Thomas Thieme: "Für Talkshows bin ich zu alt!"

GOLDENE KAMERA-Preisträger Thomas Thieme spielt die Hauptrolle in Volker Schlöndorffs TV-Krimi "Der namenlose Tag". Wir trafen den 69-jährigen Schauspieler exklusiv zum Interview.

Im Krimi "Der namenlose Tag" (5. Februar, 20.15 Uhr, ZDF) spielt Thomas Thieme den Ermittler Franck, der anderen Menschen Todesbotschaften überbringt. Obschon pensioniert, muss er einen alten Fall aufrollen. Wir trafen unseren GOLDENE KAMERA-Preisträger von 2014 Thomas Thieme zum Exklusiv-Interview.

Thomas Thieme über seine Rolle in "Der namenlose Tag"

Interview mit Thomas Thieme

Zwei erhängte Frauen, rätselhafte Zwillingsschwestern und ein mutmaßlicher Kindesmissbrauch - was ist der Reiz am Krimi "Der namenlose Tag"?

Dass es eigentlich kein wirklicher Krimi ist. Die Hauptfigur ist ein pensionierter Kommissar, den sein Beruf nicht loslässt. Und mysteriöse Fälle gibt es auch.

Sie spielen Jakob Franck, eine Art Todesboten – also jemanden, der den Angehörigen von Verstorbenen pausenlos die Nachricht überbringt, dass ihre Liebsten oder Nächsten ums Leben gekommen sind. Gibt es wirklich Menschen, die so etwas hauptberuflich machen?

Ich vermute es – weil es dafür der Sensibilität bedarf. Zu einer Witwe kann man nicht einfach jeden Streifenpolizisten schicken.

Jakob Franck sieht die Abläufe der Verbrechen gedanklich an der Zimmerdecke, während er im Bett liegt – diese Methode nennt er "Gedankenfühligkeit" Glauben Sie auch an die Macht der Intuition?

Natürlich! Mein Beruf lebt von Intuition. Sobald die Kamera an – bzw. der Vorhang aufgeht, ist mein Beruf reine Intuition. Dann mache ich nur noch, was mir "von irgendwo mitgeteilt" wird. Und so macht es Franck auch.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus? Denn wegen der Gage müssen Sie doch bestimmt nicht mehr vor die Kamera treten, oder?

Mehrere Jahre lang habe ich nur Shakespeare gespielt – sei es Richard III., King Lear oder Othello. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Zwischen 50 und 60 stand ich voll im Saft, und ich hatte die Kraft für diese Rollen. Ich sage allen, die sich jemals mit Schauspielerei einlassen wollen, dass es nichts Schöneres gibt, als Shakespeare zu spielen. Zwar zahlen Theater nicht so gut – aber wer reich werden will, sollte eben was anderes machen.

Warum heißt Ihr TV-Krimi überhaupt "Der namenlose Tag"?

Weil das Todesdatum nie von den Beteiligten ausgesprochen wird. Nachdem sich das Mädchen erhängt hat und anschließend auch die Ehe der Eltern zerbricht, wird der Todestag aus den Annalen gestrichen.

Wie groß wäre Ihre Lust, Jakob Franck öfter zu verkörpern?

Natürlich sehr groß. Aber ob es weitergeht, erfährt man als Schauspieler als Letzter. Wir Schauspieler sind ja nur "Auftragsentgegennehmer".

Haben Sie eine Idee, warum Krimis wohl so tolle Quoten erzielen?

Wahrscheinlich, weil in Krimis alles Mögliche passiert. Da schlagen sich die Menschen gegenseitig die Schädel ein und es gibt Action und alle Zuschauer sitzen vor dem Bildschirm und sagen: "Hier ist aber was los!" Und dann kommt noch der schlaue Kommissar und klärt alles auf. Ein Krimi ist wie ein antikes Drama: Der Böse wird bestraft und der Gute gerettet – und eine Katharsis, also eine Reinigung der Seele mithilfe des Durchlebens extremer Gefühle, gibt’ noch obendrau.

Hätten Sie Lust auf "Tatort"-Kommissar?

Das hätte ich sicher vor 20 Jahren gemacht. Nun könnte ich höchstens noch einen alten Mann in einem Büro spielen, der die aktiven Kommissare ab und zu zusammenschreit. Das interessiert mich nicht. Den "Tatort" habe ich bewusst durch Götz George und sein Türen-Eintreten wahrgenommen. Das "Tatort-Tier" hat er gewaltig gespielt, und mir damit sehr imponiert. Bis heute hat ihn niemand getoppt.

Was verpassen Sie nie im Fernsehen?

Manchmal Fußball! Und zu 80 Prozent mag ich auch die "heute-Show" von Herrn Welke. Außerdem bin ich Nachrichtenfreak. Keine Talkshows!

Warum mögen Sie keine Talkshows?

Für mich sind das Plauderstunden sind, die mich nicht interessieren. Blacky Fuchsberger – charmefrei! Nachdem man von einem zehn Sätze gehört hat, kommt irgendeine Schlagersängerin, die ebenfalls zehn Sätze sagen darf, und dann noch jemand, der um die Welt gesegelt ist, und nochmal zehn Sätze sagt. Für solche "Gespräche" bin ich zu alt. Entweder ist es zwanghaft lustig oder sentimental ernst. Jede Schamgrenze wird unterschritten und richtige Kritik – woran auch immer – fällt ganz aus. Von den einst gebildeten Politikertalks bin ich auch weg.

Warum?

Das sind immer dieselben Gestalten, die immer dasselbe sagen und ihre Position verteidigen, damit sie eventuell wiedergewählt werden. Doch wenn am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, ist die Welt erneut um fünf Prozent differenzierter geworden. Wenn dort dampfgeplaudert wird, macht mich schon das Zusehen aggressiv. Da lese ich doch lieber Dostojewski. Das ist Sprache! Das ist großartig und schön! Und die Standardformulierung: "Lassen Sie mich ausreden" ist an Biederkeit nicht zu überbieten. Jetzt tauchen da hin und wieder auch Schauspieler auf, oje. Wahrscheinlich in der Hoffnung argumentfreier Emotionalisierung.

Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Ich führe gemeinsam mit meinem Sohn Brecht-Stücke wie "Baal" und "Galilei" auf. Wir sind auf einer Wellenlänge – das ist wirklich ganz toll.

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