" (ab 19. Dezember, 20.15 Uhr bei Sky Atlantic) könnte dem Regie führenden Schauspieler aber jetzt die erfolgreiche Flucht aus dem Komödienfach gelungen sein.

In seinem überraschend dunklen Drama mit nur wenigen humorvollen Einsprengseln spielt Oscar-Preisträger Benicio Del Toro ("Traffic") an der Seite von Paul Dano ("There Will Be Blood") seine erste TV-Serienrolle. Und Oscar-Preisträgerin Patricia Arquette ("Boyhood"), die für ihre Rolle 18 Kilogramm zu- und wieder abnahm, ist nicht wiederzuerkennen.

Darum geht's in "Escape at Dannemora"

Vierzig Mörder und Vergewaltiger sitzen in der Gefängnisschneiderei von Dannemora an ihren Maschinen und nähen für ein paar Cent die Stunde Hosen zusammen. Dazu läuft Musik aus dem Gettoblaster: "Hip-Hop oder Classic Rock?", fragt Aufseherin Joyce "Tilly" Mitchell (Patricia Arquette) die teils bulligen Kerle zum Schichtbeginn und entscheidet sich dann selbst spontan für Dance-Pop. Nicht zum ersten Mal bittet sie den talentierten Näher David Sweat (Paul Dano), ihr im Lagerraum zu helfen, wo die beiden vermeintlich unbeobachtet übereinander herfallen. Doch David und sein Mitinsasse Richard Matt (Benicio Del Toro) haben mit der verführten Tilly ganz andere Pläne...

Originaltrailer zu "Escape at Dannemora"

Hintergrund

Die trostlose Sexszene in "Escape at Dannemora" steht am Anfang einer spektakulären Ausbruchsgeschichte, die sich 2015 im Bundesstaat New York ereignete: Die verurteilten Mörder David Sweat und Richard Matt durchbrachen die Mauern des Hochsicherheitsgefängnisses und schnitten sich durch ein Stahlrohr einen Weg in die Freiheit – ein Kanaldeckel war ihr letztes Hindernis. Die wochenlange Suche nach dem Duo in den dichten Wäldern nahe der kanadischen Grenze wuchs sich 2015 zum Medienereignis aus.

Ein Jahr später veröffentlichte das Büro des staatlichen Generalinspekteurs einen 150-seitigen Bericht, der die Details der Flucht und ihrer Vorgeschichte enthüllte: Durch die laxe Aufsicht hatten die beiden Häftlinge monatelang unbemerkt an ihrem Plan arbeiten können. Und ausgerechnet Joyce Mitchell hatte die verurteilten Mörder mit dem notwendigen Werkzeug versorgt: In einem Klumpen Hackfleisch hatte sie Sägeblätter ins Gefängnis geschleust – und damit unbewusst auch Ben Stiller die perfekte Vorlage für sein Miniserien-Debüt als Regisseur geliefert...

"Escape at Dannemora": Ben Stiller im Interview

GOLDENE KAMERA: Wie haben Sie dieses Projekt gefunden?

BEN STILLER: Ich drehte gerade "Zoolander 2" in Rom, als ich zum ersten Mal von dem Projekt hörte. Im Oktober 2015 haben mir dann die Autoren Brett Johnson und Michael Tolkin das Drehbuch zugeschickt. Aber die beiden mussten sehr viel dazuerfinden, weil einfach nicht genug über den Fall und diese Männer bekannt war. Ich lehnte also dankend ab, weil mir Realitätsnähe als die einzige Möglichkeit erschien, das Genre des Gefängnisfilms aufzufrischen. Doch dann veröffentlichte der Generalinspekteur von Bundesstaat New York im Juni 2016 eine 170-seitige Reportage über den Ausbruch von Dannemora. Ich rief sofort Brett und Michael an und sagte ihnen: "Wenn ihr noch nach einem Regisseur sucht, habt ihr ihn gefunden. Von mir aus kann es jetzt losgehen." (lacht)

Wie haben Sie Ihre Darsteller gefunden?

Patricia Arquette war meine erste Wahl. Als ich den Gouverneur von New York wegen der Drehgenehmigung traf, erwähnte ich, dass Patricia die weibliche Hauptdarstellerin sein würde. Und er war geschockt: "Patricia ist viel zu sexy um Tilly Mitchell zu spielen!" (lacht) Aber ich vergewisserte ihm, dass Patricia eine Verwandlungskünstlerin ist. Was Benicio Del Toro als Richard Matt betrifft: Es gibt nicht viele Schauspieler, die einen manipulativen Charismatiker darstellen können, der sich im Gefängnis wohler als in der Freiheit fühlt.

Wie schwierig war es, in der echten Clinton Justizvollzugsanstalt in Dannemora zu drehen?

Sehr viel leichter als überhaupt die Erlaubnis zu bekommen. Aber es war sehr wichtig für mich, im echten Gefängnis zu drehen. Die Atmosphäre der Clinton Justizvollzugsanstalt inmitten der Adirondack Berge im Studio nachzustellen, ist unmöglich. Das Dannemora-Gefängnis ist 160 Jahre alt und in den letzten hundert Jahren hatte es kein Gefangener je geschafft, von dort auszubrechen. Weil es so isoliert liegt und fast neun Monate Winter herrscht, wird das Gefängnis auch "Klein Sibirien" genannt. Sechs Wochen vor Drehbeginn hatten wir immer noch keine Dreherlaubnis, weil der Bundesstaat New York nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf den Ausbruch lenken wollte. Zum Glück konnte ich den Gouverneur überzeugen, der uns dann die Türen öffnete.

Haben Sie es vermisst, in diesem Projekt selbst vor der Kamera zu stehen?

Ich wollte schon immer einmal nur Regisseur sein. Und ich muss zugeben, dass die Erfahrung sehr befreiend war. "Escape at Dannemora" ist die Art von Geschichte, die ich schon immer erzählen wollte. Ich bin in den 70ern mit Filmen über Gefängnisausbrüch aufgewachsen. Diese Miniserie erinnerte mich sehr an diese Vorbilder, weil die Häftlinge keine Handys oder Kameras haben dürfen und im Gefängnis eine vor-digitale Ära herrscht.

Haben Sie sich denn als Vorbereitung Gefängnisfilme wie "Die Verurteilten" oder "Flucht in Ketten" angeschaut?

Ja, "Flucht von Alcatraz" war auch dabei. "Die Verurteilten" war übrigens die Inspiration für Richard Matt und David Sweat. Genau wie in dem Film ist auch ihnen der Ausbruch durch ein Loch in der Zellwand gelungen. Aber meine größte Inspiration für "Escape at Dannemora" waren weniger Ausbruchsfilme, sondern Krimi-Klassiker wie "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3" oder "Hundstage", die sehr realistisch waren und trotzdem einen sehr dunklen und bissigen Humor hatten.

Trailer zu "Die Verurteilten" (1994)

Was würden Sie vermissen, wenn Sie eine Zeit im Gefängnis verbringen müssten?

(lacht) Abgesehen von meiner Familie und Freunden? Schokolade und Brot!

Interview: Anke Hofmann