Inside Netflix: Die Geheimnisse des Streaminggiganten

Netflix-Boss Reed Hastings.
Netflix-Boss Reed Hastings.
Foto: Getty Images
Wie wurde Netflix zur Medienweltmacht? Und wie geht es weiter? Wir haben Gründer und Chef Reed Hastings gefragt.

Alles begann mit „Apollo 13“. Es war Mitte der 90er, als Reed Hastings beim Aufräumen eine VHS-Kassette des Astronautendramas fand, die er bei einer Videothek ausgeliehen hatte. Die saftige Strafgebühr für die späte Rückgabe: 40 Dollar. In diesem Moment kam dem Mittdreißiger eine Geschäftsidee: Warum nicht Filme im Abo-Modell per Post verleihen? Eine monatliche Gebühr, und Kunden könnten die Filme so lange behalten, wie sie möchten. Im August 1997 gründete er mit einem Partner Netflix. „Wir haben den Namen damals bewusst in Anlehnung an den Begriff Internet gewählt“, sagt der US-Amerikaner im Interview mit GOLDENE KAMERA. „Wir wussten: Früher oder später werden Filme gestreamt werden.“

Die Weitsicht zahlte sich aus. Der DVD-Versand ging 2002 an die Börse. Aktienkurs damals: 1,33 Dollar. Heute liegt er bei rund 430 Dollar. Längst ist aus dem Verleih ein Streaminggigant mit rund 195 Millionen Abonnenten in über 190 Ländern geworden. Tendenz steigend. Mit Serien wie „Stranger Things“ oder „Haus des Geldes“ unterhält Netflix die Welt. Wie kam es zu dieser Erfolgsstory? Reed Hastings glaubt, die Antwort zu kennen: „Der Hauptgrund, warum wir vom DVD-Versanddienst zum weltweiten Streamingdienst mit eigenen Inhalten werden konnten, ist unsere Unternehmenskultur.“

Der Chef hat kein eigenes Büro

Wie die genau aussieht, verrät er jetzt im Buch „Keine Regeln“ (Econ, 400 Seiten, 26 Euro), das er mit der Wirtschaftsprofessorin Erin Meyer geschrieben hat. Einer von Hastings Grundsätzen: möglichst viel Freiheit und Verantwortung für seine Mitarbeiter. Das klingt sehr nach Floskel. Doch wie ernst es dem 59-Jährigen damit ist, konnte zuletzt eine Facebook-Managerin feststellen. Sie hatte den Netflix-Boss einen ganzen Tag lang bei allen Terminen begleitet. Ihr überraschender Kommentar am Ende des Tages: „Reed, du hast heute keine einzige Entscheidung getroffen!“ Genau so soll es sein, meint Hastings, der kein eigenes Büro besitzt und dessen Vermögen „Forbes“ auf fünf Milliarden Dollar taxiert: „Mein Ziel als Chef ist es, so wenig Entscheidungen wie möglich zu treffen.“

Reed Hastings im Interview

Über die Jahre hat der gelernte Mathematiker und Informatiker Hastings Experten aus dem Film- und Seriengeschäft um sich geschart. Leute wie Ted Sarandos etwa. Netflix’ Chef für Inhalte ist bestens in Hollywood vernetzt und seit Sommer sogar Hastings Co-CEO. Doch für seine Philosophie braucht Hastings Topkräfte auf allen Ebenen, in allen Bereichen. „Wenn man eine Organisation aufbaut, die aus Spitzenkräften besteht“, so der Firmenchef, „kann man die meisten Kontrollmechanismen beseitigen.“ Regelungen für Reisespesen, Ausgaben, Urlaubszeiten: All das gibt es bei Netflix nicht. Jeder könne so viel Urlaub nehmen, wie er möchte; Hastings selbst nimmt jedes Jahr fünf bis sechs Wochen.

Nicht jeder kommt mit dem Druck klar

Regeln, so der Netflix-Boss, behindern die Entwicklung: „Die Gefahr von Regeln besteht darin, keine herausragenden Talente anlocken oder den Kurs nicht rasch ändern zu können, wenn sich die Bedingungen ändern. Langfristig ist für uns die größte Bedrohung ein Mangel an Innovation.“ Das klingt nach einem Paradies für Arbeitnehmer. Aber der Leistungsdruck bei Netflix ist immens. Hastings erklärt es so: „Nehmen Sie eine Sportliga wie die deutsche Fußball-Bundesliga. Dort gibt es einen harten Wettbewerb unter den Spitzensportlern. Um einen Platz im Team zu kämpfen ist völlig normal. Wir übertragen diese Metapher aus dem Profisport lediglich in den Geschäftsbereich.“ Nicht jeder kommt mit dem Druck klar, einige Ex-Mitarbeiter sprechen von einerKultur der Angst“.

Reed Hastings gibt zu, dass nicht jeder für Netflix gemacht sei: „Wir sind ein Team, keine Familie. Das ist bei uns anders als in den meisten anderen Firmen. Wir zahlen unseren Mitarbeitern weit überdurchschnittliche Gehälter. Dafür erwarten wir von ihnen, dass sie so lange im Team mitspielen, wie sie der beste Spieler für die Position sind.“ Sind sie das nicht mehr, werden sie aussortiert. Auch im Bereich Serien will Netflix nur die Besten. Für jeweils dreistellige Millionenverträge verpflichtete Netflix Showrunner wie Ryan Murphy („American Horror Story“), Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“) und das Duo David Benioff/Dan Weiss („Game of Thrones“).

Verbindlichkeiten über 14 Milliarden Dollar

Der jüngste Coup: ein mehrjähriger Vertrag mit Prinz Harry und dessen Frau Meghan Markle über mehrere Formate. „Das war ein harter Wettstreit mit vielen Interessenten“, sagt Hastings. In solchen Fällen gehe es um zwei Dinge: „Wer erzielt weltweit die größte Wirkung? Wer zahlt ihnen am meisten?“ Angeblich überweist Netflix dem Paar rund 150 Millionen Dollar. Meist hat Netflix die tiefsten Taschen – auch wenn es nicht die eigenen sind. Laut „Hollywood Reporter“ betragen die langfristigen Verbindlichkeiten über 14 Milliarden Dollar. Netflix nimmt weniger ein, als es ausgibt.

„Wir machen uns keine Sorgen um den Cashflow“, gibt sich Hastings in unserem Interview betont gelassen. „Die meisten Unternehmen, die wachsen, haben einen negativen Cashflow.“ Solange dieses Wachstum weitergeht, funktioniert das System Netflix. Ein Nachlassen kann sich der Streamer nicht erlauben. Neue Serien starten praktisch im Wochentakt. Die Anzahl der Mitbewerber ist groß, und diese heißen längst nicht mehr nur Amazon oder Disney+. „Unser größter Konkurrent“, sagt Hastings, „ist YouTube. Sie sind uns weit voraus. Und auch TikTok wächst extrem schnell, genauso wie Videospiele. Es gibt jede Menge Wettbewerber.“

Nächstes Mega-Projekt: Die „Trisolaris-Trilogie“

Die große Frage ist also: Wie groß kann Netflix noch werden? Derzeit hat das Unternehmen rund 195 Millionen Abonnenten. Sind eine halbe Milliarde möglich? „Schwer zu sagen“, sagt Hastings. „Wachstumspotenzial gibt es genug. Aktuell gibt es außerhalb Chinas rund 800 Millionen Menschen, die für Fernsehen bezahlen.“ China ist eines der wenigen Länder, in denen Netflix noch nicht verfügbar ist; hier warten über eine Milliarde potenzieller Kunden.

Vielleicht lassen sie sich ja mit dem nächsten Serien-Megaprojekt locken: Die „Game of Thrones“-Macher Benioff und Weiss schreiben für Netflix die Adaption der „Trisolaris-Trilogie“, ein epischer Sci-Fi-Bestseller, der mehrere Jahrhunderte umspannt. Die Buchvorlage stammt – reiner Zufall? – aus China.