Neue Netflix-Serie: "Das letzte Wort" hat Anke Engelke

In ihrer ersten Serie für Netflix spielt Anke Engelke eine etwas andere Trauerrednerin. Wir trafen unsere GOLDENE KAMERA-Preisträgerin zum Interview.

In der Netflix-Serie "Das letzte Wort" (ab 17. September) zeigt Anke Engelke, dass sich Tragik und Komik sehr nah sein können.

Trailer: "Das letzte Wort"

Darum geht's in "Das letzte Wort"

Für die Nacht ihrer Silberhochzeit hat sich Karla (Anke Engelke) noch einiges vorgenommen. Doch leider durchkreuzt das Schicksal alle romantischen Pläne: Gatte Stephan (Johannes Zeiler) wird aus heiterem Himmel von einem Herzinfarkt dahingerafft.

In ihrer Trauer landet Karla ausgerechnet bei einem windigen Bestatter, der sogar am Personal sparen muss. aus der Not beschließt die leidgeprüfte Witwe, die Trauerrede selbst zu halten – und stellt dabei fest, dass dieser Job durchaus einen Reiz hat.

In der sechsteiligen Netflix-Serie zeigt Schauspielerin Anke Engelke (GOLDENE KAMERA 1999) einmal mehr alle Facetten ihres Könnens. Wir trafen die 54-Jährige zum Interview.

Anke Engelke im Interview

Was ist der Reiz an der Rolle der Karla?

Anke Engelke: Karla ist eine Frau, deren Umgang mit Trauer am besten beschrieben werden kann mit einem einzigen Wort: „unfähig“. Als ihr Mann überraschend stirbt, ist sie zunächst scheinbar gefasst, aber bald komplett überfordert. Sie macht vieles falsch, ohne dabei jedoch unsympathisch zu sein. Mich hat das sehr gereizt, eine Frau zu spielen, die durchaus mal nervt. Außerdem mag ich die Idee, den Umgang mit Trauer in unserer Gesellschaft zu beleuchten.

Ein Beerdigungsinstitut, eine Trauerrednerin und jede Menge Särge – das klingt erstmal deprimierend. Inwiefern ist „Das letzte Wort“ auch erheiternd?

Die Komik entsteht im Leben und in der Serie oft dadurch, einem überforderten Menschen bei unüberlegten Übersprungshandlungen zuzusehen. Dafür muss man ja auch gar nicht extra auf eine Beerdigung gehen, das gibt es auch in Konferenzen, beim Einkaufen, in der Bahn, beim Sex oder bei einer Familienfeier. Insofern reiht sich Karla in eine Reihe von Mitmenschen ein, die im Alltag viele skurrile Momente erleben. Ich persönlich finde solche Momente einerseits unglaublich normal, und andererseits total spannend – weil sie tatsächlich so passieren. Und noch was: ich musste ja als Trauerrednerin zwischen den Polen von Frohsinn und Trauer hin- und herspringen, und glaube, so extrem habe ich das zuvor noch nie für eine Rolle getan. Tragik und Komik liegen hier ganz nahe beieinander.

Mussten Sie beim Dreh viel heulen?

Klar, das bleibt nicht aus, wenn man viel an Särgen steht und es in den verschiedenen Geschichten immer wieder um Verlust geht. Schon beim Drehbuchlesen habe ich oft gemerkt, dass mich einige Passagen zum Weinen gebracht haben, und das, obwohl das ja – wie bei einem guten Buch - einfach nur Buchstaben auf Papier sind. Später, beim Dreh, hat sich oft alles automatisch gefügt. Zum Beispiel als wir einen Zusammenbruch von Karla auf dem Badewannenrand gedreht haben, während die Kollegen von den Kamera- und Licht-Departments noch das Set einrichteten saß ich da und dachte so vor mich hin, wie sich Karla jetzt wohl fühlt: Mann tot, Konto leer, Familie komplett verkracht, allein mit Kummer und Überforderung - wer da nicht von selber anfängt zu flennen, hat ein Herz aus Stein. Das war großes Glück, dass das Buch stimmte und dass Karla so echt ist, dass ich sehr gut in ihren Schuhen gehen konnte.

Was haben Sie durch den Dreh über das deutsche Bestattungswesen gelernt, was Sie vorher noch nicht wussten?

Ich wusste nichts, also wirklich null, nada, zero über die Berufe Bestatter und Trauerredner. Im Vorfeld habe ich viel gelesen, recherchiert, und viel mit einem Trauerredner und einer Trauerrednerin darüber gesprochen, weil ich wissen wollte, wie sie mit ihrem Beruf umgehen. Ich habe gelernt, dass es beim Trauern kein „richtig“ oder „falsch“ gibt.

Schon mal darüber nachgedacht, wie Ihre Beerdigung sein soll?

Nein, weder vor diesem Projekt noch jetzt. Ich mag das ganz gern, im Hier und Jetzt sehr bewusst zu leben, schneller zu vergeben und öfter mal einen Streit auf meine Kosten zu beenden. Das ist vielleicht gar nicht falsch, bewusst auf einen gemeinen Kommentar zu verzichten und mehr über Verständnis und Vergebung nachzudenken.

Welchen Denkanstoß gibt „Das letzte Wort“?

Wer weiß, vielleicht können wir alle versuchen zu erkennen, was die schöne Seite von Trauer und Verlust ist – nämlich Zugewandtheit, Empathie und – Achtung: Liebe. Das wäre wirklich erstrebenswert, in diesem unbegreifbaren Jahr 2020, wo die Welt durch Corona, die Rassenunruhen in den USA, einem hochexplosiven US-Präsidenten, vieler Despoten und unzähligen Ungerechtigkeiten Kopf steht, ein bisschen weniger an uns selber zu denken und mehr an unser Gegenüber. Wenn „Das letzte Wort“ die Sinne ein bißchen schärfen würde, wäre das doch wunderbar.

Ist Trauerrednerin theoretisch auch ein Job, den Sie sich vorstellen könnten? Und was nehmen Sie vom Dreh mit?

Mal sehen, ob und in wie weit ich ein Ohr für solche Gespräche habe. Aber ich bin ja weder eine Kummerkasten-Else noch eine Ratgeberin, das überlassen wir mal schön denen, die das beruflich machen und damit Erfahrung haben. Ich freue mich einfach sehr, dass ich wieder in einen anderen Kosmos reisen konnte – das schadet ja nie, den Blick zu verändern.

Ihre Meinung über den Tod. Sind Sie gelassen oder angespannt, wenn Sie daran denken?

Sowohl als auch. Es gibt so viele Menschen, die ich liebe und mit denen ich gern möglichst viel Zeit verbringen möchte. Das nicht zu erleben, weil ich jetzt sterbe, wäre einfach blöd. Aber andererseits gehört Loslassen zu den schönsten Dingen überhaupt - neben einer schönen Misosuppe und einem spannenden schönen Gespräch.

Wie würden Sie am liebsten von der Bühne des Lebens abtreten? Peng und weg oder mit Zeit zum Abschiednehmen und loslassen?

Die Bestatter*innen und Trauerredner*innen, mit denen ich gesprochen habe, sagten, „Zack und weg“ sei das Beste für alle Beteiligten. Denn langes Leiden ist nicht schön. Insofern wäre das vielleicht auch meine Antwort.

Feuer oder teuer? Wie würden Sie lieber bestattet werden?

Ob Feuer- oder Erdbestattung ist mir egal. Aber Organspende auf jeden Fall. Für mich immer „Organspende First“.

Gibt’s eine zweite Staffel von „Das letzte Wort?

Das weiß noch niemand, aber ich würde die Karla gerne noch ein bisschen länger spielen. Ich bin mit dieser Figur noch nicht fertig.