Benjamin Gutsche: "Jeder Mensch hat Sehnsüchte"

Das Team von "All You Need": V. li. n. re.: Arash Marandi (Rolle Levo), Mads Hjulmand (Rolle Tom), Christin Nichols (Rolle Sarina), Frédéric Brossier (Rolle Robbie), Benito Bause (Rolel Vince) und Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Gutsche.
Das Team von "All You Need": V. li. n. re.: Arash Marandi (Rolle Levo), Mads Hjulmand (Rolle Tom), Christin Nichols (Rolle Sarina), Frédéric Brossier (Rolle Robbie), Benito Bause (Rolel Vince) und Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Gutsche.
Foto: © ARD Degeto/Andrea Hansen
Die erste schwule ARD-Serie „All You Need“ zeigt vier Männer zwischen One-Night-Stands und großer Liebe. Wir sprachen mit Regisseur Benjamin Gutsche.

Benjamin Gutsche hat sich die erste schwule Dramedyserie "All You Need" der ARD nicht nur ausgedacht, sondern auch Regie geführt. Im Interview mit goldenekamera.de verrät der 35-Jährige, was ihn inspiriert hat – und wie realistisch der Fünfteiler ist.

GOLDENE KAMERA: Benjamin, was ist Ihr Anspruch bei dieser Serie?
Benjamin Gutsche: „All You Need“ ist die erste queere, deutsche Serie im Mainstream, sie erzählt über das schwule Leben in Berlin. Mein Anspruch ist Authentizität, und von einem Freundeskreis zu erzählen, der sein Coming-Out bereits hinter sich hat.

Zu wieviel gefühlten Prozent besteht die Serie aus persönlichen, dramaturgisch verdichteten Erlebnissen?

Vieles ist fiktionalisiert, aber anderes beruht durchaus auf persönlichen Erinnerungen – beispielsweise die Erfahrungen aus dem Nachtleben oder die Reflektionen darüber, wie heranwachsende Jungs so konditioniert werden, dass sie nicht mehr mit Puppen, sondern mit Robotern und Rittern spielen.

Wie realistisch ist die Serie?

Weil die Serie fiktional ist, sind die Konflikte natürlich zugespitzt. Trotzdem haben mir viele Freunde berichtet, dass sie sich in den Figuren wiedererkennen. Wir erzählen ziemlich authentisch und fangen das Lebensgefühl einer queeren Urbanität ein.

Ist „All You Need“ eine reine Unterhaltungsserie oder ein Aufklärungsprojekt mit Denkanstößen?

Beides. Einerseits will ich fünf Folgen lang gute Unterhaltung liefern, aber andererseits auch das Herz berühren – und Themen ansprechen, die aufwecken sollen.

Auf Instagram diskutieren Sie mit dem queeren Star Bambi Mercury über die Serie. Warum?

Bambi Mercury war als Drag-Queen am Set und erfuhr beim Dreh, dass unser Hauptcast heterosexuell ist. Anschließend haben wir auf Instagram über die Gründe diskutiert – und beispielsweise offengelegt, dass es für uns schwierig war, schwule Schauspieler zu casten, weil es sich natürlich verbietet, beim Casting nach der sexuellen Präferenz zu fragen. Umso großartiger ist das Zeichen, dass 185 Schauspieler*innen mit dem #ActOut Manifest gesetzt haben. #ActOut hat die deutsche Filmbranche dafür sensibilisiert, dass heterosexuelle Schauspieler*innen alles spielen dürfen, während es homosexuellen oder queeren Schauspieler*innen verwehrt bleibt und sie nur noch auf bestimmte Rollen festgelegt sind.

„All You Need“ zeigt eher die brave schwule Seite von Berlin: Hochglanzsauna, Hochglanzdisko, Hochglanzvorstadthaus. Warum?

Die „Hochglanzsauna“ und die „Hochglanzdisko“ sind originale, queere Begegnungsorte in Berlin, die wir als Drehlocations genutzt haben – Safe Spaces für unsere Community. Mir ist es wichtig, eine empowernde Message an die Zuschauer*innen senden. Die erste deutsche queere Serie soll den Zuschauer*innen vermitteln, das Schwulsein etwas Positives ist – nichts, wofür man sich schämen muss.

Wer ist die Zielgruppe?

Ich möchte gerne eine Serie von der Community für die Community machen, und wer darüber hinaus Lust hat, unsere Serie zu schauen, ist natürlich herzlich eingeladen.

Kurz zu den Figuren: Vince repräsentiert einen divers-schwarzen Schwulen, Robbie einen heteronormativ-geprägten Mann, Tom einen sexuell unbändigen Ex-Hetero und Levo einen tuckigen Kerl mit einem Victoria-Beckham-Komplex – er pimpt seinen Typen, doch als der zu attraktiv wird, bekommt er Angst. Richtig beobachtet?

In der Überspitzung: Ja. Mir war es wichtig, weit verbreitete Klischees und Stereotype aufzugreifen, und sie anschließend zu brechen. Denn jeder Mensch hat Sehnsüchte und Visionen und gibt sich privat anders als nach außen.

Was würden Sie Kritikern entgegnen, die behaupten, dass die Serie ein ziemlich braver, deutscher ARD-Abklatsch von „Queer as Folk“ wäre?

Natürlich freue ich mich über einen Vergleich mit einem Klassiker der queeren Serie – aber bei uns geht’s nicht hauptsächlich um Sex, obwohl wir ihn natürlich nicht aussparen. Im Gegenteil, wir wollen erzählen, dass die Figuren auch mit anderen Problemen zu kämpfen haben. Denn Sexualität ist nur eine kleine Facette im Leben eines schwulen Mannes.

Wo mussten Sie Kompromisse mit der ARD eingehen? Was durften Sie nicht zeigen?

Wir mussten keine Kompromisse machen. Man hat mir wahnsinnig viele Freiheiten gelassen.

Bleibt der Cast derselbe in der 2. Staffel gibt?

Ja. Wir wollen gern mit dem Cast weitermachen und die Serie außerdem um einige spannende Figuren erweitern. Und dafür wünsche ich mir noch Erzählzeit.

Interview: Mike Powelz