Alles über die Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Benno (Michelangelo Fortuzzi) Stella (Lena Urzendowsky) Michi (Bruno Alexander) Christiane (Jana McKinnon) Babsi (Lea Drinda)
Benno (Michelangelo Fortuzzi) Stella (Lena Urzendowsky) Michi (Bruno Alexander) Christiane (Jana McKinnon) Babsi (Lea Drinda)
Foto: © 2020 Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images
Exklusiv: Wie die mitreißende Amazon Original Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (ab 19. Februar) die Geschichte der Christiane F. ganz neu erzählt.

Es war der schockierende Bestseller der 70er-Jahre: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die schonungslose Lebensbeichte der heroinsüchtigen Christiane F., wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, weltweit mehr als drei Millionen Mal verkauft und nicht selten als Unterrichtslektüre in den Schulen genutzt. Verfilmt wurde die Geschichte ebenfalls, im Jahr 1981 brachte Starregisseur Uli Edel („Letzte Ausfahrt Brooklyn“) seine Fassung in die Kinos.

Trailer zu "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Kein Hindernis für die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Drehbuchautorin Annette Hess („Ku’damm 56“), aus der Geschichte einen neuen Mehrteiler zu entwickeln und das Projekt den Produzenten Sophie von Uslar und Oliver Berben vorzuschlagen.

Annette Hess zu GOLDENE KAMERA: „Ich wollte aus dem Buch eine Serie machen, weil in dem Kinofilm vieles nicht vorkam, was mich bei der Lektüre bewegt hat.“ Das Resultat: eine achtteilige Serie, 25 Millionen Euro teuer, mit sechs Hauptdarstellern, 297 Sprechrollen und über 6000 Komparsen.

Darum geht's in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Christiane Felscherinow (Jana McKinnon, hier im Interview) wächst 1978 inmitten der Hochhaustristesse der Berliner Gropiusstadt auf. Genervt vom täglichen Hickhack zwischen ihrer berufstätigen Mutter Karin (Angelina Häntsch) und dem verantwortungslosen Vater Robert (Sebastian Urzendowsky), verbringt die 14-jährige Schülerin viel Zeit mit ihrer nicht minder vernachlässigten Freundin Stella (Lena Urzendowsky).

Die Mädchen gehen oft ins „Sound“, Berlins damals angesagteste Disco – aber zugleich ein zentraler Drogenumschlagplatz. Für Christiane ist der Eintritt in diese Welt der Anfang vom Ende ihres bürgerlichen Lebens. Mit ihrer sechsköpfigen Clique – dem verträumten und tierlieben Benno (Michelangelo Fortuzzi), dem in Benno verliebten Michi (Bruno Alexander), dem Azubi Axel (Jeremias Meyer), Babette (Lea Drinda), die bei ihrer prominenten strengen Oma lebt, und der unter ihrer alkoholkranken Mutter leidenden Stella – snieft sie bald täglich Heroin.

Der Sturz in den Abgrund beginnt, und auch die Liebe zu Benno kann ihn nicht bremsen. Christiane spritzt jetzt die Droge, verkauft sich auf dem Strich an pädophile Freier, um das Geld zu beschaffen. Erst nach mehreren vergeblichen Entzugsversuchen und dramatischen Todesfällen im Freundeskreis realisiert sie, vor welcher Entscheidung sie steht: Will ich weiter leben – oder sterben?

„Das Besondere am Schicksal von Christiane F. ist, dass man zugleich fasziniert und abgestoßen ist“, erklärt die Headautorin Annette Hess im Gespräch mit GOLDENE KAMERA. „In der Ambivalenz der Geschichte drücken sich die Lust zu leben und die Lust zu sterben gleichzeitig aus.“

Nur mit Felscherinows Zustimmung

Wie reagierte die echte Christiane Felscherinow, die sich 2014 wegen ihres schlechten Gesundheitszustands aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, auf die Idee der Neuverfilmung ihrer Geschichte? Oliver Berben: „Ich habe Zugang zu Christiane und spreche unregelmäßig mit ihr. So habe ich ihr zugesichert, dass sie die Möglichkeit hat zu sagen, ob und wann sie dabei sein möchte.“

Und natürlich, so Berben, habe er schon zu Beginn der Planung Felscherinows Zustimmung eingeholt, weil er eine derartig eng an ihr Leben angelehnte Serie ansonsten gar nicht hätte produzieren können. Gesehen hat Christiane F. die Serie bisher nicht. „Aber wir sind ja auch gerade erst fertig geworden. Wann immer sie das möchte, wird sie die Möglichkeit dazu bekommen.“

Der Kinofilm hielt sich 1981 eng an die reale Geschichte, die Macher der Serie haben einen eigenen Weg gewählt: „Was den Erzählbogen angeht, sind wir ganz nahe am Buch geblieben“, erklärt Annette Hess. Die realen Figuren hätten sie aber zu „Weitererzählungen“ inspiriert. Komplett erfunden hingegen sei die Figur des DJ im „Sound“, der sich im doppelten Sinn „auf einer höheren Ebene“ bewege.

Und auch eine „Metaebene“, die den Mitgliedern der Clique eine Art „Kraft“ zuschreibt, hat sich Annette Hess ausgedacht: „Christiane glaubt, unsterblich zu sein, nachdem sie mit einem Fahrstuhl abgestürzt ist. Michi fühlt sich übermenschlich stark, Babsi sieht ihren toten Vater, Benno versteht die Sprache der Tiere und Axel bleibt nichts verschlossen – weder Türen noch Tore.“ Die Einzige, die keine Kraft habe, sei Stella, „weil sie die Erwachsenste in der Clique“ sei.

Zeitzeugen "Sound"-Gänger

Authentisch wiederum seien sämtliche Szenen, bei denen sich Freier drogensüchtige Jugendliche holen, um sie für die Teilnahme bei Sexpartys zu bezahlen: „Das findet heute noch so statt.“ Doch wie hat die Autorin für die Serie recherchiert? „Ich habe beispielsweise eine Facebook-Gruppe von ehemaligen ‚Sound‘-Gängern gefunden, die jetzt alle um die 50, 60 sind und Christiane noch teilweise kannten.“

Diese Zeitzeugen, so Annette Hess, seien sehr gesprächig gewesen: „Wir haben jede Menge Fotos von Leuten gesehen, von denen die Hälfte leider schon tot ist. Das ‚Sound‘ war wie die Fronten im Zweiten Weltkrieg, von wo nur die Hälfte der jungen Menschen lebend zurückgekehrt ist.“

Für Produzent Oliver Berben ist die Disco obendrein „der siebte Hauptdarsteller der Serie – ein lebender Organismus mit einem pulsierenden Herzen“. Genau wie der Bahnhof Zoo sei auch das „Sound“ in Prag komplett nachgebaut worden: „Das war einer der kostenintensivsten Punkte.“

Zweiter großer Kostenfaktor war laut Berben die Musik: „Dabei ging es nicht darum, einfach nur Songs von David Bowie abzuspielen, sondern sie teilweise im Hier und Heute zu interpretieren.“ Doch nicht die Finanzierung sei für die Produzenten die größte Herausforderung gewesen. Oliver Berben nennt GOLDENE KAMERA zwei andere Aspekte: „Einerseits modern und neu mit der in allen Köpfen präsenten Geschichte umzugehen, ohne das, was die Menschen damit verbinden, zu beschädigen. Andererseits, dass wir uns in Bereichen wie Drogensucht, Prostitution und Sexualität bewegen.“

Eine "Antiheldenreise"

Deshalb habe es auch einen „Closed Set“ (keine Drehbesuche der Presse) gegeben: „Weil wir eine gewisse Nervosität bei den jüngeren Darstellern wie auch bei der Regie, der Kamera und der Ausstattung spürten, haben wir uns relativ früh dafür entschieden, die Kreativen so gut wie möglich in Ruhe arbeiten zu lassen und ihnen einen geschützten Raum zu bieten.“

Und tatsächlich gab es eine Reihe von Szenen, die den jungen Schauspielern, die laut Annette Hess auf eine „Antiheldenreise“ gehen, nicht eben leicht fielen. „Sicherlich die Entzugs- und Drogenszenen, genau wie die Prostitutionsmomente“, antwortet Michelangelo Fortuzzi (Benno) auf die Frage nach den größten Schwierigkeiten.

Und Bruno Alexander (Michi) ergänzt: „Es war sehr schwierig, auf dem Strich zu stehen und sich vorzustellen, dass man auf Freier wartet, um seinen Körper zu verkaufen. Dieses Gefühl war besonders zuletzt krass, als es Michi immer dreckiger geht. Äußerlich ist diese Entwicklung übrigens sehr gut zu sehen an Axels Wohnung, die im Laufe der Serie immer mehr verwahrlost.“ Die jungen Hauptdarsteller, so viel darf verraten werden, meistern auch die extremen Szenen der Serie absolut souverän.

Hätten sie Zugang zu der echten Christiane F. gehabt– was hätten sie sie gefragt? Die Antworten fallen verschieden aus: Während Jana McKinnon (Christiane) vor allem interessiert hätte, wie es Christiane Felscherinow heute geht, würde Lena Urzendowsky (Stella) gerne wissen, weshalb sie damals lieber Anschluss finden wollte, statt ein „Leben mit Werten“ zu führen.

Die männlichen Darsteller wären ebenso neugierig auf ein Gespräch: So hätte Bruno Alexander gefragt, ob sie die damalige Zeit bereue, während Jeremias Meyer (Axel) gerne gewusst hätte, wie sie ihr „unschönes Leben“ so lange ertragen konnte. Und auch Headautorin Annette Hess hätte eine spannende Frage: „Mich würde interessieren, ob Christiane F. ihr Schicksal heute als unausweichlich empfindet.“

Schlüsselkinder unter sich

In der Serie sind die Gründe für den Drogenkonsum der Cliquenmitglieder oft fehlende familiäre Strukturen: So drückt Axel, weil er „aus der DDR geflohen ist, seine Eltern nicht bei ihm sind und er unter Verfolgungswahn leidet“, erklärt Jeremias Meyer. „Er sucht den Halt im Heroin.“ Annette Hess bestätigt: „Das Grundproblem ist die Abwesenheit der Eltern – das typische Schlüsselkindersyndrom.“

Viele Eltern seien nicht nur durch die eigene Kriegskindheit traumatisiert gewesen, sondern auch sehr jung: „Wenn man sich erst mal um sich selbst kümmern muss, dann hat das Folgen für die Kinder. Außerdem wusste man damals nicht, wie massiv und schnell Heroin abhängig macht, das wurde nämlich erst durch Christiane F.s Buch bekannt. Danach stand dann beispielsweise in der HÖRZU, woran man erkennt, dass sein Kind drogenabhängig ist – etwa wenn es immer lange Ärmel trüge, damit man die Einstichstellen nicht sähe. Das war wirklich ziemlich absurd.“

Bleibt nur eine Frage: Warum spielt die Serie nicht in der Gegenwart? Annette Hess: „Das hätte die Geschichte massiv verändert. Uns hat zum Beispiel fasziniert, dass die Clique keine Handys hatte. Sie mussten einander immer suchen. Für die Atmosphäre ist das wichtig, weil die Freunde dadurch oft sehr verloren und einsam waren und mit niemandem reden konnten.“