Der neue Streaming-Krieg: Apple TV+ und Disney+ greifen an

Apple TV+ hat sich prominentes Personal an Bord geholt: Steven Spielberg wird Serien für den neuen Streamingdienst produzieren.
Apple TV+ hat sich prominentes Personal an Bord geholt: Steven Spielberg wird Serien für den neuen Streamingdienst produzieren.
Foto: Apple TV+
Mehr als 20 Millionen Deutsche nutzen Streamingdienste. Mit Apple und Disney greifen jetzt zwei Megakonzerne die Platzhirsche Netflix und Amazon Prime Video an. Wer gewinnt diesen Kamp der Giganten?

Offiziell startet der Streamingdienst Disney+ erst am 12. November in den USA und einigen weiteren ausgewählten Ländern. Doch bereits seit Mitte September können Interessierte das Angebot in einem dieser Länder testen: in den Niederlanden. Also ausgerechnet dort, wo Disneys größter Konkurrent Netflix seine Europazentrale hat.

Die Spannung – und Anspannung – im Kampf um die Streamingkrone steigt. Der Trend zur digitalen Datenübertragung von Videoinhalten hält an: Im ersten Quartal 2019 nutzten in Deutschland laut Gesellschaft für Konsumforschung fast 23 Millionen Menschen einen kostenpflichtigen Streamingdienst – starke neun Prozent mehr als noch im Quartal zu vor. Vor allem bei jungen Zuschauern sind die Angebote von Sky Ticket, Amazon Prime Video und Netflix beliebt.

Wann genau Disney+ in Deutschland starten wird, steht noch nicht fest. Aber am 1. November drängt schon mal ein weiterer großer Mitbewerber in den Markt: Apple startet sein abo-basiertes Video­-on­-Demand­ Angebot (SVOD), das auch auf Fremdgeräten laufen wird. Zum Debüt zeigt Apple TV+ zum Kampfpreis von 4,99 Euro pro Monat einige prominent besetzte Serien. wie die Mediensatire „The Morning Show“ mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon und das Scifi­ Drama „See“ mit Jason Momoa. Serien von Steven Spielberg und J. J. Abrams folgen.

Originaltrailer zur Serie "See: Reich der Blinden"

„Die Konkurrenz wird stärker, der Markt umkämpfter“, sagt Dr. Florian Kerkau, Geschäftsführer der Marktforschungs­ und Beratungsfirma Goldmedia. „Vor allem in Hinblick auf Disney und Apple hat Netflix sein Produktionsvolumen noch mal deutlich erhöht.“ In nur zwei Jahren hat sich das Netflix­-Budget laut dem Branchenblatt „Variety“ auf 15 Milliarden Dollar fast verdoppelt. Besonders kostspielig: Exklusivverträge mit einigen der erfolgreichsten Serienerfindern der Welt. Ryan Murphy („American Horror Story“) erhält 300 Millionen Dollar für seine nächsten Serien, die „Game of Thrones“­-Macher David Benioff und Dan Weiss bekamen einen 200­-Millionen­-Deal.

Auch Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“) und die Macher des deutschen Überraschungshits „Dark“, Jantje Friese und Baran bo Odar, nahm Netflix unter Vertrag. Der Kampf um die kreativsten Köpfe ist in vollem Gange. Doch kann Netflix auch künftig bestehen? Fakt ist: Das Unternehmen gibt mehr aus, als es einnimmt und ist vergleichsweise klein. Der Umsatz lag 2018 bei 15,8 Milliarden Dollar. Wenn es ernst wird, haben die Konkurrenten Amazon (232,9 Mrd.) und Apple (265,6 Mrd.) finanziell viel mehr Macht. Auch Disney (59,4 Mrd.) ist deutlich größer.

Disney zieht seine Inhalte von Netflix ab

Und der Disney­Konzern besitzt etwas, das noch wertvoller ist als Geld. „Disney hatte 90 Jahre Vorsprung vor Netflix, um Marken zu kreieren“, sagt Experte Florian Kerkau. „Heute gehören ihnen mit Pixar, Star Wars und Marvel einige der größten Entertainmentmarken. Das macht Disney+ nicht zum Vollanbieter, der die komplette Bandbreite an Fiction anbietet. Aber Disney zieht seine Inhalte von Netflix ab, und das wird Netflix wehtun. Mit dem eigenen Streamingdienst schaltet Disney den Vermittler aus. Es ist, wenn man so will, eine Art Werksverkauf.“ Der Aufkauf des Konkurrenten Fox (u. a. „Avatar“) erweitert das Sortiment zusätzlich.

Starten wird Disney+ auch mit eigens entwickelten Serien wie „The Mandalorian“ aus dem „Star Wars“­Universum. Streamingdienste brauchen ständig neue Inhalte. Aber auch alte. Kurioserweise gehören zu den Erfolgsformaten der Plattformen oft alte US­-Sitcoms. Die Folge ist ein Wettbieten um Klassiker. Zuletzt gab Netflix rund 500 Millionen Dollar aus, nur um die US­Serie „Seinfeld“ (1989–1998) exklusiv fünf Jahre streamen zu dürfen.

Im Schnitt zwei Streamingabos

Die Streamingdienste rüsten auf. Aber was ist mit dem klassischen Fernsehen? Die Sender spüren definitiv die neue Konkurrenz. Doch eine Studie der Wirtschaftsprüfungsfirma Deloitte vom September 2019 zeigt, dass Zuschauer auch künftig lineare Sender neben SVOD nutzen werden. Dafür aber müssen sich die Sender auf ihre Stärken besinnen. Einer, der dem zustimmt, ist ZDF­-Programmchef Dr. Himmler: „Wir brauchen mehr Live­-Events. Diese ‚Hast du das gestern gesehen?‘­-Momente kann die Streaming­konkurrenz nicht bieten.“

Damit meint Himmler nicht nur quotenstarke Sportübertragungen: „Wie sehen neue Showkonzepte aus, die vom Livecharakter leben? Daran arbeiten wir im Moment.“ Himmler weiß: Im Bereich Fiktion wird die Konkurrenz durch Streamer immer größer. Nach Apple und Disney will Warner Anfang 2020 seine Plattform HBO Max starten.

Spannend auch die Pläne des neuen Anbieters Quibi: Ab 2020 will man eigene, speziell fürs Smartphone konzipierte Serien zeigen. Keine Episode soll länger als zehn Minuten sein. Inhalte liefern unter anderem Steven Spielberg und Guillermo del Toro. „Schon jetzt hat der deutsche Streamingkunde im Schnitt zwei Abos, Tendenz steigend“, sagt Florian Kerkau. „In den USA sind es sogar schon drei.“ Die Zukunft des Streamings wird bunt, vielfältig – und nicht ganz billig.

Amazon, Netflix, Apple TV+ & Co.: Serienstarts im November