Krieg der Wiesenwirte: Neue Serie "Oktoberfest 1900"

Bier, Blut und Tränen fließen in Strömen: Die Serie „Oktoberfest 1900“ (ab Dienstag, 15. September, 20.15 Uhr, Das Erste) zeigt historische Machtkämpfe in München.

"Die Krüge hoch!", tönt es aus Tausenden Kehlen, deren Bierdurst bald Linderung erfährt. „Oans, zwoa, g’suffa!“, brüllt der Nürnberger Großbrauer Curt Prank (Mišel Matičević) und dirigiert wie ein Besessener die Kapelle, die Schunkellieder anstimmt: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“ Die Massen sollen trinken, trinken, trinken. Denn Prank hat ein großer Ziel: Er, der „zuagroaste“ Nichtmünchner, will das Oktoberfest revolutionieren. Und dafür ist ihm jedes Mittel recht.

Trailer zu "Oktoberfest 1900"

Die Miniserie „Oktoberfest 1900“ lehnt sich an wahre Ereignisse an

Um die Jahrhundertwende ließ der Nürnberger Wirt Georg Lang erstmals eine riesige Bierhalle auf der Wiesn errichten, in der er den Umsatz mit Saufliedern und Trinksprüchen ankurbelte. Lang gilt als „Vater der Bierzeltstimmung“.

Auch der Münchner Alltag wird in der Serie historisch korrekt dargestellt: Die Bonzen feiern in ihren Villen in Bogenhausen, die „kleinen Leute“ darben in Arbeitervierteln wie Haidhausen, die Boheme tummelt sich in Schwabing – und die Samoaner von der „Völkerschau“ campen an der Isar. Doch Regisseur Hannu Salonen („Verbrechen“ nach Ferdinand von Schirach) liefert kein Dokudrama ab.

Mišel Matičević als Curt Prank

Hauptdarsteller Matičević („Babylon Berlin“) sieht den Sechsteiler eher als gelungene Mischung aus einer „spannenden Serie mit historischem Hintergrund, etwas Gangstertum und einer Liebesgeschichte.“ Auf ein einziges Genre will er sich nicht festlegen.

Dabei könnte sein Curt Prank einem Thriller entsprungen sein. „Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und liebender Vater, aber auch skrupellos und tyrannisch gegen die Tochter.“ Dass er sie „verschachern“ will, ist noch harmlos gegen das, was er seinen Konkurrenten, den Hoflingers, antut: Der Budenplatz der alteingesessenen Brauer soll seiner Vision einer Bierburg für 6000 Gäste weichen. Dafür geht Prank über Leichen und macht sich Maria Hoflinger, Erbin des traditionsreichen Deibel Bräu, zur Todfeindin.

Martina Gedeck als Maria Hoflinger

Martina Gedeck („Das Leben der Anderen“) zeigt sich als Idealbesetzung für diese „kämpferische Frau, die immer nah am Wahn steht“. Als schicksalsgebeutelte Hoflinger muss Gedeck darauf achten, „dass die Wut da ist“, die Frau aber nicht zur Karikatur wird.

Für die Schauspielerin ein Riesenspaß: „Maria ist eine, die den Leuten ihre Meinung sagt. Sie zeigt Kante! Das hat man nicht alle Tage in seinen Rollen.“ Zudem gefällt Gedeck, wie die Handlung von „Härte und Brutalität, Kraft und Wucht“ getrieben wird. Unverdeckt, wie Gedeck meint, „weder verschämt noch hinter vorgehaltener Hand versteckt“.

Der Sechsteiler ist das saftige Panoptikum seiner Zeit. Wobei Gedeck zu bedenken gibt: „Die Zeit, auch die alte Zeit, ist etwas Abstraktes. So genau können wir sie nicht kennen. Wir haben nur eine Art Annäherungswert.“ Doch diese Zeit scheint der unseren gar nicht so unähnlich. „Das Einzige, an dem ich die Historie wirklich gespürt habe, waren die Korsetts“, so Gedeck. „Und an die gewöhnt man sich.“

Den Bogen zur Jetztzeit schlägt im Film zudem der Einsatz der Musik: Neben Volkstümlichem und Oper, etwa aus Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, erklingen auch Rock und Pop. „Man holt die Historie ins Heute, indem man die Musik heutig macht“, sagt Gedeck. „So kriegt das Ganze ein bisschen mehr Rock ’n’ Roll!“

Internationaler Erfolg

Das scheint die Serie auch für den internationalen Markt interessant zu machen: Das US-Branchenblatt „Variety“ berichtete schon im Juni 2019 über das „Empire Oktoberfest“. Netflix sicherte sich die Ausstrahlungsrechte: Der Streaming-Gigant zeigt die Serie ab 1. Oktober in 190 Ländern. So sorgt die Wiesn, die 2020 wegen Corona ausfallen muss, heuer doch noch für Spaß. Und das weltweit.

Bis zum 31. Dezember 2020 ist "Oktoberfest 1900" in der ARD-Mediathek abrufbar.