Kevin Bacon: "Als Schauspieler muss man egozentrisch sein"

Kevin Bacon begeistert in der neuen Crime-Serie "City on a Hill" als korrupter FBI-Agent, der im Boston der 1990er Jahre zum Partner eines idealistischen Staatsanwalts wird. Wir trafen den einstigen "Footloose"-Star zum exklusiven Gespräch über seine neue Traumrolle und Parallelen zum eigenen Leben.

Es war die Hochphase der Crack-Epidemie in den USA zu Beginn der 90er-Jahre. Bandengewalt und illegaler Waffenbesitz hatten in der Ostküstenmetropole Boston die Mordrate unter Jugendlichen in schwindelerregende Höhen getrieben.

Der Hintergrund von "City on a Hill"

Zu dieser Zeit rief der Kriminologe David Kennedy mit schwarzen Geistlichen, Polizisten, Bewährungshelfern und Streetworkern ein Programm gegen Gewalt ins Leben, mit dem es gelang, die Mordrate in der Stadt um 63 Prozent zu senken.

Medien brachten den Begriff des "Boston Miracle" auf, bis heute übernahmen mehr als 30 US-Großstädte Kennedys Modell. Der gebürtige Bostoner und Ex-Batman Ben Affleck erfuhr bei der Recherche zu dem Gangsterfilm "The Town" (2010) vieles über die damaligen Zustände. In seinem Thriller konnte er dies nicht aufgreifen, deshalb holte er seinen Freund Matt Damon als Executive Producer an Bord und tat sich mit dem Autor Chuck MacLean zusammen, der daraufhin die Serie "City on a Hill" (ab 5. August bei Sky Atlantic HD) entwickelte.

Darum geht's in "City on a Hill"

"City on a Hill" setzt auf dem Höhepunkt der Gewaltwelle ein, Rassismus und Korruption sind bei der Polizei verbreitet. Als der junge Staatsanwalt Decourcy Ward (Aldis Hodge) in einem Fall auch die fragwürdigen Methoden der weißen, alten Autoritäten in Angriff nimmt, stößt er auf gehörigen Widerstand. Decourcy muss mit einem miesen Kerl zusammenarbeiten, um einen Überfall der Familengang von Frankie Ryan (Jonathan Tucker) aufzuklären: dem korrupten FBI-Veteranen Jackie Rohr – großartig gespielt von "Footloose"- Star Kevin Bacon.

Originaltrailer zur Crime-Serie "City on a Hill"

"All der Schaden und Schmerz, den er anderen zugefügt hat, rächt sich langsam, aber sicher", sagt der 61-jährige Bacon über seinen Charakter. "Es ist faszinierend, ihn zu spielen." So viel Unverschämtheit und überholte Ansichten in einer Person erinnern an Zeiten, in denen politische Korrektheit noch unbekannt war – und genau das macht einen überraschenden Reiz der Serie aus.

"City on a Hill": Kevin Bacon im Interview

GOLDENE KAMERA: Was hat Sie an der Serie gereizt?

KEVIN BACON: Ich habe Ende der 70er als Schauspieler angefangen und diese Berufswahl war inspiriert von Filmen wie "Serpico", "Hundstage", "Hexenkessel" und "French Connection – Brennpunkt Brooklyn". Aber leider bekomme ich so gut wie nie Projekte angeboten, die in dieser Epoche spielen. Also hat mich "City on a Hill" sofort fasziniert. Und als ich das Drehbuch las, sah ich sofort meine Figur Jackie Rohr vor mir: Welche Kleider er trug, wie seine Stimme klang. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn einfach spielen muss.

"City on a Hill"-Mini-Featurette (OV) über das 'Boston Miracle'

Die Handlung in "City of Hill" ist fiktiv aber vom 'Boston Miracle' inspiriert. Wie viel wussten Sie von diesem besonderen Versuch der Kriminalitätsbekämpfung?

Ich hatte noch nie vom Boston Miracle gehört, aber durch meine Rolle als FBI-Agent in "Black Mass" war mir die damalige Kriminalität und Korruption innerhalb des FBI bekannt.

Die Idee für die Serie stammt von Ben Affleck. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Nein. Ben gab seine Idee ja an Chuck MacLean weiter, einen jungen Autoren, der in Boston aufgewachsen ist und die Stadt und ihre Geschichte in- und auswendig kennt. Wenn ich also Fragen hatte, habe ich mich an Chuck gewandt, der auch als Showrunner von "City on a Hill" fungierte.

Welche Beziehung haben Sie zu Boston?

Das ist, glaube ich, das siebte Mal, dass ich eine Figur aus oder in Boston spiele. Ich weiß auch nicht, warum mir immer diese Mafia-Rollen angeboten werden. (lacht) Denn ich komme aus Philly (Philadelphia) und habe selbst gar keinen Bezug zu Boston.

Ihre Figur liebt es, wenn alle nach seiner Nase tanzen – egal ob Frauen, Polizei-Kollegen oder sogar Richter. Und er hat eine Aversion gegenüber Veränderungen. Was mochten Sie an Jackie Rohr?

Jackie weiß genau, wie er andere manipulieren kann. Er kann sehr charmant sein, wenn er will oder muss. Aber er kann auch abscheulich sein. Er trinkt, nimmt Drogen, stiehlt, lügt und betrügt. Und er hat keine Skrupel, Gewalt anzuwenden. Er ist voll und ganz davon überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt – und wie er ans Ziel kommt ist ihm völlig egal.

Originalclip aus der Crime-Serie "City on a Hill"

Jackie hat seinen Charme eindeutig von Ihnen. Teilen Sie mit ihm im Gegenzug seine "Nach mir die Sintflut"-Einstellung?

Wenn ich etwas mit Jackie gemeinsam habe, dann ist es der Narzissmus. Jackie übertrifft mich natürlich bei weitem! (lacht) Aber als Schauspieler muss man einfach etwas egozentrisch sein. Außerdem sind Jackie und ich beide Männer eines ganz speziellen Alters: Wir sind noch nicht bereit, unser Tempo zu drosseln, sondern haben unseren Fuß auf dem Gaspedal und schauen nach vorne statt in den Rückspiegel.

Originalclip aus der Crime-Serie "City on a Hill"

Sie spielen meistens eher stille Typen. Ist Jackie Rohr die gesprächigste Figur, die sie je gespielt haben?

(lacht) Aber genau das hat mich an dieser Rolle so gereizt. Ich habe mich so oft nur körperlich ausgedrückt und meine Gefühle verinnerlicht. Es ist sehr befreiend, mal meinem Mund diese Arbeit zu überlassen. Und Jackie redet nicht nur gern - er hält einfach nie die Schnauze! (lacht)

Interview: Anke Hofmann