Michael Mittermeier: "Wir brauchen Superhelden, um gegen das Böse zu kämpfen"

Michael Mittermeier (51)
Michael Mittermeier (51)
Foto: © Hannes Magerstaedt/Getty Images
Er ist Comedian und Entertainer und in diesem Jahr auch Mitglied der Jury für die GOLDENE KAMERA. Ein Exklusiv-Interview mit Michael Mittermeier.

Michael Mittermeier ist sehr zufrieden. Das spürt man sofort bei unserem Treffen in Berlin. Gerade feiert der 51-Jährige sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Das erfüllt ihn mit Stolz, auch weil er für den Erfolg anfangs hart kämpfen musste. Für sein aktuelles Tourprogramm "Wild", das noch bis Februar läuft, fetzt der bayerische Superstar der Comedyszene fast drei Stunden über die Bühne, lässt kein relevantes Thema aus: von Trump über Smartphone-Sucht bis zu Wikipedia.

Intelligente Witze, gepaart mit wohlüberlegten Wortspielen, das kommt an beim Publikum. Weil der "Vorkämpfer der deutschen Stand-up-Comedy" (Mittermeier über Mittermeier) zugleich großer Filmfan ist, reizte es ihn, sich in diesem Jahr in der Jury für die GOLDENE KAMERA zu engagieren. Im Exklusiv-Interview mit HÖRZU findet er deutliche Worte zum deutschen Fernsehen und der blödsinnigen Unterscheidung zwischen Comedian und Kabarettist.

Interview mit Michael Mittermeier

Michael Mittermeier über die Juryarbeit der GOLDENEN KAMERA 2018

Jurymitglied für die GOLDENE KAMERA zu sein, das bedeutet: viele Stunden Filme gucken. Was hat Sie motiviert?

Ich finde es spannend. Ich bin ja nicht einer, der sagt: "Oh, das deutsche Programm ist das Beste auf der ganzen Welt!" Im Gegenteil, ich habe viel Satire über deutsche Unterhaltung gemacht, und finde, dann sollte man mal ran und es bewusst übers Jahr gucken: Ist es wirklich so schlecht? Oder besser? Oder ist es wie immer? Das macht großen Spaß.

Welche Rolle spielt dabei für Sie die GOLDENE KAMERA?

Es gibt gemeinsame Geschichten. Ich habe bei der GOLDENEN KAMERA ein paar schöne Momente erlebt, durfte zum Beispiel einige Lobreden auf tolle Künstler halten. 2005 habe ich auf diese Weise Jerry Lewis kennengelernt, was dann zu einer Sendung führte, die ich mit ihm machen durfte. Ich habe einen sehr persönlichen Bezug zu dem Preis.

Michael Mittermeier als Laudator bei der GOLDENEN KAMERA 2016

Hat Sie die Vielfalt der zu bewertenden Filme überrascht?

Ich war ehrlich gesagt von der Qualität überrascht. Vor allem im Serienbereich. Da sind einige, die ich großartig finde. Wobei ich das Gefühl habe, manches wird einfach versendet, wie etwa "Das Verschwinden" im Ersten. Dabei hat man hier mit schlichten Mitteln etwas ganz Besonderes gemacht. Nur hat es kaum jemand mitbekommen. Das wäre etwa in Frankreich ganz anders gelaufen. Die hätten das beworben wie Sau, und jeder Franzose hätte gewusst, dass er es gucken muss.

Erreichen die Deutschen im Bereich der TV-Serien internationales Niveau?

Nein. Es wäre auch ein wenig Quatsch zu sagen, dass wir gleichauf mit den Amis oder den Engländern sind. Dafür haben wir nicht das Geld zur Verfügung. Aber Vergleiche hinken immer. Ich vergleiche ja auch nicht die usbekische Fußballnationalmannschaft mit der deutschen Nationalmannschaft. Wobei, ich könnte jetzt die Italiener mit den Usbeken vergleichen ... Sie sehen, ein Vergleich hinkt immer.

Dann mal ganz ohne Vergleich: Was zeichnet unser Fernsehen aus?

Unter den Filmen, die ich angeschaut habe, sind ganz viele sehr originäre deutsche Stoffe. Nehmen wir "Der geteilte Himmel", diese DDR-Kiste mit den Stasi-Romeos, die mit Westsekretärinnen schliefen, um Firmen auszuspionieren. Das ist ein deutsches Thema. Oder die Beschreibung der Provinz in "Das Verschwinden". Ich kenne das gut, weil ich ebenfalls aus der bayerischen Provinz komme. Oder in "4 Blocks" das Gangstermilieu in Berlin. Auch das ist unser deutsches Ding. Und da sind wir gut.

Zeichnet erst dieser gesellschaftliche Hintergrund Topproduktionen aus?

Mir geht es nicht darum, dass immer eine wertige, gesellschaftliche Message eingebaut wird. Das interessiert mich nicht. Wenn eine Sendung gut ist, ist sie gut. Nur, wir sollten nicht versuchen, so zu sein wie die anderen. Wir haben genügend eigene Stoffe. Das ist vergleichbar mit der Bühne: Da erzähle ich von mir. Oder von dem, was ich in meinem Land, in meinem Fernsehen beobachtet habe. Ich kann auch andere Dinge beleuchten, klar. Aber ich gucke als Bayer und Deutscher drauf.

Obwohl Sie zu den Spitzenstars der Comedyszene gehören, machen Sie sich im TV eher rar. Sie haben etwa keine eigene Show. Warum eigentlich?

Ideen gab und gibt es. Aber es muss für mich passen und ich muss mich zu 100 Prozent wohlfühlen bei allem. Das war bei meinen TV-Specials immer der Fall. Ich will auch meinen Humor nicht erklären müssen. Ich bin sicherlich nicht derjenige, der sagt: Ich weiß genau, was lustig ist. Ich kann es nur spüren. Aber nach 30 Jahren erfolgreich auf der Bühne scheine ich ja irgendwas nicht ganz falsch zu machen.

War Comedy früher leichter als heute?

Es war nie leicht. Als ich Mitte der 80er angefangen habe, gab es keine Comedyszene. Man nannte es Kabarett, Kleinkunst. Stand-up-Comedy ist eigentlich der Nachwuchs des Kabaretts.

Warum wird dann immer zwischen Comedy und Kabarett unterschieden?

Das ist eigentlich Quatsch und war immer Quatsch. Ich bin als Kabarettist, Liedermacher gestartet. Irgendwann wurde diese Unterscheidung gemacht. Das ist Deutschland. Das gibt es sonst nirgendwo.

Trotzdem ist kaum ein Comedian so politisch auf der Bühne wie Sie.

Weil ich eine Haltung habe. Zu allen meinen Themen. Doch wenn ich nicht lustig wäre, könnte ich mir meine Haltung an den Hut stecken und nach Hause gehen.

Ist die aktuelle Politik mit Trump & Co. ein Geschenk für Komiker?

Nein. Nur schlechte Comedians würden es für ein Geschenk halten. Donald Trump hat leider etwas Böses. Der will nichts Gutes. Das meine ich völlig überparteilich.

Ihr neues Bühnenprogramm "Lucky Punch – die Todes-Wuchtl schlägt zurück" startet im Frühjahr. Darin dreht sich vieles um Superhelden.

Seit Jahren werden wir von Superheldenfilmen überschwemmt. Der Welt muss es ziemlich schlecht gehen, wenn mittlerweile ein Batman mit Burn-out und Aquaman, der Bademeister unter den Superhelden, aktiviert werden. Wow! Aber scheinbar brauchen wir Superhelden gerade. Wir müssen gegen das Böse da draußen kämpfen – und gegen Gluten. Das Glutenmonster, ich nenne es gern "Gluzilla", ist mittlerweile ja auf einer Stufe mit Kim Jong Un. Und plötzlich sind die Superhelden da und helfen. Ich liebe es, Themen zu mischen und daraus meinen Humor zu ziehen.

Haben Sie schon Favoriten für die GOLDENEN KAMERA, die am 22. Februar 2018 verliehen wird? Womöglich eine Komödie?

Ja, ich habe Favoriten. Es gab ein paar sehr schöne Filme mit großartigen Darstellern, auch tolle Komödien. Aber umgeworfen haben mich mehr die Serien. Es ist nicht einfach. Und ich darf ja auch noch nichts verraten!