Tatort-Regisseur Niki Stein: "Ein guter Krimi muss immer intelligent unterhalten"

Regisseur Niki Stein (56)
Regisseur Niki Stein (56)
Foto: © picture alliance / Geisler-Fotopress
Niki Stein heißt mit vollem Namen Nikolaus Stein von Kamienski, könnte aber auch zu Recht "Mr. Tatort" genannt werden.

Seit 1992 drückt der 56jährige Drehbuchautor und Regisseur dem "Tatort" im Ersten seinen Stempel auf. Los ging es mit der Folge "Der Mörder und der Prinz", für die er erstmals das Drehbuch verfasste. Damals war der Kölner Tatort-Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) noch Assistent in Düsseldorf. Es folgen zahlreiche weitere Fälle, bei denen Stein auch Regie führte, z.B. "Tatort: Manila" (Team Köln, 1998) "Tatort: Das Böse" (Team Frankfurt, 2013) oder der "Tatort: Pauline" ( Hannover, 2006).

Doch Niki Stein kann nicht nur Krimi: 2012 nahm er sich bei "Rommel" einem historischen TV-Stoff aus der deutschen Geschichte an. Der TV-Film, mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle, erzählt die letzte Lebensphase von Erwin Rommel, dem bekanntesten deutschen General im zweiten Weltkrieg. Sein neustes Werk ist der aktuelle "Tatort: Dunkle Zeit", (3. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste) mit Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring. Die Kommissare Grosz & Falke müssen dabei einen Mord im Umfeld einer rechtspopulistischen Partei aufklären.

Ist Ihr neuer Tatort ein „AfD-Tatort“, Herr Stein?

Niki Stein: Nein. Es ist ein „Tatort“ über die rechtspopulistischen Strömungen in Deutschland und in ganz Europa.

Wie realistisch ist die Story?

Niki Stein: Für das Drehbuch habe ich versucht, die politische Stimmung genau zu erfassen. Aber natürlich ist die Mordgeschichte komplett ausgedacht. Schon seit Shakespeare weiß man: kein Feld eignet sich so gut für ein Mordkomplott wie die große Politik.

Wie lange feilen Sie einem Drehbuch, bis Sie den perfekten Krimi haben?

Niki Stein: Das hängt davon ab, ob einen die Muse küsst oder nicht. In diesem Falle ging es recht schnell, weil ich wusste, was ich erzählen wollte. Denn beim „Tatort: Dunkle Zeit“ geht’s nicht allein um die Populisten, sondern auch um die generelle Verrohung des politischen Klimas – und dass Tabus, die früher höchstens an Stammtischen geäußert wurden, jetzt ganz ungeniert öffentlich geäußert werden.

Muss ein exzellenter Krimi den Zuschauer intelligent unterhalten? Muss er ihm ein Thema „unterjubeln“, mit dem er sich sonst nicht beschäftigen würde?

Niki Stein: Ein guter Krimi sollte nie den Zeigefinger erheben – aber er muss immer intelligent unterhalten, d.h., er sollte nicht platt sein und, ganz wichtig, etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Wie wichtig sind Tabubrüche?

Niki Stein: Tabus müssen nicht gebrochen werden, das ist oftmals zu verkrampft. Es darf nie die Maxime eines Drehbuchautoren sein, ein Tabu per se brechen zu wollen – Tabubrüche brauchen ihre erzählerische Funktion. Fehlt die, wird es langweilig.

Warum sind die Deutschen so Krimi-affin?

Niki Stein: Höchstwahrscheinlich, weil im Krimi eine vermeintlich fehlende Ordnung wiederhergestellt wird. Das lässt sich gut am Phänomen des Rechtspopulismus erklären, den wir in „Dunkle Zeit“ beleuchten: Der Rechtspopulismus gedeiht, weil die Menschen sich unsicher fühlen, sich in der neuen, globalen Welt mit all ihren Problemen nach einfachen Antworten sehnen. Der Krimi schafft wenigstens im Kleinen Ordnung: Am Ende weiß der Zuschauer, wer der Mörder ist – und er kann beruhigt schlafen gehen.

Bilderglaerie zum "Tatort: Dunkle Zeit"

Aber zeichnet es einen guten Krimi aus, dass am Ende stets alles im Lot ist?

Niki Stein: Nein, das fordert eher die Konvention. Und die ist langweilig. – Wichtig ist, dass ein Krimi einen Nachhall hat, noch Fragen offen, nicht alle Probleme gelöst sind. Dann denken die Zuschauer intensiver über die Story nach. Mein letzter „Tatort: HAL“, der sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigte, war ein gutes Beispiel dafür. Nach der Sendung habe ich unheimlich viele Briefe von Zuschauern bekommen, die mir z.B. schrieben, dass sie ihre Computer- und Handy-Kameras künftig abkleben, um nicht ausgehorcht zu werden. Ich hoffe, dass uns das diesmal wieder gelingt. Anja Kling spielt die Rechtspopulistin Nina Schramm die zwar die Finger in vorhandene Wunden legt, wie ungeordnete Einwanderung, religiöse Intoleranz von Teilen des Islam usw., aber keine Antwort gibt, wie die Gesellschaft damit umgehen kann. Trotzdem hat sie eine ungeheure Überzeugungskraft, die sicher viele erst mal innerlich nicken lässt. - Ich fände es toll, wenn die Zuschauer ihre eigene Verführbarkeit erkennen.

Heißt das, ein guter Krimi braucht psychologischen Tiefgang?

Niki Stein: Ja, es geht immer um die Nachvollziehbarkeit. Wenn Sie das Verhalten einer Filmfigur nicht nachvollziehen können, schalten Sie gelangweilt ab. Ich bin ein absoluter Verfechter des „Well-Made-Plays“, wie der Engländer das nennt. Man muss das Verhalten der handelnden Figuren verstehen – sonst kann man weder mitbangen, mithoffen, noch sich mit ihnen identifizieren.

Muss es in einem guten Krimi spätestens nach zehn Minuten eine Leiche geben? Und gelten die antiken Regeln von Aristoteles auch noch für zeitgenössische Krimis?

Niki Stein: Ersteres nein, letzteres ja. Wenn ein Drehbuchautor Aristoteles kapiert, dann hat er schon viel verstanden: Die Kommissare machen sich auf den Weg mit der Frage: „Wer hat Herrn/Frau XY umgebracht“. – Der Antagonist, also der Täter, erschwert ihnen das nach Kräften? Es kommt zur alles klärenden Begegnung, dem Show-Down und der Fall ist gelöst. Das Problem ist nur, dass Aristoteles fordert, dass sich der Held im Drama, durch die Erfahrungen, die er macht, verändert, an seine Grenzen geführt wird. Und weil es für die Kommissare meist nicht um Leben und Tod geht, suchen Krimi-Drehbuchautoren oft mit der Brechstange nach anderen Lösungen. Da bietet sich dann an, dass der Verdächtige der Bruder oder ein anderes Familienmitglied des Ermittlers ist, oder es gleich im Haus des Kommissars selber spukt. – Ich finde, so was erschöpft sich ganz schnell.

Wie gut kommt „Dunkle Zeit“ wohl bei 12,6 Prozent der Bevölkerung an?

Niki Stein: Jene 12,6 Prozent der Bürger, die die AfD gewählt haben, sind ja nicht unbedingt Anti-Demokraten. Viele von ihnen wollen den Altparteien eins auswischen. Ich bin froh, dass die Rechtspopulisten jetzt im Bundestag sitzen, weil sie nun am politischen Diskurs teilnehmen müssen – und weil die anderen Parteien jetzt konkrete Lösungsvorschläge von der AfD einfordern können. Wie lautet z.B. das Rentenkonzept der AfD? Welche Lösung hat die Partei für unser brüchiges Gesundheitssystem? – Mit welchen konkreten Maßnahmen will die AfD die Flüchtlinge wieder loswerden, über die sich Ihre Wähler so erregen? – Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Partei darauf keine Antworten hat, und wenn, wie bei der Rückführung der Flüchtlinge, lassen sie sich Gott sei Dank im Rahmen unseres Rechtsstaates nicht realisieren. Aber ich habe auch Angst davor, dass diese Partei versucht, die Parlamente mit Geschäfts- und Tagesordnungsanträgen handlungsunfähig zu machen. In vielen Landesparlamenten, in denen sie vertreten ist, ist das schon zu beobachten: Sie wollen die Parlamente als „Quasselbuden“ diskreditieren und letztlich unsere repräsentative Demokratie als handlungsunfähig brandmarken.