Emilia Schüle: "Eva Fassbender ist zu neuen Abgründen fähig!"

Emilia Schüle spielt seit der ersten "Ku'damm"-Staffel die zielstrebige Eva Schollack, die nur eins will: gut heiraten. Warum es in "Ku'damm 63" zu einem Machtwechsel in der Ehe der Fassbenders kommt, verrät die 27-jährige Hauptdarstellerin exklusiv im Interview.

GOLDENE KAMERA: Emilia, vor welchen Herausforderungen steht Eva in der 3. Staffel?

Emilia Schüle: Vor einem großen, spannenden Wandel! Die zweite Staffel endete ja damit, dass Eva ihren Mann mit einem Tonband dabei aufnahm, wie er sie zusammenschlug. Insofern gibt es in ihrer Ehe nun einen spannenden Machtwechsel, weil die Frauen damals normalerweise abhängig von ihren Männern waren. Eva hingegen erpresst ihn nun und fordert von ihrem Ehemann ein, dass sie wieder arbeiten darf und dass sie kompletten Zugang zu seinen Bankkonten hat.

„Kudamm“-Chefautor Marc Terjung verrät, dass Eva in der 3. Staffel den kompliziertesten Weg gehen muss. Stimmen Sie ihm zu?

Emilia Schüle: Alle Schöllack-Töchter müssen einen komplizierten Weg gehen, aber Eva ist ganz besonders ein Opfer ihrer Zeit – weil sie in eine Ehe mit einem viel zu alten Mann gedrängt wurde. Am liebsten würde Eva daraus ausbrechen, aber an ihrem Beispiel sieht man, wie unglaublich schwierig das war. In der 3. Staffel wird besonders deutlich, welches Schicksal eine Frau, die ihren Mann verlassen wollte, erwartete, und dass das Leben für eine geschiedene Frau überhaupt nicht lebenswert war.

Wie entwickelt sich die Mode weiter? Hat Eva einen neuen Stil? Auf den Fotos ist sie blond – und hat etwas Sixties-Mäßiges, inspiriert von der Londoner Fashion, richtig?

Emilia Schüle: Genau. Eine der Freiheiten, die sich aus der neuen Kräfteverteilung in Evas Ehe ergibt, ist, dass sie sich jetzt innerhalb der Kunstszene bewegt. Deshalb ist sie modisch viel extrovertierter. Und ja, in dieser Staffel haben alle „Kudamm“-Frauen ganz „typisch“ toupierte Sixties Hinterköpfe.

Wie ist Evas Verhältnis zu ihrer dominanten „Mutti“ Caterina in der neuen Staffel?

Emilia Schüle: Zwischen den beiden knallt es! In der dritten Staffel muss Caterina lernen, dass sie ihre Töchter endlich loslassen muss, weil ihr dominantes Verhalten ansonsten dazu führt, dass sie sie verliert. Außerdem arbeitet Caterina hart an sich selbst.

Was haben Sie durch die „Kudamm“-Reihe über deutsche Geschichte gelernt?

Emilia Schüle: Sehr viel. Die erste Staffel war ein Augenöffner für mich. Damals war ich Anfang 20 und hatte mich noch nicht so sehr damit befasst, wie es den Frauen 1956 ergangen war. Aber Stück für Stück habe ich dann immer mehr über die deutsche Geschichte gelernt, weil ich neben „Kudamm“ filmisch auch noch ins Jahr 1890 gereist bin – für die ARD-Serie „Charité“. Später kamen dann noch die Dreharbeiten zu „Mordkommission Berlin 1“ in den 20ern dazu. Ich finde es spannend, zu sehen, dass die Frauen in den 20er-Jahren weitaus mehr Freiheiten genossen haben als nach dem 2. Weltkrieg in den 50er-Jahren. Zeitgleich zur zweiten Staffel von „Kudamm“ hat Deutschland über MeToo diskutiert, was sich bei uns tatsächlich spiegelte, da Monika von einem Regisseur belästigt wurde. Das hat den Zeitgeist sehr getroffen. Ich konnte durch meine Filme viel über die Stellung der Frau der letzten Jahrzehnte lernen – und bin der Meinung, dass wir immer noch nicht ganz angekommen sind bei der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann.

Was ist das Erfolgsgeheimnis der Reihe?

Emilia Schüle: Dass alle beteiligten Gewerke – von der Regie über die Autorin sowie das Ensemble –tolle Arbeit geleistet haben und wir inhaltlich einen Nerv der Zeit getroffen haben. Das habe ich daran gemerkt, dass ich von allen möglichen, unterschiedlichen Generationen auf die Serie angesprochen wurde. Besonders schön war beispielsweise, als mich eine 50-jährige Dame darauf ansprach, dass sie dank der „Kudamm“-Reihe nun endlich etwas über ihre Mutter verstanden habe.

Was mögen Sie charakterlich an Eva, was nicht?

Emilia Schüle: Eva ist spannend, weil sie eine tragische Figur ist – und ein Opfer ihrer Zeit. Denn sie lebt als junge Frau mit einem gut 35 Jahre älteren Mann zusammen, mit dem sie überhaupt nichts verbindet und schon gar nicht eine gesunde Sexualität entwickeln kann. Außerdem arbeitet sie in der ersten Staffel in einer frauenpsychiatrischen Anstalt, in der „hysterische“ Frauen sediert werden. Sie hält all das aus, weil es ihr an Empathie mangelt. In der zweiten Staffel führt dies dazu, dass sie sich aus ihrer Verzweiflung heraus lieber prostituiert, als bei ihrem Mann zu bleiben. Das ist spielerisch total spannend.

Welche Rolle spielt Evas Ehemann in der neuen Staffel für ihre Weiterentwicklung?

Emilia Schüle: Eine zentrale Rolle, weil eine Frau damals ohne ihren Ehemann eigentlich nicht lebensfähig war. In der zweiten Staffel wurde Eva so von Fassbender gedemütigt und emotional misshandelt, dass sie deswegen in der neuen Staffel zu neuen Abgründen fähig ist und irgendwann droht ihren Verstand – oder besser ausgedrückt – ihre Vernunft zu verlieren, um aus dieser Abhängigkeit von ihm auszubrechen.

Wie hat „Ku'damm“ Ihr Leben verändert?

Emilia Schüle: Die Reihe hat mir auf jeden Fall eine Filmfamilie gegeben - ein Band, das mir niemand mehr nehmen kann. Es passiert einem ja nicht so oft, dass man mit anderen Menschen neun gemeinsame Filme dreht! Außerdem habe ich zwei wunderbare Freundinnen mit Maria Ehrich und Sonja Gerhardt gewonnen.