Florian David Fitz: "Wir können einen Hund streicheln und ein Kind töten"

Für Erich Kästner waren die Kleinsten die Größten. Jetzt spielt Florian David Fitz den Schriftsteller in "Kästner und der kleine Dienstag".

Ob "Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen" oder "Das fliegende Klassenzimmer": Erich Kästner (1899 – 1974) zählt zu Deutschlands beliebtesten Autoren. Nun spielt Florian David Fitz ("Willkommen bei den Hartmanns") den berühmten Publizisten im ARD-Spielfilm "Kästner und der kleine Dienstag" (21. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste).

Darum geht's in "Kästner und der kleine Dienstag"

Trailer zu "Kästner und der kleine Dienstag"

Der kleine Hans Löhr (Nico Kleemann) liest "Emil und die Detektive" – und ist begeistert. Um den Autor Erich Kästner (Florian David Fitz) für die Schülerzeitung zu gewinnen, steht er eines Tages vor dessen Tür. Bonvivant Kästner, zunächst irritiert, beginnt jedoch schon bald, sich an Hans' Feedback zu freuen. So entwickelt sich der Kontakt über die Jahre zu einer echten Freundschaft. Als die Nazis die Macht ergreifen, taucht Pazifist Kästner ab, während Hans in die Hitlerjugend eintritt – jedoch nur zum Schein. In Wahrheit bleibt er sich treu.

Interview mit Florian David Fitz

Im Interview mit GOLDENE KAMERA sprach Florian David Fitz über Kästners unbekannte Seite, seine Rolle im Dritten Reich und die Botschaft des neuen Films.

Florian David Fitz über "Kästner und der kleine Dienstag"

Worum geht's in Ihrem Film?

Um eine wahre Geschichte, die die Autorin Dorothee Schön gefunden hat: 1931 freundete sich Kästner mit dem Darsteller des "kleinen Dienstag" aus dem UFA-Film "Emil und die Detektive" an, dem Jungen Hans-Albrecht Löhr.

Was kennzeichnete diese Freundschaft?

Sie hielt bis in die Nazizeit! Dann aber wurden Kästners Bücher verboten, und er war als einziger deutscher Autor bei der Verbrennung seiner eigenen Werke dabei. Unser Film zeigt, wie sein größter Fan, Hans-Albrecht Löhr, während der Nazizeit trotzdem für die Kästner'schen Werte einstand: nämlich dafür, dass sich Kinder stets ein eigenes Urteil bilden sollen.

War Erich Kästner ein Held Ihrer Kindheit?

Natürlich ist er ein Teil des kulturellen Gedächtnisses. Kästner hat tolle Kinderfiguren erfunden: Bei ihm haben Kinder stets eine eigene Moralität und sie sind die "besseren Erwachsenen". Interessanterweise war Erich Kästners privates Verhältnis zu Kindern aber komplizierter als in seinen beliebten Büchern. Denn er war nicht erpicht drauf, Kinder in seinem Leben zu haben.

Welcher Typ war Kästner charakterlich?

Wie Kästner in den Zwanzigern bis Vierzigern lebte, war bislang größtenteils unbekannt. Aber wenn man seine Bücher und Gedichte aus jener Zeit liest, kann man viel über ihn erfahren. Witzigerweise hatte ich einen kleinen Einblick in seine Münchner Zeit, denn meine Mutter war mit seinem Ziehsohn befreundet. Nur soviel: Kästner hat damals nichts anbrennen lassen. Er hat gut gelebt und war am Ende sogar etwas zu stark dem Alkohol zugeneigt.

Zwischen der damaligen Zeit und heute gibt es wieder gefühlte politische Parallelen. Sehen Sie das genauso?

Ja, und ich hoffe, dass die Zuschauer das merken. Eine Szene in unserem Film, die in einem Berliner Kaffeehaus spielt, zeigt sehr schön, wie sich die Atmosphäre damals peu à peu verändert hat – und anschließend immer mehr Leute abtauchten. Damals herrschte große Ratlosigkeit darüber, was man noch sagen durfte und was nicht. Heute stellt sich diese Frage wieder. Wie geht man mit Populismus um? Ignorieren wir ihn? Bekämpfen wir ihn? Die Geschichte wiederholt sich nicht unbedingt, aber die derzeitige politische Lage ist oft besorgniserregend.

Warum ist es wichtig, sich die Erinnerungen an die damaligen Ereignisse immer wieder ins Gedächtnis zu rufen? Auch vor dem Hintergrund, dass 2017 manche Politiker ein Ende der "Erinnerungskultur" fordern?

Das ist eine Haltungsfrage. Ich sehe es eher als Vorteil, dass wir uns erinnern können. In der Menschheitsgeschichte gibt es viele Grausamkeiten, und wir haben eine der größten begangen. Daran sind die heute lebenden Deutschen nicht schuld – aber seitdem wissen wir, dass wir Menschen zu allem fähig sind. Denn die Nazis sind damals nicht mit einem UFO auf der Erde gelandet und anschließend wieder einfach verschwunden, sondern die Wähler haben ihnen ihren Aufstieg ermöglicht. Wir Menschen sind per se widersprüchlich: Wir können innerhalb von fünf Minuten einen Hund streicheln und ein Kind töten. Das darf man nicht vergessen.

In den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es ständig Neuwahlen …

Genau. Man wusste nicht, wo das Land hinsteuert. Es gab zum ersten Mal eine Demokratie, aber die Regierungen haben sich ständig aufgelöst und neu gegründet. Aber aufregend war die damalige Zeit auch, weil etwa in den Großstädten die ganzen Geschlechterklischees ignoriert wurden.

Auch das Schicksal des Zeichners der Comic-Strips "Vater und Sohn" – Erich Ohser – wird in "Kästner und der kleine Dienstag" thematisiert. Kannten Sie seine Geschichte schon vor dem Dreh?

Ich kannte "Vater und Sohn" aus der Schulzeit. Mein erstes Schuljahr war 1981, und in den Schulbüchern gab es noch die "Vater und Sohn"-Cartoons. Aber über Erich Ohsers Schicksal und seine Freundschaft zu Erich Kästner wusste ich nichts. Ohser wurde damals in das Nazi-System reingezogen und am anderen Ende wieder ausgespuckt.

Wie haben eigentlich die Menschen aus Kästners Kosmos auf das Vorhaben, dieses Filmprojekt zu realisieren, reagiert?

Es herrschte große Vorsicht, weil es noch keinen Film gab, der Kästner als dramatische Figur benutzte. Die Erben und die Anwälte, die über Kästners Erbe wachen, haben genau hingeschaut, wie viele Freiheiten möglich sind. Soll er sächseln? Soll er nicht sächseln? Nur zwei Fragen von unzähligen. Am Ende haben wir uns entschieden, dass es eher darum geht, einen Zipfel von Kästners Wesen zu erwischen. Was witzig ist, im Rückblick sind wir ihm durch die größere Freiheit viel näher gekommen als gehofft. Nach der Teampremiere kam einer der Anwälte, der Kästner gut kannte – und meinte, er hätte ihn im Film überraschend genau wiedergefunden.

Kaum bekannt ist, dass Erich Kästner während der Nazi-Zeit UFA-Drehbücher unter einem Pseudonym geschrieben hat – wie "Baron Münchhausen" …

Ja, denn er musste finanziell überleben. Joseph Goebbels wusste davon, aber er hatte schlicht keine Auswahl mehr. Alle anderen waren geflohen oder schlimmer. Irgendwann hat es Hitler herausbekommen, und dann war Sense. Die Nazis haben Kästner gehasst. Sie wussten, dass er alles repräsentiert, was sie verachten: Aufklärung, Pazifismus, Humor, Subversivität.

Wie sehr erleichtern es Ihnen Kostüme, in eine Rolle einzutauchen?

Sehr. Durch andere Kleidung kommt es zu einer anderen Körperhaltung. Ob Wollanzüge, Perücken oder Hosen, deren Saum oberhalb der Fußknöchel endet – all das hilft einem Schauspieler und gibt einem eine neue Körperlichkeit. Aber natürlich ist es keine Uniform. Kästner war leger gekleidet.

Viele Dichter und Denker haben vor rund 90 Jahren die Bedrohung durch die Nazis nicht ernst genug genommen – und zahlten dafür mit dem Leben. Glauben Sie, dass sich so etwas wiederholen könnte?

Man sagt immer, dass sich Geschichte nicht wiederholt, aber sie kann sich durchaus in eine Richtung entwickeln, die nicht wünschenswert ist. Viele Menschen dachten damals, dass es nicht schlimmer werden würde – und sie, wenn es doch der Fall wäre, schon noch aus Deutschland herauskommen würden. Aber dann konnten sie plötzlich nicht mehr ausreisen. Wird sich das wiederholen? Vermutlich nicht. Doch ich glaube, dass man einfach wach bleiben muss.

Hat "Kästner und der kleine Dienstag" eine Message?

Mit Messages muss man immer vorsichtig sein. Kästner hat sich selber als Moralist bezeichnet und man kann keinen Film über ihn machen, ohne dass man seine Schlüsse draus zieht …

… wie "es gibt nichts Gutes, außer man tut es"?

Leider kann man auch etwas Gutes wollen und trotzdem etwas Schlechtes bewirken. Die Welt ist kompliziert. So leicht ist es leider nicht.

Wie war die Zusammenarbeit mit Nico Kleemann, dem Darsteller des kleinen Dienstag?

Drehs mit Kindern sind etwas völlig anderes als Drehs mit richtigen Schauspielern, wo man miteinander eine Szene kreiert. Normalerweise sagt man Kindern, dass sie ihren Text "mal so" und "mal so" sprechen sollen. Aber mit Nico Kleemann war es relativ außergewöhnlich, weil er eigenständige Ideen hatte und ein extrem wacher Kopf war. Nico ist tatsächlich ein bisschen so wie der Junge im Film.

Sie schreiben – genau wie Erich Kästner – Drehbücher. Haben Sie dabei auch Rituale?

Ich brauche eher Ruhe und viel Kaffee.

Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Ich befand mich ein Jahr lang in der "Schreibhölle" für einen Film, bei dem sich alles um das Thema Konsum dreht. Der Arbeitstitel lautet "100 Dinge", und ich werde gemeinsam mit Matthias Schweighöfer im Winter dafür Regie führen. Im Film geht's um zwei Jungs, die all ihre Sachen wegräumen und wetten, ob sie ohne ihr Zeug klarkommen. Außerdem drehe ich momentan mit Sönke Wortmann ein Remake des französischen Theaterstücks "Der Vorname".