"I May Destroy You" über das Ende einer Partynacht

"I May Destroy You" (ab Samstag, den 24. Oktober, 20.15 Uhr, Sky Atlantic) setzt sich klug mit dem Thema sexuelle Gewalt auseinander.

Darum geht's in "I May Destroy You"

Die Londoner Autorin Arabella ist lebenslustig, selbstbewusst, erfolgreich. Mit ihrem auf Tatsachen beruhenden Roman "Confessions of a Fed-Up Millennial“ über die Sexualität der Frau ist sie gerade in aller Munde. Als es mit ihrem zweiten Buch nicht so richtig vorangeht, lässt sie sich eines Nachts von einem Freund überreden, feiern zu gehen. Am nächsten Tag hat Arabella einen Filmriss. Nach und nach wird ihr klar, dass sie betäubt und vergewaltigt wurde. Eine tiefgründige, empfindsame und auch tragikomische Aufarbeitung und Abrechnung nimmt ihren Lauf.

Trailer: "I May Destroy You"

Michaela Coel im Interview

"I May Destroy You“ geht unter die Haut – auch weil Drehbuchautorin und Co-Regisseurin Michaela Coel, die selbst die Hauptrolle übernahm, darin eigene Erfahrungen verarbeitet. Sie erlebte Ähnliches wie Arabella. "Ich habe diese Serie nicht voller Wut geschrieben, sondern vielmehr aus Neugierde. Ich wollte versuchen, dieser sinnlosen, furchtbaren Tat eine Bedeutung zu geben, denn sonst bliebe da nur noch Verzweiflung“, erklärt Coel im Interview mit GOLDENE KAMERA.

Mit dem Schreiben habe sie sich emotional abreagiert und von inneren Spannungen befreit. Coel sprach auch mit anderen Betroffenen sexuellen Missbrauchs und fand schnell heraus, was bei allen den größten Schmerz verursacht: "Wenn dir dein Recht auf Zustimmung und Einwilligung gestohlen wird, während du völlig schutzlos bist.“

Das sei aber kein Grund, fortan voller Angst durchs Leben zu gehen. „Das wäre nicht gesund. Eine Gesellschaft, die in Wut und Angst lebt, wird in die Irre geführt. Das Leben ist nun mal unsicher, genau darin liegen ja seine Schönheit und sein Schrecken. Man muss sich entscheiden, wann man welche Perspektive wählt“, sagt Coel. Als die Polizei in ihrem Fall nach einem Jahr und drei Monaten einen mutmaßlichen Täter festnahm, der aber wegen fehlender DNA-Spuren nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte, wählte die Britin mit ghanaischen Wurzeln für sich das Prinzip Vergebung.

Sie vergab sich selbst: "Ich habe gelernt, gut zu mir zu sein. Ich musste meine Energie wieder in mich selbst fließen lassen, um Frieden zu finden.“ Dazu meditiert sie, starrt manchmal einfach Bäume an – oder schreibt sich den Kummer von der Seele. Bis heute kann die 33-Jährige nicht so recht glauben, wie viel Vertrauen ihr die Sender BBC und HBO entgegenbrachten. Sie habe die Auftragsmail aufgehoben und lese sie immer wieder gern, weil sie so dankbar dafür sei. "Darin steht, dass ich die Story erzählen kann, wie ich sie erzählen will, und nicht zensiert werde.“

Hintergrund

So entstanden gewagte, auch schreiend komische Dialoge, die ihrer eigenen Ausdrucksweise entsprächen. Bei allen Ähnlichkeiten darf man die etwas verlorene Social-Media-Jüngerin Arabella nicht mit ihrer Schöpferin Michaela Coel verwechseln. Die Poetin und Schauspielerin Coel wurde in England mit ihrem Theaterstück "Chewing Gum Dreams“, aus der sie die Fernsehserie "Chewing Gum“ (2015–2017) entwickelte, zum Star.

Komikerin und Schauspielerin Issa Rae ("Insecure“) und Musikerin und Schauspielerin Janelle Monáe, deren Songs in der Serie zu hören sind, gehören zu ihren Freunden. Ebenso Natasha Lyonne ("Orange Is the New Black“), die sich als Fan ihrer Arbeit geoutet hat.

Der Serientitel "I May Destroy You“ trifft also keinesfalls auf Coel zu. Sie hat sich weder selbst zerstört, noch schaffen es andere, das zu tun. "Die Bedeutung des Titels verändert sich von Folge zu Folge“, erklärt Michaela Coel die Botschaft ihrer Geschichte. Wer sie ergründen möchte, sollte sich unbedingt die gesamte Serie ansehen.