"The Plot Against America": Als Amerika auf Nazis flog

Die Adaption des Philip Roth-Roman "The Plot Against America" (Mittwoch, 20. Mai, Sky Atlantic) zeigt, wie die USA 1940 faschistisch werden. Eine Fiktion mit erschreckend aktuellen Parallelen.

America first! Mit diesen zwei Worten fasste Donald Trump im März 2016 seine außenpolitischen Prinzipien zusammen. Doch der amtierende US-Präsident war nicht der Erste, der sich dieses Slogans bediente. Schon das im September 1940 gegründete "America First Committee“ setzte sich für eine Politik der Isolation ein. Prominentester Unterstützer dieser Gruppierung, die vehement gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg kämpfte, war Fliegerheld Charles Lindbergh. "Die drei wichtigsten Gruppen, die dieses Land in den Krieg drängen, sind die Briten, die Juden und die Roosevelt-Regierung“, polterte Lindbergh in einer Rede, die von fast allen politischen Vertretern und den Medien geächtet wurde. Doch was, wenn sie auf fruchtbaren Boden gefallen wäre? Diesen Gedanken spielte Philip Roth 2004 in seiner alternativen Geschichtsschreibung "The Plot Against America“ (dt. Titel: „Verschwörung gegen Amerika“) durch.

Trailer: "The Plot Against America"

Der Roman wurde als Kommentar zur Bush-Regierung nach dem 11. September verstanden, eine Interpretation, die dem 2018 verstorbenen Roth missfiel: "Ich schreibe keine Bücher, damit Menschen daraus Lehren ziehen können.“ Der Ex-Journalist und Serienmacher David Simon („The Wire“) tat es dennoch. Bereits 2013 trat HBO mit dem Projekt an Simon heran, doch der winkte zunächst ab. Kurz nach der Wiederwahl von Barack Obama hatte das Thema für ihn keine gesellschaftliche Relevanz. Vier Jahre später war alles anders: Der Wahlkampf von Donald Trump und Hillary Clinton wirkte wie aus Roths Buch.

Trumps Aussagen erinnerten an die Lindberghs, weiße Nationalisten bekamen Rückenwind, so wie die Antisemiten in der Romanvorlage. Wie jene US-Amerikaner, die überzeugt waren, Trump werde Clinton unterliegen, schätzt auch die jüdische Familie, die im Zentrum der Serie steht, die Lage zuerst völlig falsch ein.

Darum geht's in "The Plot Against America"

"Roosevelt wird mit Lindbergh den Boden wischen“, predigt Familienoberhaupt Herman Levin (Morgan Spector). Für den New Yorker Versicherungsvertreter ist es unvorstellbar, dass ein Mann ohne politische Erfahrung wie Lindbergh gegen Amtsinhaber Franklin D. Roosevelt gewinnt. Als es doch so kommt, ändert sich alles. Viele Amerikaner leben ihren bisher unterschwelligen Antisemitismus offen aus, Hermans Hilflosigkeit stellt seine Ehe vor eine Bewährungsprobe, Schwägerin Evelyn (Winona Ryder) entfremdet sich durch ihre Liebe zu einem opportunistischen Rabbi (John Turturro).

Und Neffe Alvin will nicht länger zusehen, wie das Weiße Haus Nazis hofiert und tritt der kanadischen Armee bei.

Hintergrund

Nachdem Charles Lindbergh am 20. Mai 1927 in der Spirit of St. Louis als Erster den Atlantik allein in einem Nonstop-Flug überquert hatte, lag ihm die Welt zu Füßen. New York feierte den Nationalhelden mit einer Konfettiparade, Präsident Coolidge verlieh ihm die "Medal of Honor“, das "Time Magazine“ kürte den 25-Jährigen zum Mann des Jahres. Doch zehn Jahre später zerstörte Lindbergh sein Ansehen. Im Auftrag des US-Militärs reiste er oft nach Deutschland und ließ sich 1938 von Hermann Göring einen Verdienstorden anstecken. Dass er ihn nach den Novemberpogromen nicht zurückgab, sorgte für Unverständnis. Weil er sich zudem vehement gegen den Kriegseintritt der USA aussprach, kam der Verdacht auf, er sympathisiere mit den Nazis.

Im September 1941 bezichtigte Lindbergh bei einer Rede in Des Moines u. a. Juden der Kriegstreiberei. Sein Antisemitismus und sein Glaube an eine überlegene Rasse traten immer mehr in den Vordergrund, wegen seines Ruhms fand er Gehör. Das "America First Committee“, eine Organisation von US-Isolationisten, überlegte, Lindbergh bei der Präsidentschaftswahl 1942 als Kandidaten aufzustellen. Auch nach dem Krieg blieb Lindbergh Deutschland treu. Er zeugte mit drei deutschen Frauen Kinder, die erst Jahre nach dessen Tod 1974 erfuhren, wer ihr Vater war.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil…

Die sechs Folgen, die grob im Halbjahresabstand die Zeit von Juni 1940 bis November 1942 umspannen, zeigen ein klaustrophobisches, schockierend realistisches Horrorszenario, das den Zuschauer noch lange nachdenken lässt. Und David Simon entwirft ein konsequenteres Ende als Philip Roth. Statt wie im Roman die Geschichte wieder in reale Bahnen zu lenken, lässt er die Serie in einer eindringlichen finalen Warnung münden: Niemand sollte sich zurücklehnen, weil er sich auf der sicheren Seite wähnt – die Demokratie muss jeden einzelnen Tag aufs neue verteidigt werden.