"Unorthodox": Maria Schrader hat ihre erste Serie inszeniert

Schauspielerin Maria Schrader hat bei der Serie über eine jüdisch-orthodoxe Community Regie geführt und stieß dabei auf viel Widerstand. "Unorthodox" startet heute (26. März) bei Netflix.

Ein warmer Märztag in Prenzlauer Berg, das jüdische Restaurant Maseltopf gegenüber der Synagoge an der Rykestraße hat noch geöffnet, auch wenn keiner der Tische besetzt ist. Hier treffen wir Maria Schrader, mit getrennten Tellern und gebührendem Sicherheitsabstand. Die 54-Jährige wohnt seit Mitte der 1990er-Jahre ganz in der Nähe. Scheinbar mühelos wechselt sie zwischen Schauspiel und Regie und räumt damit regelmäßig Preise ab, zuletzt für ihren Stefan-Zweig-Film „Vor der Morgenröte“ (2016).

International wurde sie durch die Spionageserie „Deutschland 83“ (GOLDENE KAMERA 2016) und deren Fortsetzungen gefeiert. Deren Erfinderin, die in Berlin lebende US-Amerikanerin Anna Winger, hat nun den Bestseller „Unorthodox“ als Miniserie adaptiert, in dem die Schriftstellerin Deborah Feldman, ebenfalls eine Wahlberlinerin, ihre Vergangenheit in einer ultra-orthodoxen Gemeinschaft in New York erzählt.

Interview mit Maria Schrader

Frau Schrader, Sie spielten bereits bei Anna Wingers Serie „Deutschland 83“ eine Hauptrolle. Jetzt haben Sie alle vier Episoden ihrer Miniserie „Unorthodox“ inszeniert. Sind Sie ein Dreamteam?

Maria Schrader: Wir wollten schon länger auch in dieser anderen Konstellation zusammenarbeiten, und so hat sie mir angeboten, bei „Unorthodox“ Regie zu führen. Dann habe ich Deborah Feldman kennengelernt, die in der Romanvorlage ihre eigenen Erinnerungen verarbeitet. Ich wusste sofort, dass ich das machen will.

Hatten Sie Bedenken angesichts der Geschichte einer jungen Frau, die aus ihrer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York nach Berlin flieht?

Klar, es ist ein sensibles Thema, weil Deborahs Geschichte in einer streng orthodoxen Gemeinschaft spielt, die sich vom Rest der Welt abschottet und mit dem Medium Film auf keinen Fall in Berührung kommen will. Aber Deborah hat ihre Stimme erhoben und ein Buch veröffentlicht, das virulente Themen behandelt. Es war klar, dass wir in der Community, aus der sie geflohen ist, auf Ablehnung und Widerstand stoßen könnten. Aber am Ende kommt es immer auf die gleiche Frage an: Wie macht man es?

Sie haben dazu viel in Williamsburg recherchiert. Wie sind Ihnen die Menschen dort begegnet?

Natürlich sind wir auf den Straßen des orthodoxen Viertels sofort aufgefallen als eine Gruppe von Leuten, die da offenkundig nicht hingehört, auch wenn zwei Ecken weiter der Hipsterkiez anfängt. Wir haben viele Tage in dieser Gegend verbracht und die traditionellen Geschäfte für Judaica und Bekleidung besucht, auch Restaurants und koschere Supermärkte. Wir haben Eindrücke gesammelt. Und standen auch selbst unter Beobachtung, das war deutlich. Manche begegneten uns verschlossen und skeptisch, mit anderen, vor allem Frauen, kamen wir erstaunlich leicht ins Gespräch.

Wie schwierig war es, diese für die meisten fremde Welt authentisch darzustellen?

Unser wichtigster Berater war Eli Rosen, der lange in dieser Community gelebt hat. Heute ist er Schauspieler am New Yiddish Rep Theater in Manhattan. Durch ihn lernte ich großartige Schauspieler kennen, die entweder mit Jiddisch aufgewachsen sind oder sich die Sprache für die Bühne angeeignet haben. Eli hat die Rolle des Rabbis übernommen. Darüber hinaus hat er die Dialoge ins Jiddische übersetzt. Am Set war er immer an meiner Seite, zu jedem Thema konnten wir fragen: Ist das Bett der Frau breiter, weil der Mann zu ihr kommt? Wann schaut man seinem Gegenüber in die Augen? Für all das gibt es ja Vorschriften und Regeln. Und wir wollten, dass es stimmt.

Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerin Shira Haas gefunden?

Jiddisch wird weltweit nur noch von weniger als einer Million Menschen gesprochen, vorrangig von Mitgliedern orthodoxer Gemeinschaften. Finde mal eine fantastische junge Schauspielerin, die vier Stunden Film auf ihren Schultern tragen kann und dann auch noch Jiddisch spricht. Wir haben überallhin die Fühler ausgestreckt. Shira haben wir schließlich in Israel entdeckt. Es war uns allen sofort klar, dass sie die richtige ist. Sie ist ein Ausnahmetalent und fügt den Szenen Farben hinzu, die sie reicher machen. Allein die Szene, in der ihre eigenen langen Haare abrasiert werden, was sich da alles in ihrem Gesicht abspielt, das ist so groß und doch nie zu viel, man kann nicht aufhören, ihr zuzusehen.

Die Serie spielt größtenteils in Berlin, mit Rückblenden in Esthers altes Leben in New York. Wie haben Sie das gedreht?

Von den knapp 50 Drehtagen waren wir nur die letzten vier in New York. Dort haben wir uns auf die Außenaufnahmen konzentriert, alles andere ist in Berlin entstanden, auch die New Yorker Innenräume.

Sie selbst leben seit den 1980er-Jahren in Berlin. Hat sich durch die Serie und ihre Hauptfigur auch Ihr Blick auf die Stadt verändert?

Berlin ist ja wie ein gutes Buch, jeder liest was anderes darin. Die Stadt hat tausend Gesichter. Wir haben an Orten gedreht, an denen ich vorher noch nie war. Etwa im Musikinstrumenten-Museum. Dort ist bei uns das Konservatorium angesiedelt, an dem sich Esther bewirbt, der Barenboim-Said-Akademie nachempfunden. Wir wollten Berlin als Stadt zeigen, die Raum für Utopien bietet, unhierarchisch, demokratisch, zugänglich.

„Unorthodox“ startet gleichzeitig in weit mehr als hundert Ländern. Welche Erwartungen haben Sie?

Es ist eine ebenso tragische wie hoffnungsvolle Geschichte. Sie spielt zwar in einer Welt, die den meisten Zuschauern fremd ist, aber was sie erzählt, ist universell verständlich. Die Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, die Abhängigkeit und Verzweiflung existieren nicht nur in der jüdisch-orthodoxen Community. Deborah Feldman konnte sich daraus befreien, vielen anderen gelingt es nicht. Ich hoffe, dass die unterschiedlichsten Menschen zuschauen. Vielleicht schöpfen einige den Mut, ihr Leben zu überdenken.

Kann „Unorthodox“ dem zunehmenden Antisemitismus etwas entgegensetzen?

Das einzige, was ich glaube, ist, dass Filme Menschen in den Bann ziehen können. Wenn Zuschauer aus Neugier, Identifikation oder Schock den inneren Widerstand kurzfristig vergessen, kann es zu einem Erlebnis kommen, das vielleicht in Erinnerung bleibt und den gewohnten Blick auf die Dinge verändert. Oder zumindest stört.

Das Interview führte Thomas Abeltshauser von der Berliner Morgenpost.

Darum geht's in "Unorthodox"

Esther "Esty" Shapiro (Shira Haas) wird von ihren strengen Eltern, die der ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft der Satmarer im New Yorker Stadtteil Williamsburg angehören, gegen ihren Willen mit einem fremden Mann verheiratet. Das erträgt sie nicht und flüchtet mit Hilfe ihrer Klavierlehrerin nach Berlin – nur mit ein paar Dollar in der Tasche und der Kleidung auf ihrem Leib.

Trailer: "Unorthodox"

In der deutschen Hauptstadt lernt sie den Musikstudenten Robert und seine Clique kennen. Trotz einiger Schwierigkeiten scheint Esty in ihrem neuen Leben gut anzukommen und lernt die Freiheit zu genießen. Doch ihr Mann hat sich aufgemacht, seine Ehefrau zu finden und zurückzubringen.