Wenn die Liebe verloren geht: "Marriage Story"

In dem neuen Netflix-Original-Film "Marriage Story" spielen Adam Driver und Scarlett Johansson als Scheidungspaar die Rollen ihres Lebens.

Netflix beschleunigt den Niedergang der Kinos, heißt es oft. Doch wie passt zu dieser Erzählung, dass der Streamingdienst selbst gerade ein Kino in New York gekauft hat? Das traditionsreiche Paris Theatre in Manhattan stand vor dem sicheren Aus, bevor Netflix es kürzlich übernahm, um den Kinobetrieb fortzuführen. Natürlich auch, um dort eigene Produktionen zu zeigen, die wie zum Beispiel Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irishman“ eigentlich für die große Leinwand gemacht sind. „Marriage Story“, der im Paris Theatre Premiere feierte, ist nun die neueste Netflix-Produktion mit Oscar-Ambitionen. (Steht ab Freitag, 6. Dezember bei Netflix bereit)

Der Film von Noah Baumbach handelt ironischerweise von einer Scheidung. Die Ehe von Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson, GOLDENE KAMERA 2012) ist bereits gescheitert, doch die größten Konflikte fangen damit erst an.

Trailer: "Marriage Story"

Schauspielerin Scarlett Johansson als Schauspielerin

Sie geht mit dem gemeinsamen Sohn zurück in ihre Heimatstadt Los Angeles, um ihre Schauspielkarriere fortzusetzen. Er sieht die Zukunft der Familie in New York, wo er eine erfolgreiche Theatergruppe leitet. Was einvernehmlich hätte werden sollen, gerät zu einem hässlichen Streit um Wohnsitz und Sorgerecht. Von ihrem Ende ausgehend, erkundet der Film so eine Liebe, die verloren gegangen ist.

Schon der Filmanfang beschreibt die beiden Charaktere facettenreicher, als es den meisten Filmen in 90 Minuten gelingt. Nacheinander zählen Charlie und Nicole auf, was sie an ihrem Partner lieben, während die alltäglichen Szenen einer Ehe zu sehen sind: ein Geschenk für Charlie, Gutenachtgeschichten für den Sohn, eine Monopoly-Partie am Küchentisch.

Zwischen Drama und Komödie

Das Psychogramm eines Großstadtpaars entsteht mit seinen geteilten Leidenschaften, seinen Marotten und Problemen. „Es ist schwer für Nicole, eine Schranktür zu schließen“, sagt Charlie. „Es ist fast schon nervig, wie sehr Charlie das Vatersein liebt“, sagt Nicole. Erst am Schluss der Sequenz erfährt man, dass dies Teil einer Paartherapie ist, aber nur das Publikum beide Geständnisse zu hören bekommt.

Es geht dabei auch um einen Blick auf Gender-Fragen in einer modernen (heterosexuellen) Ehe: Charlie ist ein sensibler Mann, kein Pa­triarch – und doch hat er, ohne es zu merken, Nicole in den gemeinsamen Entscheidungen stets bevormundet. So wird die Scheidung zum Akt der Emanzipation. Doch schnell droht sie in Revanche umzuschlagen: Vor Gericht muss sich Charlie gegen den Vorwurf wehren, sein Kind zu vernachlässigen.

Making of "Marriage Story"

Mühelos zwischen intensivem Drama und warmherziger Komik wechselnd, spielen Scarlett Johansson und Adam Driver hier die Rollen ihres Lebens. Erkennt Netflix darin eine Chance? Angesichts der finanzstarken neuen Streaming-Konkurrenz von Disney, Apple und Co. wäre es keine schlechte Idee, auf prominente Independent-Filme zu setzen, die ihre Wucht dann auch im Kino entfalten dürfen.

Der Artikel erschien zuerst bei der WAZ.