Steven Spielberg: "Panik ist mein Antrieb"

Die Doku "Spielberg" (16. Dezember, 20.15 Uhr, Sky Atlantic) erklärt die einzigartige Karriere von Steven Spielberg, der gerade vor seinem wichtigsten Jahr seit Langem steht.

Die Kinokarriere von Steven Spielberg ist vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Es ist der Sommer 1974, der 27-Jährige dreht gerade den Thriller "Der weiße Hai". Besser gesagt: Er versucht es. Denn bei den Aufnahmen vor der US-Ostküste läuft nichts nach Plan. Die unruhige See verzögert die Arbeit, der Star – ein acht Meter langer mechanischer Hai – verweigert meist den Dienst. Auch das 200-köpfige Team zweifelt an dem milchgesichtigen Newcomer. Als die Probleme immer massiver werden, hat das Filmstudio Universal nur zwei Optionen: Spielberg als Regisseur entlassen – oder den Film komplett stoppen.

Doch es geschieht ein Wunder. Aus der Not heraus disponiert Spielberg um. Bis zum spektakulären Finale zeigt er den Hai immer nur kurz: hier eine Flosse, dort die furchterregenden Zähne. Den Rest besorgen raffinierte Schnitte und eine kongeniale Filmmusik. Der Dreh zu "Der weiße Hai" dauert dreimal länger als geplant, doch es lohnt sich. Mehr als das: Mit sagenhaften 470 Millionen Dollar weltweitem Einspielergebnis wird "Jaws", so der Originaltitel, zum bis dahin kommerziell erfolgreichsten Film der Kinogeschichte.

Steven Spielberg über seinen neuen Film "Die Verlegerin"

HBO-Doku über Spielbergs beispiellose Karriere

Es ist lediglich der Auftakt einer beispiellosen Karriere. Kein anderer Regisseur hat über fünf Jahrzehnte derartige Erfolge feiern können wie der heute 70-Jährige. Spielberg setzte mit solch unterschiedlichen Werken wie dem Kinoabenteuer "Indiana Jones" oder dem Kriegsfilm "Der Soldat James Ryan" neue Maßstäbe im jeweiligen Genre; der Megahit "Jurassic Park" revolutionierte die Tricktechnik. Insgesamt spielten seine Filme weltweit 9,4 Milliarden Dollar ein.

Jetzt zeichnet eine neue HBO-Doku seine Laufbahn nach. Für "Spielberg" (16. Dezember, 20.15 Uhr, Sky Atlantic) gelang es Dokumentarfilmerin Susan Lacey, eine ganze Armada von Hollywoodgrößen vor die Kamera zu bekommen. Neben einem insgesamt 30-stündigen Interview mit Spielberg selbst sprach Lacey auch mit vielen Weggefährten, darunter Tom Hanks, Leonardo DiCaprio, J. J. Abrams, Martin Scorsese, Tom Cruise und Harrison Ford. Selbst der öffentlichkeitsscheue Daniel Day-Lewis, der die Hauptrolle in Spielbergs "Lincoln" spielte, redet über die Arbeit mit dem Ausnahmeregisseur.

Trailer zur "Spielberg"-Doku

Spielbergs Karriere ist so umfangreich und so vielschichtig, dass selbst die stattliche Laufzeit der Dokumentation von 140 Minuten wie im Fluge vergeht. Interessant ist der Zeitpunkt für die Ausstrahlung: Steven Spielberg steht beruflich vor den vielleicht wichtigsten Monaten der letzten Jahrzehnte. Doch dazu später mehr.

Bereits mit 12 Jahren hinter der Kamera

Die Begeisterung fürs Filmen zeigt sich bei Steven Allen Spielberg früh. Bereits 1959, als Zwölfjähriger, schnappt er sich die Super-8-Kamera seines Vaters. Schnell werden seine frühen Amateurfilme – Kriegsfilme, Western, Sci-Fi – immer aufwendiger. Mit ihnen kann der einsame, schüchterne Junge, der in der Schule schikaniert wird, aus seiner tristen Realität ausbrechen. "Nur wenn ich 'Action' und 'Cut' sagen konnte", verrät Spielberg in der Doku, "hatte ich die Kontrolle über mein Leben." Lenkt er sich nicht mit dem Filmemachen ab, macht sich "angsteinflößendes Geflüster" (O-Ton Spielberg) in seinem Kopf breit. Ein Gefühl, das sich verstärkt, als sich seine Eltern trennen.

In den Sommerferien besucht der 18-jährige Filmfan die Universal Studios in Kalifornien. Während der geführten Tour setzt sich Spielberg von der Gruppe ab. Er erkundet das Gelände auf eigene Faust und kommt mit Filmcrewmitgliedern ins Gespräch. In den Folgemonaten gibt er sich als Studiomitarbeiter aus und erschleicht sich so Zugang. Spielberg besucht jeden Filmset, lernt die Angestellten kennen, schaut sich Techniken ab.

Mit 20 Jahren kommt der erste TV-Vertrag

Sein Talent bleibt nicht unbemerkt. Dank seiner eindrucksvollen Amateurfilme bietet ihm Universal schließlich einen TV-Vertrag an. Mit Anfang 20 beginnt er, Episoden von Serien wie "Columbo" zu inszenieren. Seine Untergebenen sind häufig doppelt so alt wie er, doch Spielberg beißt sich durch. Es folgen sein erster TV-Film "Duell" (1971), sein Kinodebüt "Sugarland Express" (1974) und der bereits erwähnte "weiße Hai". Nach dessen unglaublichem Erfolg stößt Spielbergs Karriere in neue Sphären vor. Zusammen mit seinem Freund George Lucas ("Star Wars") avanciert er zum erfolgreichsten Regisseur Hollywoods. "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977) und "Jäger des verlorenen Schatzes" (1981) zementieren seinen Ruf als Blockbusterkönig. Mit dem Science-Fiction-Drama "E.T." (1982) stellt Spielberg abermals einen Kassenrekord auf.

Doch trotz dieser Megahits zweifelt Spielberg immer wieder an seinen Fähigkeiten. "Jedes Mal, wenn ich eine neue Filmszene beginne, bin ich ein Nervenwrack", verrät er in der Doku. "Natürlich hasse ich dieses Gefühl, gleichzeitig aber brauche ich diese Unsicherheit, um Leistung zu bringen. Und wenn dieses Gefühl an Panik grenzt, habe ich die besten Ideen. Das ist mein Antrieb."

Ab Mitte der 80er-Jahre wendet sich Spielberg immer öfter sogenannten erwachsenen Stoffen zu. Sein Südstaatendrama "Die Farbe Lila" (1985) wird von der Kritik gefeiert und für elf Oscars nominiert. Doch ausgerechnet Regisseur Spielberg geht bei den Nominierungen leer aus. Hollywoods Regieelite, die die Nominierungen in dieser Kategorie vergibt, versagt ihrem kommerziell erfolgreicheren Kollegen demonstrativ den Ritterschlag.

Oscar für Spielberg

Der kommt schließlich mit "Schindlers Liste". Spielberg dreht das Holocaust-Drama an Originalschauplätzen in Polen. Als der Film 1993 in die Kinos kommt, sind Kritiker wie Zuschauer begeistert. Der Film – in Schwarz-Weiß, zum Teil mit Handkamera, gedreht – ist ein schonungsloses Meisterwerk, das ihm wohl selbst seine größten Fans nicht zugetraut hätten. "Schindlers Liste" gewinnt sieben Oscars. Zwei gehen an Spielberg selbst – für die beste Regie und den besten Film. Der Film ist auch Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit. Lange Zeit hatte Spielberg seine Religion verdrängt. "Ich schämte mich als Kind, Jude zu sein", sagt der Regisseur, der als Schüler antisemitisch beschimpft wurde. "Jüdisch zu sein bedeutete für mich damals, nicht normal zu sein. Ich wollte einfach nur akzeptiert werden."

Ein weiterer Meilenstein in Spielbergs Karriere ist der Kriegsfilm "Der Soldat James Ryan" (1998), ein Film über eine kleine Gruppe US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Vor allem die Anfangssequenz des Films – die Landung der Alliierten in der Normandie – ist in ihrer Brutalität, Direktheit und Realitätsnähe bis heute unerreicht. Längst wechselt Spielberg wie selbstverständlich zwischen Unterhaltung und Anspruch.

Filmstoffe, die ihn interessieren

In seinen letzten Kinofilmen widmete sich der Geschichtsfan Themen, die ihn interessieren und die ihm am Herzen liegen: in "Gefährten" (2011) den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs, in "Lincoln" (2012) der Abschaffung der Sklaverei und in "Bridge of Spies" (2015) dem Kalten Krieg. Kassenschlager waren sie alle nicht. Aber das war angesichts der Themen auch nicht unbedingt zu erwarten. Dennoch werden in Hollywood inzwischen – wenn auch hinter vorgehaltener Hand – Fragen gestellt, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären: Hat Spielberg immer noch das Gespür für den modernen Kinomassengeschmack? Ist der 70-Jährige in Zeiten von Milliarden-Dollar-Erfolgen von Superhelden und "Fast & Furious" noch wettbewerbsfähig? Kurz: Kann Spielberg noch Blockbuster?

Die Einspielergebnisse seiner Animationsabenteuer "BFG: Sophie & der Riese" (2016) und zuvor "Tim und Struppi" (2011) dürften auch ihn selbst enttäuscht haben. Abgesehen von "Indiana Jones 4" (2008) – wo die Marke der Star ist – liegt Spielbergs letzter Megahit bereits zwölf Jahre zurück: das Alien-Invasions-Spektakel "Krieg der Welten", das 2005 knapp 600 Millionen Dollar einspielte. Vielleicht kein Zufall, dass Spielberg mit seinem nächsten Film zur Science-Fiction zurückkehrt. "Ready Player One" spielt im Jahr 2045, in einer Zukunft, in der die meisten Menschen ihr Leben in einer künstlichen Realität verbringen. Der Trailer verspricht ein furioses Action-Feuerwerk. Kinostart von "Ready Player One" ist am 5. April 2018:

Trailer zu "Ready Player One" (Kinostart: 5. April 2018)

Oscar-Favorit "Die Verlegerin"

Zuvor kommt am 22. Februar 2018 aber erst mal Spielbergs "Die Verlegerin" in die Kinos. Das Politdrama mit den Hollywood-Ikonen Meryl Streep (GOLDENE KAMERA 2009) und Tom Hanks über die Enthüllung der sogenannten Pentagon-Papiere geht als einer der Favoriten ins aktuelle Oscar-Rennen.

Trailer zu "Die Verlegerin"

Erinnerungen an das Jahr 1993 werden wach. Vor knapp 25 Jahren brachte Spielberg innerhalb weniger Monate zwei Filme in die Kinos, die Geschichte schreiben sollten: Der erste ("Jurassic Park") brach sämtliche Kassenrekorde, der andere ("Schindlers Liste") sicherte ihm den Oscar. Ob die Geschichte sich wiederholt? Eines hat die Vergangenheit jedenfalls gezeigt: Steven Spielberg ist dann am stärksten, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht.