Bambi Mercury: "Die Sichtweise ist eindimensional"

Bambi Mercury spielt in der ersten Folge von "All You Need" mit.
Bambi Mercury spielt in der ersten Folge von "All You Need" mit.
Foto: @ Candy Crash
Die erste schwule ARD-Serie „All You Need“ zeigt vier Männer zwischen One-Night-Stands und großer Liebe. Wir sprachen mit Bambi Mercury.

Schon im Vorfeld der Ausstrahlung von „All You Need“ gab es Diskussionen im Internet: Bambi Mercury (33), Drag-Artist und heimlicher Gewinner von Heidi Klums Castingshow „Queen of Drags“, spielt in der ersten Folge mit.

Nach dem Dreh verriet er bei Instagram, dass ihn ein Castingbüro gefragt hatte, ob er mitmachen wolle – und dass man ihm gesagt habe, dass alle Beteiligten queer wären. Später jedoch, so Mercury, habe sich herausgestellt, dass das gar nicht stimmte. Auf die Kritik von Mercury reagierte der Autor und Regisseur Benjamin Gutsche (hier im Interview) prompt: Ebenfalls auf Instagram diskutierte er mit Bambi Mercury über die Gründe für sein Casting. Doch wie gefällt Mercury die fertige Serie? Gemeinsam mit Mike Powelz von Goldene Kamera hat er sich „All You Need“ komplett angesehen.

Bambi Mercury im Interview

GOLDENE KAMERA: Welche Schulnote geben Sie "All you need"?

Bambi Mercury: Eine drei („befriedigend“). Das entspricht dem gesunden Mittelmaß.

Ist "All you need" eine authentische Serie über das queere Leben in Berlin?

Jein. Auf einen Teil der Community mag das zutreffen, aber bestimmt nicht auf alle.

Was mögen Sie an der Serie?

Unabhängig davon, welche sexuellen Präferenzen der Cast hat, ist er optisch sehr schön und recht divers. Und das Intro ist sehr cool – wirklich modern und anders.

Was sind Ihre größten Kritikpunkte?

Womit soll ich anfangen? Der Erzählstil ist sehr schleppend und die Sichtweise ist eindimensional. Außerdem hätte es der Serie gutgetan, wenn einige Schauspieler wirklich queer wären, weil jemand, der selbst queer ist, wahrscheinlich hinterfragen würde, ob es realistisch ist, wenn er so reagiert, wie das Drehbuch es vorgibt.

Bitte ein Beispiel …

In einer Szene redet der sehr feminine Webdesigner „Levo“ mit seinem Partner „Tom“ und der Clique darüber, dass man Dritten seine Homosexualität nicht ständig unter die Nase reiben müsse. Ein solcher Dialog macht wenig Sinn, weil „Levo“ erstens feminin ist und zweitens gegenüber seinem Vater darauf besteht, sich nicht für Heteros zu „verbiegen“. Die Aussagen sind total widersprüchlich, oder anders ausgedrückt: Blödsinn.

Laut dem Autor und Regisseur Benjamin Gutsche war schwierig, schwule Schauspieler zu casten, weil es sich verbietet, beim Casting nach der sexuellen Präferenz zu fragen.

Why? Wenn man ein Casting öffentlich macht wird doch auch angegeben, dass man bestimmte Typen sucht – beispielsweise Rentner, Kinder oder Menschen mit Behinderung. Wo wäre es denn schwierig gewesen zu sagen: „Hey, für eine queere Serie suchen wir Darsteller, die sich damit identifizieren können.“ Ich finde, das ist nur eine Ausrede aus Bequemlichkeit.

Die Macher wollen die Zuschauer empowern, sich eine positive Serie über Schwule anzusehen. Ist „All You Need“ vor diesem Hintergrund gelungen?

Nein, die Serie empowert nicht, weil alle coolen Momente kaputt gemacht werden. Ständig geht es um Seitensprünge, Geheimnisse und Lügen, aber nicht um Vertrauen, Zusammenhalt und Liebe. Stattdessen geht fast jeder mit jedem in die Kiste und in den Partnerschaften wird – Vorsicht: Klischee! – über Dreier und Hundemasken geredet. Stellt man seinen Freunden seinen neuen Partner nackt unter der Dusche in einer Schwulensauna vor? Kein Hauptcharakter hat ein wirklich cooles Leben. Für eine queere Show ist „All You Need“ am Ende sehr ernüchternd.

Ihre Lieblingsfigur?

Vincent. Ich finde es toll, dass diese Figur wirklich sehr authentisch und nicht aufgezwungen rüberkommt – und dass der Rassismus-Aspekt aus seiner Sicht erzählt wird. Vince vermittelt den Zuschauern die Botschaft, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss, sondern für sich selbst sprechen kann.

Wie gut gefallen Ihnen die Figuren generell?

Wie bereits gesagt, die Sichtweise ist sehr eindimensional. Leider lernt man die Charaktere überhaupt nicht wirklich kennen – so weiß man weder, wo sie herkommen, noch wie sie ihre Miete bezahlen. Auf den Zuschauer wirken sie so, als lebten sie einfach bloß in den Tag rein – mit Ausnahme des Ex-Heteros, der man in einem Office gezeigt wird.

Werden Sie sich die zweite Staffel von „All You Need“ angucken?

Ganz ehrlich? Normalerweise hätte ich mir nicht mal die zweite Folge angeschaut. Es hätte einen guten Cliffhanger gebraucht, um die Spannung zu halten und den Zuschauer heiß auf mehr zu machen.

Die Serie will Klischees über Schwule brechen. Klappt das?

Nein. Zwar wird nicht krass auf Klischees gesetzt, aber als Schwuler rollt man schon mit den Augen. Wenn es den Produzenten wirklich um das Brechen von Klischees gegangen wäre, hätten die Darsteller von „Vince“ und „Levo“ die Rollen tauschen sollen – weil „Vince“ „Levos“ aufgesetzte Femininität viel glaubwürdiger rübergebracht hätte. Und statt beispielweise eine Diskussion von „Tom“ und seiner leider niemals sichtbaren Ehefrau über „Tom‘s“ Analduschenaufsatz einzubauen und „Levo“ mit Toms Ehefrau zu konfrontieren lassen die Produzenten die Figuren lieber fremdgehen und lügen. Dabei wäre es viel interessanter gewesen, auch mal die Verzweiflung der Ehefrau zu zeigen.

Laut den Machern ist Sex nur eine Facette im Leben von Schwulen. Vermittelt die Serie das glaubwürdig?

Nein, im Endeffekt zerstört Sex hier alles. Ein bisschen mehr Positivität und Leichtigkeit in „All You Need“ wären schöner, weil es in der Serie nur selten Momente gibt, in denen man durchatmen kann und sich mitfreut. Und wenn der Satz „Ich bin schwul – und stolz, schwul zu sein“, dann endlich mal fällt, wird er nicht glaubwürdig vorgelebt. Wäre ich ein junger Schwuler, der in Grevenbroich in einem Reihenhaus lebt, würde ich mich nicht trauen, in die Großstadt zu ziehen, weil dort alles deprimierend zu sein scheint. Und Eltern, die diese Serie sehen, glauben wahrscheinlich ebenfalls, dass die Zukunft ihres schwulen Sohns ein riesengroßes Drama ist. Klar kämpfen wir Schwulen um Anerkennung, aber das kann man auch motivierender zeigen statt die Charaktere ständig im Selbstmitleid baden zu lassen oder sie leidend darzustellen. Ich wünsche mir mehr Lichtmomente. Außerdem hätte ich mir vielleicht eine non binäre, trans oder lesbische Figur dazu gewünscht – jemanden, der es selbst nicht immer leicht hat, aber zu sich steht, Positivität ausstrahlt und den anderen auch mal in den Hintern tritt.

Welche schwulen Sendungen würden Sie jungen Zuschauern empfehlen?

Ich finde "Love, Simon" (Amazon Prime) und "Love, Victor" (Disney+) cool. Das ist für die jüngere Generation eine unkomplizierte, leicht verdauliche Abendunterhaltung, die man auch als Eltern mitschauen kann. Außerdem empfehle ich die Netflix-Serie „Pose“, die zwar sehr amerikanisiert und blank poliert ist, aber ehrlich vermittelt, dass innerhalb der Community, die zwar manchmal eine Bitch ist, jeder seine eigene „Familie“ finden kann und mit ihr durch die Höhen und Tiefen des Lebens zieht. „Pose“ ist pures Empowerement. Für die zweite Staffel von ‚All you Need‘ wünsche ich mir, dass die Eindimensionalität der ersten Staffel aufgebrochen wird, indem man auch die anderen Sichtweisen mit einbezieht – weil Außenstehende dann viel mehr davon verstehen.

Ihr Fazit?

„All you need“ ist nicht mehr als ein Anfang. Ich finde die Serie nicht schlecht, aber auch nicht supergut. Aus meiner Sicht hätte es viel mehr empowernde Momente wie jenen geben müssen, in dem sich „Levo“ gegen seinen Vater behauptet – und zwar direkt von Anfang an.

Interview: Mike Powelz