"The Irishman": Scorseses neues Mafia-Meisterwerk

Zum Netflix-Start seiner neuen Biopic-Saga "The Irishman" über den Mafia-Killer Frank "The Irishman" Sheeran sprach GOLDENE KAMERA mit Regisseur Martin Scorsese und seinen beiden Stars Robert De Niro und Al Pacino.

Alles begann mit diesem Satz: "Ich habe gehört, dass Sie Häuser streichen." Es waren die ersten Worte, die Jimmy Hoffa, der korrupte Boss der Transportarbeiter-Gewerkschaft, an Frank "The Irishman" Sheeran richtete. Und der Mafiakiller verstand: "Die Farbe, das ist das Blut, das auf Wände und Boden spritzt, wenn du jemanden tötest. Meine Antwort war: 'Ja, ich streiche Häuser. Und ich habe eine eigene Tischlerei'" – für die Särge.

Der Rest ist US-Geschichte: Jimmy Hoffa, der Geld aus einem milliardenschweren Gewerkschaftsfond illegal an die Mafia verliehen und sich später mit deren Bossen angelegt hatte, verschwand 1975 spurlos. 16.000 Seiten umfassen die Akten zu diesem Fall. Das Verbrechen gilt bis heute offiziell als nicht aufgeklärt, zeit seines Lebens behauptete Frank Sheeran, dass er seinen Freund Hoffa nicht ermordet habe, obwohl Mafiaboss Russell Bufalino ihm den Befehl gegeben hatte.

Aus diesem brisanten Stoff wollte Regisseur Martin Scorsese (Oscar 2007 für "Departed") unbedingt einen Kinofilm machen. Nach 16 Jahren Vorbereitung sowie 108 Drehtagen in 117 Locations kommt nun "The Irishman" am 27. November als Dreieinhalbstunden-Epos – auf Netflix! GOLDENE KAMERA sprach exklusiv mit den Filmemachern und erzählt die Geschichte der Entstehung dieses neuen Mafia-Epos, das natürlich an Scorceses Meisterwerk "GoodFellas" (1990) denken lässt.

Filmreif: Die Lebensgeschichte von Frank "The Irishman" Sheeran

Das Leben von Frank Sheeran (1920– 2003) ist tatsächlich hollywoodreif. In bitterarmen Verhältnissen in Philadelphia aufgewachsen, kämpft der irischstämmige junge Mann ab 1941 im Zweiten Weltkrieg vier Jahre in der 45. Infanterie-Division, General Pattons "Killer Division". Er begeht viele Kriegsverbrechen, lernt, gefangene Gegner auf Befehl "hinzurichten". Nach Kriegsende schlägt er sich mit kleinen Betrügereien durch, bis er bei einer Autopanne zufällig den Mafioso Russell Bufalino kennenlernt. Sheeran beginnt bald für ihn zu arbeiten und begeht mindestens zwei Dutzend Morde für die Cosa Nostra. Bufalino "leiht" seinen Killer gern an Jimmy Hoffa aus, damit er auch für ihn Leute "nach Australien schickt": Down Under – sechs Fuß unter die Erde.

Trailer zu "The Irishman"

In seinen letzten Lebensjahren bereut der Katholik Sheeran vieles und vertraut sich dem Autor Charles Brandt an. 2004, nach dem Tod des "Irishman", erscheint dessen sensationelles Sachbuch "I Heard You Paint Houses", in dem Sheeran unter anderem eine Beteiligung am Kennedy-Attentat 1963 gesteht. Auch den Mord an Jimmy Hoffa beschreibt er detailliert.

So entstand Martin Scorseses "The Irishman"

"I Heard You Paint Houses" liefert die Grundlage für Martin Scorseses Film. "Marty und ich arbeiteten eigentlich an einem anderen Projekt, da las ich zur Recherche dieses Buch“, erklärt Robert De Niro (GOLDENE KAMERA 2008). "Ich ging zu Marty und sagte: 'Das ist es!'" Die beiden Freunde kennen sich seit ihrer Jugend in Manhattans Little Italy und hatten seit 1973 schon acht Filme gemeinsam gedreht, etwa "Hexenkessel", "Taxi Driver", "GoodFellas" oder "Casino".

Robert De Niro über "The Irishman"

Es dauert drei Jahre, bis das Drehbuch fertig ist und noch länger, bis die Topbesetzung feststeht: Neben Robert De Niro als Frank Sheeran spielen Joe Pesci (Oscar für "GoodFellas") als Russell Bufalino, Harvey Keitel ("Hexenkessel") als Mafiaboss Angelo Bruno oder Stephen Graham ("Gangs of New York") als Hoffas Gegenspieler Tony Provenzano mit. Und erstmals ist "Der Pate" Al Pacino (GOLDENE KAMERA 2013) in einem Scorsese-Film dabei – als Jimmy Hoffa.

Al Pacino über "The Irishman"

Ein wichtiger technischer Durchbruch für die Realisierung des Projekts gelingt im Jahr 2015: In einem Test mit Szenen aus "GoodFellas" zeigt der oscarnominierte Effekte-Guru Pablo Helman, dass die Technik des "de-aging" (Verjüngung per Computer) funktioniert. "The Irishman" soll sechs Jahrzehnte umspannen, De Niro und Pacino sind in unterschiedlichsten Altersstufen zu sehen.

"Ich hatte kleine graue Punkte im Gesicht, und nach einiger Zeit gewöhnte ich mich an sie", verrät Al Pacino. "Das ist eine neue Form des Make-ups. Ich fühlte mich wie R2-D2." Robert De Niro ergänzt: "Am kompliziertesten waren für mich die Szenen mit der Gesichtsprothese für die mittlere Altersstufe von Frank Sheeran. Sonst haben sie nur gesagt: 'Sei ganz du selbst, wir machen dich schon jünger.'"

Nach so viel Vorarbeit kann Martin Scorsese jetzt sein Genie als Geschichtenerzähler voll ausspielen. Auf großartige Weise nutzt der 76-jährige Regisseur die Buchvorlage, lässt vieles weg, wie Sheerans Kriegstrauma oder dessen Frauengeschichten (so rühmte er sich, in einem Herbst mit 39 der 44 Kellnerinnen des "Golden Lantern" in Philadelphia geschlafen zu haben), verändert Details. Andere Sequenzen wieder übernimmt er komplett.

Mit moderner Technologie lässt er die große Zeit der Filmemacher des New Hollywood der 70er auferstehen – auch wenn nicht jeder Beteiligte das erkennt. "Ich bin mir des Einflusses der 70er auf den Film nicht bewusst. Ich erinnere mich nicht an die Zeit – aus vielen Gründen", lacht Al Pacino. Sein Regisseur bleibt ernst: "1973 waren wir um die 30 Jahre alt. Ich hoffe doch, man sieht einen Fortschritt, nicht die Wiederholung alter Filme."

So wurde "The Irishman" zur Netflix-Produktion

Geplant war natürlich auch ein Kinostart für "The Irishman". Doch der US-Verleih Paramount bekam angesichts des Budgets (gerüchteweise knapp 160 Millionen Dollar) kalte Füße. Der Streamingdienst Netflix sprang ein und übernahm sämtliche Produktionskosten. "Netflix bedeutet eine Revolution. Das, was Film ausmacht und wo er gesehen wird, hat sich radikal verändert", kommentiert Martin Scorsese diese Entwicklung. Und ist sich dennoch sicher: "Was beim Film immer bleiben wird, ist das gemeinsame Erlebnis, und das geht am besten im Kino." Auch aus diesem Grund kam "The Irishman" vor dem Netflix-Start doch noch in ausgewählte Kinos. Seit dem 14. November kann man dort miterleben, wie jede Menge Häuser rot angestrichen werden.

GOKA-Wertung zu "The Irishman"

Martin Scorsese gelang ein klassischer "Marty" - ein Meisterwerk nach Tatsachen: Charaktere und Kamerafahrten, Ausstattung und Musik, Humor sowie italo-amerikanisches Lebens- und Sterbensgefühl - das erinnert an "GoodFellas". Nur dass jetzt noch die Thematik von Rückschau und Reue dem Epos mehr Tiefe verleiht.

Video-Interviews: Anke Hofmann