Jonas Nay: "'Deutschland '86' ist mein Herzensprojekt"

Perestroika, Terrorismus, Apartheid und die DDR-Staatspleite: "Deutschland 86" will viel. Doch kann sich die preisgekrönte Agentenserie neu erfinden, indem sie jetzt auf Action setzt? GOLDENE KAMERA sprach mit dem Hauptdarsteller Jonas Nay.

In der 1. Staffel geriet der junge DDR-Grenzsoldat Martin Rauch (Jonas Nay) 1983 als Spion wider Willen zwischen die Fronten von Ost- und Westdeutschland – im Kampf gegen einen drohenden Atomkrieg. In den neuen Folgen (ab 19. Oktober bei Amazon Prime) geht’s 1986 weiter: Dunkle Geschäfte und eine gefährliche Mission führen ihn nach Südafrika, Angola, Libyen, Paris, West-Berlin, und schließlich zurück in die DDR – wo er eine unmögliche Entscheidung fällen muss. Im Interview verrät der 27-jährigen Schauspieler wie der Dreh in Südafrika war und welche Musik aus den 80ern ihn begeistert.

Jonas Nay über "Deutschland '86"

Interview mit Jonas Nay

Wie geht es weiter mit "Deutschland '86"?

Seit der ersten Staffel sind drei Jahre vergangen, jetzt geht es um die Stellvertreterkriege und die "Kommerzielle Koordinierung" im Auslandsnachrichtendienst der DDR – sowie um verdeckte Waffengeschäfte, Gefangenenaustausche und Medizinversuche. Wegen der Perestroika und der drohenden Staatspleite hat die DDR-Spitze damals alle möglichen krummen Geschäfte gemacht, um wieder Geld in die Kassen zu spülen.

Klingt, als wären Sie ein wandelnder Wikipedia-Eintrag für das Stichwort "Kalter Krieg".

Um Gottes Willen, ich würde mich niemals als Experte bezeichnen. Aber die fiktionalen Elemente unserer Serie sind ja in die historischen Umstände eingebettet – und mit denen muss man sich schon auseinandersetzen, wenn man als Schauspieler in den Charakter, den man spielt, eintaucht.

Was erlebt Martin?

In der 1. Staffel geriet Martin in die Spionagetätigkeit – indem man ihn erpresste, weil seine Mutter eine Niere brauchte. In der letzten Folge war er so selbstlos, dass er sein eigenes Schicksal hinter das Glück der Menschheit stellte. Obwohl die 2. Staffel "Deutschland '86" heißt, begegnet der Zuschauer Martin in Angola wieder. Von dort wird er langsam in seine alte Spionagetätigkeit zurückgeholt – weil er seinen Sohn sehen möchte, der in Ostdeutschland bei seiner Exfreundin Annett lebt. Mit diesem Wunsch reist Martin zurück, und das läuft so gar nicht wie geplant. Mehr wird nicht verraten!

Wie war der Dreh in Südafrika, wo Sie die Szenen in Angola produziert haben?

Sehr eindrucksvoll, und für mich als Schauspieler wirklich toll. Das deutsche Team war ziemlich klein, es bestand nur aus sechs Personen. Der Rest waren Südafrikaner. Mit ihnen habe ich viel über die sozialen und politischen Gegebenheiten in Südafrika geredet. Dort ist der Workflow übrigens total anders als hier: Wenn man beispielsweise eine halbe Stunde aus Kapstadt herausfährt, befindet man sich in den so genannten "Dunes". Dort haben wir die Handlung in der lybischen Wüste gedreht, waren im nächsten Moment in der Steppe, und dann wieder in Kapstadt, wo wir die 80er Jahre der Apartheid produzierten. Es war das erste Mal, dass ich auf dem afrikanischen Kontinent war. Daran werde ich noch lange denken. In der Serie spielt sich das Geschehen übrigens halb in der großen, weiten Welt ab – und halb im Raumschiff HVA.

Haben Sie schon einmal ausspioniert, was das Erfolgsgeheimnis der Serie ist?

Die globalpolitische Seite der Serie spielt bestimmt eine Rolle, gerade für den Erfolg im Ausland. Ich glaube auch, dass der kalte Krieg, gerade heutzutage, wo der Ost-West-Konflikt zwischen NATO und Russland immer wieder neu aufflammt, ein akutes und globales Thema ist. Ich war in England, kurz nachdem "Deutschland '83" da als erfolgreichste fremdsprachige Serie aller Zeiten Premiere gefeiert hat – und die Leute, mit denen ich in England gesprochen habe, haben mir erzählt, dass vor allen Dingen die popkulturelle Seite und der Humor sie am meisten begeistert. Zwar beschäftigen sich viele historische Stoffe, die aus Deutschland kommen, mit dem 2. Weltkrieg und dem Ost-West-Konflikt – aber bei uns funktioniert das durch die Augen eines jungen Stasi-Spions sowie mit der Musik und Mode der 80er Jahre. Außerdem wird "'83" aus dem Blickwinkel der amerikanischen Autorin Anna Winger, die seit Jahren in Deutschland lebt, erzählt – mit einem sehr feinen Humor und einem Hauch Skurrilität.

Bekommen Sie persönlich viel Feedback aus aller Welt?

Ja, Social Media macht es möglich, dass man immer wieder Kommentare und Nachrichten bekommt. Und das ist ziemlich überwältigend, und eine schöne Art und Weise, im Nachhinein noch einmal ein paar Lorbeeren einzusammeln. Man bekommt auch viel Feedback von Menschen, etwa von Amerikanern, die damals in den NATO-Operationen mitgearbeitet haben. Die haben sich darin wiedergefunden. Und dann gibt es noch viele junge Leute, die die 80er total funky finden. Ich habe tatsächlich fast durchweg positives Feedback zu der Serie bekommen. Das ist sehr selten, denn normalerweise gibt es viele Menschen, die sich motiviert fühlen, negatives Feedback sofort per Social Media mitzuteilen.

Welches Souvenir aus den 80ern sollte sofort wieder eingeführt werden?

Ich bin ein Fan der Musik der 80er – zum Beispiel von "The Police" und "Genesis". Die Musik ist auch in der 2. Staffel wieder ein großes Ding, und durch sie wird man als Zuschauer sofort emotional in die Vergangenheit geschleudert.

Der Mauerfall ist ebenfalls ein Füllhorn deutscher Geschichte. Wie groß wäre Ihre Lust, mit einer 3., finalen Staffel den Schlussakkord zu setzen?

Wenn Sie wüssten, wie sehnlich ich auf diese 2. Staffel gewartet habe, dann könnten Sie auch nachfühlen, wie sehr ich mich auf die 3. Staffel freue. Diese Serie ist auch mein Baby und mein Herzensprojekt. Ich brenne total dafür, und würde auch noch eine 4. Staffel drehen, die der Frage nachgeht, was eigentlich aus all den arbeitslosen DDR-Spionen in der Welt geworden ist. Ich finde in "'89" den Mauerfall an sich nicht so interessant, weil dieses historische Ereignis schon in vielen Produktionen auserzählt wurde – aber ich weiß, dass Anna und Jörg Winger diesbezüglich Dinge zeigen wollen, die man noch nicht gesehen hat.

Hat die Serie Ihr Leben verändert?

Ja, definitiv, und zwar zum Schönen. Für mich war das meine erste große Serienhauptrolle. Ich habe zwar als kleiner Stöpsel, mit elf oder zwölf Jahren, eine Kinderserie gedreht. Aber dann eigentlich nie wieder, sondern immer nur Filme. Ich bin selbst auch ein totaler Serien-Junkie. Mich kann man immer Werbung machen lassen für Binge Watching. Ich bin da total addicted. Und "Deutschland '83" hat mir jetzt auch international Türen geöffnet – weil die Serie international verkauft wurde. Insofern ist "Deutschland '83" ein Meilenstein in meinem Leben, ich werde da immer wieder viel dran zurückdenken.

Welche Länder haben Interesse an Ihrer Arbeit?

Ich habe mittlerweile eine englische Agentur in Großbritannien, die für mich dort aktiv ist, und werde sicherlich auch noch international drehen. Ich gucke immer sehr nach den einzelnen Stoffen und nach meiner Figur, und höre sehr auf meinen Bauch, was mir gefällt. Ob das ein deutsches Projekt ist, ein englisches, französisches, spanisches oder etwas aus Hollywood, das wird man dann sehen. Ein Film- oder Serieninhalt muss mich auf jeden Fall reizen und packen.

Interview: Mike Powelz