"Tribes of Europa": Kampf um den Kontinent

Szene aus "Tribes of Europa".
Szene aus "Tribes of Europa".
Foto: ©Netflix
Kann die Sci-Fi-Serie „Tribes of Europa“ (ab Freitag, den 19. Februar) der nächste deutsche Netflix-Welthit werden?

Auch wenn er es nicht gern hört: Philip Koch muss dankbar sein für den Brexit. Und das, obwohl der Filmemacher („Tatort“, „Operation Zucker“) überzeugter Europäer ist. Wie viele andere Deutsche war auch er geschockt, als er am 23. Juni 2016 Nachrichtensendungen schaute: Die britische Bevölkerung hatte mehrheitlich dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen – der Beginn des Brexits.

„In diesem Moment“, erinnert sich Koch, „war mir klar: Ich muss eine Serie über das Ende Europas machen.“ Viereinhalb Jahre später legt Philip Koch nun als Chefautor, Showrunner und Co-Regisseur das Ergebnis vor: den aufwendigen Netflix-Sechsteiler „Tribes of Europa“.

Trailer: "Tribes of Europa"

Die Brexit-Abstimmung mag die Inspiration gewesen sein, doch Koch nahm sich viele Freiheiten. „Es wäre mir zu dröge gewesen, den Zerfall Europas als Politdrama zu erzählen“, erklärt er im Gespräch mit der GOLDENEN KAMERA. „Ja, in der Serie geht es um ein ernstes Thema. Aber gleichzeitig ist es ein Sci-Fi-Abenteuer, das unterhalten soll.“

Eine deutsche Netflix-Serie, geschaffen von der Filmproduktionsfirma Wiedemann & Berg: Diese Kombination war zuletzt bei „Dark“ (2017–2020) ein großer Erfolg, die Serie wurde zu einem der populärsten Netflix-Angebote weltweit. Kann „Tribes of Europa“ Ähnliches gelingen?

Darum geht's in "Tribes of Europa"

Europa im Jahr 2074: Nach einer mysteriösen Katastrophe ist der Kontinent nur ein Schatten vergangener Tage. Die technische Infrastruktur ist zerfallen, Nationalstaaten existieren nicht mehr. An ihre Stelle sind unzählige Tribes getreten – Gruppierungen mit jeweils unterschiedlicher Ideologie und Kultur. Einer dieser Stämme sind die naturverbundenen Origines. In einem Wald entdecken sie ein kleines, rätselhaftes Hightech-Objekt, den „Cube“.

Der Fund lockt den kriegerischen Tribe der Crows an, die um die Vorherrschaft in Europa kämpfen. Als die Crows angreifen, müssen die drei Origine-Geschwister Kiano (Emilio Sakraya), Liv (Henriette Confurius) und Elja (David Ali Rashed) fliehen und werden voneinander getrennt. Für jeden von ihnen beginnt eine gefährliche Reise durch den postapokalyptischen Kontinent. Vor allem Kiano wird diese Flucht an seine Grenzen bringen.

Hintergrund

„Seit Kiano klein war, träumt er davon, seinen Tribe zu verlassen und die Welt zu erkunden“, sagt Hauptdarsteller Emilio Sakraya („Kalte Füße“) im Interview mit der GOLDENEN KAMERA. „Bis er knallhart mit dieser Welt da draußen konfrontiert wird.“

Um die Waldmenschen überzeugend spielen zu können, gab es eine spezielle Vorbereitung für die drei Origines. Mit seinen Kollegen Confurius und Rashed absolvierte Sakraya einen mehrtägigen Survivalkurs in der Wildnis: Bogenschießen, Pflanzen erkennen, Feuer machen – und Tiere häuten.

„Ganz ehrlich, auf Letzteres könnte ich künftig gut verzichten“, sagt Sakraya. „Aber in dem Moment und auch später, als wir das Tier ausnahmen, fühlte es sich selbstverständlich an. Ich will meine Figur so gut wie möglich kennenlernen. Ein Coaching reicht da natürlich nicht, aber es war ein guter Anfang.“

Junge Hauptfiguren, eine dystopische Zukunft: Auf dem Papier folgt „Tribes of Europa“ damit dem Muster von Produktionen wie „Die Tribute von Panem“, „The 100“ oder „Die Bestimmung“. Diese Reihen werden dem aktuell sehr erfolgreichen Genre „Young Adult“ (YA) zugerechnet.

„Mir selbst“, sagt Serienschöpfer Philip Koch, „war lange gar nicht bewusst, dass wir streng genommen eine YA-Geschichte erzählen. Schließlich haben wir wichtige Figuren, die auch ein älteres Publikum ansprechen – wie etwa den Gauner Moses (Oliver Masucci, Anm. d. Red.) oder die Crow-­Anführerin Varvara (Melika Foroutan, Anm. d. Red.). Mir war aber wichtig, dass unsere drei Hauptfiguren jung sind, weil das noch mal eine größere Emotionalität bedeutet: Können sie als Familie wieder zusammenfinden? Und: Was sind sie bereit, dafür zu tun?“

Die Welt seiner Serie musste Koch komplett neu erschaffen, auf dem Papier wie vor der Kamera. Denn anders als bei Filmen wie „Die Tribute von Panem“ gab es für „Tribes of Europa“ keine Romanvorlage. Wie sehen die einzelnen Tribes aus? Wie und wo leben sie? Wofür kämpfen sie? All das hielt Koch in einer ursprünglich 75-seitigen sogenannten Serienbibel fest. Eine Handvoll Tribes kommen in der Serie bereits vor. Andere wie etwa die Red Legion oder die Northern Alliance werden in den sechs Folgen nur im Nebensatz erwähnt. Trotzdem hat Koch sie in seiner Serienbibel bereits porträtiert.

„Es gibt Dutzende andere Tribes, die das Publikum noch nicht zu sehen bekommt“, verrät er. „Dennoch existieren sie bereits. Ich denke, die Zuschauer merken es, wenn später Dinge dazukommen, die du nicht vorher angelegt hast. Mir war wichtig, von Anfang an eine komplette Welt zu