Antje Traue über Knochen im Kühlschrank

Antje Traue spielt in der Serie "Dead End" eine Rechtsmedizinerin in der Provinz. Wir trafen die 38-jährige Schauspielerin zum Interview.

Von New York in die Brandenburger Provinz: Eigentlich will die schroffe Forensikerin Dr. Emma Kugel (Antje Traue) ihren Heimatort nur kurz besuchen, um ihren Vater Peter (Michael Gwisdek) zu sehen. Doch als sie merkt, dass der alternde Leichenbeschauer in seinem privaten Kühlschrank Knochen lagert und auch sonst Zeichen fortschreitender Demenz aufweist, zieht sie kurzerhand zu ihm. So beginnt die neue sechsteilige Crimeserie "Dead End", in der Antje Traue die Hauptrolle spielt. Ein Interview.

Trailer zu "Dead End"

Interview mit Antje Traue

Wie lässt sich "Dead End" am besten beschreiben – als Mix aus "Six Feet Under", "Quincy" und "Dexter"?

Ich freue mich über den Vergleich. Aber ich empfinde "Dead End" als etwas Eigenes. Die Serie zeigt ein überhöhtes Abbild der Provinz – sie ist nicht nur düster und makaber, sondern auch skurril und komisch. Man spürt den österreichischen Einfluss unseres Regisseurs und Drehbuchautors Christopher Schier.

Wie tickt Emma, die aus den USA in die brandenburgische Provinz heimkehrt?

Emma hat mich schon beim Lesen der Drehbücher gerührt, weil sie ein großes Paket mit sich herumträgt – eine große Portion Traurigkeit und Verschlossenheit. Ihr Vater ist Pathologe und Emma war immer von Toten umgeben. Sie musste sich frei strampeln und ist in die weite Welt gezogen. Gleichzeitig ist sie ein Kind der Provinz und hat eine Zugehörigkeit in Amerika vermisst. Mir kam sie so vor, als sei sie immer wie "bestellt und nicht abgeholt", woraus sich immer wieder eine Komik ergibt. Bei Begegnungen mit anderen Menschen sagt sie Dinge, die oft unpassend sind, obendrein schnörkellos sind und unterkühlt zu sein scheinen. Es war für mich eine schauspielerische Herausforderung, diese Grundspannung mit zu tragen, dass sie unter großem Druck steht – denn sie hat ein Geheimnis. Emma ist nicht unsympathisch, sondern scheu.

Waren Sie zur Vorbereitung in einer echten Gerichtsmedizin?

Nein, aber ich habe mir sehr viele Dokumentationen angeschaut, und auch mit Rechtsmedizinern telefoniert. Übrigens hat mich die Rolle auch deshalb gereizt, weil ich vor langer Zeit mit der Idee eines Medizinstudiums geliebäugelt habe, und weil ich mich sehr für die Funktionen des menschlichen Körpers immer interessiert habe.

Vordergründig ist "Dead End" eine Krimireihe, hintergründig ein Demenzdrama. Richtig beobachtet?

Ja. Pro Folge gibt’s einen Kriminalfall, umrahmt von einem größeren Bogen – nämlich der Geschichte zwischen Emma und ihrem Vater. Als Emma nach längerer Zeit aus den USA heimkehrt, merkt sie, dass ihr Vater verwirrt ist, und stellt allmählich fest, dass sich dahinter eine Demenzerkrankung verbirgt. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass Emmas Freund Kevin aus den USA nachreist und sie mächtig unter Druck setzt. Der Grund für sein seltsames Verhalten erschließt sich erst nach und nach. Insofern gibt es zwei emotionale Dreh- und Angelpunkte für Emmas Verhalten!

"Dead End" spielt in der Provinz. Könnten Sie sich vorstellen, in einem Dorf mit Buschtrommel sowie Klatsch und Tratsch zu leben?

An manchen Tagen habe ich den Wunsch, das zumindest mal auszuprobieren. Aber wenn ich mit Freunden spreche, die es bereits versucht haben, muss ich mir eingestehen, dass ich die Stadt mehr brauche, als mir häufig bewusst ist. In der Provinz wissen die Leute alles übereinander und in "Dead End" sind sie sogar irgendwie "stehengeblieben". Insofern würde mich das Leben in der Provinz wohl zu sehr einschnüren.

Wie realistisch sind die in "Dead End" dargestellten, rechtsmedizinischen Darstellungen – etwa wenn es darum geht, wie der Abdruck von einer Hähnchenkeule auf einem gerade gestorbenen Körper in einer Kältekammer aussieht?

Sehr realistisch – weil wir von rechtsmedizinischen Experten beraten wurden.

Steht Emma in der Tradition ambivalenter Antiheldinnen wie jene in "Three Billboards Outside Ebbing/Missouri" oder "Elle"?

Ja. Anfangs hatte ich ein bisschen Furcht, mich Emma anzunehmen, weil sie kein Sweetheart ist – und auch nicht leicht zugänglich. Emma lädt nicht dazu ein, sich mit ihr zu identifizieren. Ich hoffe aber, dass es uns gelungen ist, im Verlauf der Serie zu zeigen, dass Emma ausgegrenzt ist, oft verkannt wird und dass sie manchmal einfach nicht aus ihrer Haut kann. Sie will keine Menschen verletzen, aber sie stößt sie trotzdem vor den Kopf, weil sie ungeschickt ist.

Gibt es eine zweite Staffel?

Darüber wird nachgedacht, und Christopher Schier hat auch schon ein paar tolle Idee. Aber konkret ist noch nichts.

Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten spruchreifen filmischen Projekte?

Piotr Lewandowski hat mir eine sehr schöne Rolle in seinem nächsten Projekt "König der Raben" angeboten – eine zeitgenössische Geschichte eines jungen Migranten, der in unserer Welt zurechtkommen muss und auf eine Frau trifft, mit der er eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erlebt. Das Drehbuch hat mich sehr bewegt.