GOLDENE KAMERA-Kandidat: 2. Staffel "Charité"

Mediziner-Ethos oder Nazi-Ideologie? Die zweite Staffel von "Charité" ist noch spannender als ihr erfolgreicher Vorgänger.

Die neue "Charité"-Staffel (ab 19. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) spielt während des Zweiten Weltkriegs in den Jahren 1943 bis 1945. Sauerbruchs OP-Methoden sind damals spektakulär neu, das Berliner Klinikum gilt als Nabel der Medizinwelt.

Trailer zur 2. "Charité"-Staffel

Darum geht's in der 2. Staffel "Charité"

Sägen, Zangen, Scheren, Klammern und Spritzen liegen bereit. Kameras werden aufgebaut, auf den Plätzen drängeln sich die Zuschauer. Vorn junge Ärzte in Heeresuniform, dahinter die Studenten: Die "Wochenschau" ist in die Charité gekommen, um "den großen Sauerbruch" zu filmen, wie er im Hörsaal keinen Meter vom Publikum entfernt einen Soldaten mit Oberschenkelschuss operiert.

"Das mir keiner Murks macht, sonst können die Leute im Kino sehen, wie Sauerbruch euch feuert", mahnt er gut gelaunt seine Helfer. Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) ist der berühmteste Chirurg seiner Zeit, Selbstzweifel sind ihm fremd.

Ulrich Noethen spielt Prof. Sauerbruch

TV-Star Ulrich Noethen ("Neben der Spur") spielt Prof. Ferdinand Sauerbruch mit umwerfend burschikosem Charme in der sechsteiligen zweiten Staffel von "Charité". "Sauerbruch war eine Koryphäe, international vernetzt. Er war ein Charismatiker und Liebling der Nation. Ein Halbgott in Weiß, der sich als Aushängeschild des Naziregimes missbrauchen ließ", beschreibt Noethen seinen Charakter.

Als er die Rolle annahm, habe ihn das Äußere erschreckt: "Ich hatte zunächst gehofft, dass man den Bart und die Frisur kleben kann. Aber die Maske hat gesagt: 'Zu kurz zum Kleben.' Also musste ich mir die Bürste wachsen lassen." Er habe sich daraufhin eine Mütze gekauft und sie wochenlang tief ins Gesicht gezogen, erzählt der Star.

Mala Emde spielt Anni Waldhausen

In der neuen "Charité"-Staffel steht neben Sauerbruch vor allem das Schicksal der angehenden Ärztin Anni Waldhausen (Mala Emde) im Mittelpunkt. Eine fiktive Figur, die wie so viele junge Menschen in jener Zeit den Nationalsozialismus nicht infrage stellt. Sie assistiert dem Professor, als der vor laufenden "Wochenschau"-Kameras das Bein des Soldaten amputiert, ihm mittels der "Sauerbruchschen Umkipp-Plastik" das Leben rettet und eine aufsehenerregende Prothese fertigt.

Doch kurz darauf kennt Anni keine Skrupel, genau diesen Patienten für ihre Karriere zu opfern. Auf Wunsch ihres Doktorvaters, des Nervenarztes de Crinis, versucht sie zu beweisen, dass sich der junge Soldat "den Heimatschuss" selbst beigebracht hat. Darauf steht die Todesstrafe. Erst sehr viel später hinterfragt Anni ihr Tun.

Sie ist jung verheiratet mit Kinderarzt Dr. Artur Waldhausen, der linientreu Impfversuche an Behinderten durchführt. Die beiden werden Eltern. Als sich ausgerechnet das Baby dieses "arischen Vorzeigepaars" nach der Geburt nicht altersgerecht entwickelt, begreift Anni allmählich das Unmenschliche dieser Versuche.

Ärzte unter dem Hakenkreuz

Sauerbruchs Operationsmethoden waren damals spektakulär neu, das Berliner Klinikum Charité gilt in den Kriegsjahren 1943–1945 als Nabel der Medizin. Stärker noch als in der mit rund 7,5 Millionen Zuschauern sehr erfolgreichen ersten Staffel "Charité" über die Anfänge der modernen Medizin im Kaiserreich steht in dieser zweiten Staffel der Spagat der Ärzte zwischen Berufsethik und herrschender Ideologie im Mittelpunkt.

In der Ära, in der sie spielt, erschüttern Bombenangriffe auch Deutschlands berühmtestes Krankenhaus, Essenmarken und Mangelernährung gehören auch hier zum Alltag. Dennoch stehen große Teile der Belegschaft weiterhin treu zum Nazi-Regime.

Hintergrund

Für Regisseur Anno Saul war "die Arbeit mit Ulrich Noethen zum Niederknien", aber ebenso begeistert äußert er sich über seine weibliche Hauptdarstellerin Mala Emde ("Meine Tochter Anne Frank"): "Mala hat dieses natürliche Strahlen und dazu etwas Unerschrockenes. Sie kann eine Grundsympathie herstellen, obwohl ihre Anni zum Teil böse Dinge tut und sagt. Mala scheut auch die Schattenseiten ihrer Figur nicht. Das ist großes Kino." Die Drehbücher stammen von den Autorinnen Dr. Sabine Thor-Wiedemann und Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön.

Längst hat die ARD eine Fortsetzung geplant: Die dritte Staffel soll Anfang der 1960er-Jahre spielen – in Ostberlin, unter der DDR-Diktatur.

Serien-Kritik

Die zweite Staffel hebt die Jahre 1943 bis 1945 auf den Seziertisch. Die Frage nach den Mitläufern war für Regisseur Anno Saul ein zentraler Punkt beim Dreh. Fast die Hälfte der 52.000 deutschen Ärzte waren Mitglieder der NSDAP. Alle hatten den Eid des Hippokrates zum Wohl des Menschen geschworen – doch kaum einer protestierte gegen Menschenversuche, Euthanasieprogramme oder Zwangssterilisationen. Immer wieder legt die TV-Serie den Finger in diese Wunde.

Neben Sauerbruch haben viele Figuren der Serie reale Vorbilder: Max de Crinis war nicht nur Leiter der Psychiatrischen Klinik in der Charité, sondern auch SS-Standartenführer. Den zwangsversetzten Elsässer Professor Adolphe Jung gab es wirklich. Die Passagen über Sauerbruch beruhen in großen Teilen auf seinen Tagebüchern. Die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann haben die Hintergründe intensiv recherchiert. Das macht die Serie nicht nur sehenswert, sondern auch lehrreich.

(Eine Bewertung der Redaktion. Die Beurteilung des Films durch die GOKA-Jury ist davon unabhängig!)