Volker Schlöndorff: "Für mich war der Dreh ein Experiment"

"Der namenlose Tag" ist der erste TV-Krimi von Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff Regie. Ein Exklusiv-Interview.

Unter der Regie und nach dem Drehbuch von Volker Schlöndorff wird am Montag, 5. Februar 2018 um 20.15 Uhr "Der namenlose Tag" nach dem gleichnamigen Bestseller von Friedrich Ani im ZDF ausgestrahlt. Wir trafen den oscarprämierten Regisseur Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel") zum Exklusiv-Interview.

Volker Schlöndorff erklärt seinen ersten Krimi

Interview mit Volker Schlöndorff

Herr Schlöndorff, was hat Sie am Dreh von "Der namenlose Tag" – Ihrem ersten TV-Krimi – gereizt?

Mich hat die Geschichte berührt, weil ich mich in dem Kommissar auf eine eigenartige Weise wiedererkannt habe …

Tatsächlich? Was haben Sie denn mit dem Kommissar gemeinsam?

Wir sind beide im Ruhestand, aber wir können keine Ruhe geben. Wir sind dauernd auf Achse, gehen durch die Stadt und versuchen die Menschen zu verstehen. Außerdem verwickelt die Figur des Jakob Franck, andere Menschen in Gespräche – wie ein Beichtvater.

Wie eng haben Sie sich an Friedrich Ani's Romanvorlage orientiert?

Ich habe noch nie einen Krimi gedreht, und ich lese auch nicht oft Krimis. Deshalb habe ich mich hingesetzt und auf Verdacht eine erste Drehbuchfassung geschrieben. Dabei habe ich zwei große Veränderungen vorgenommen: Erstens habe ich die Story von München nach Erfurt verlegt.

Warum?

Weil ich München etwas verbraucht finde und weil wir Thomas Thieme als Hauptdarsteller haben wollten – aber Thieme hätte keinen glaubhaften bayerischen Kommissar abgegeben.

Und die zweite Änderung?

Anis Geschichte umfasst einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren. Das habe ich auf zwei Jahre zusammengedampft – weil ich sonst alle Rollen hätte doppelt besetzen müssen.

Sie verweben mehrere Zeit- und Handlungsebenen – auch optisch. Welchen Ansatz haben Sie dabei verfolgt?

Statt der herkömmlichen Rückblenden habe ich mich für Gedankensplitter entschieden – sogenannte "Querschläger", die "zurückkommen". Farblich sind Rückblenden meisens Schwarzweiß. Bei uns jedoch wird die Gegenwart in sehr gesättigten Farben gezeigt – und die verstörenden Erinnerungen in grellem, störenden Licht, gedreht mit einer Handkamera.

Wenn Thomas Thieme im Bett liegt, laufen die Tathergänge vor seinem geistigen Auge an der Zimmerdecke ab. Ebenfalls ungewöhnlich, oder?

Friedrich Anis Kommissar ist "gedankenfühlig": Er legt sich hin, schließt die Augen, denkt über die Motive und Menschen nach – und kommt durch diese einfühlsame Art der Wahrheit viel näher, als wenn er nur Fakten analysiert. Beim Dreh der Zimmerdecken-Szenen habe ich mich an dem alten Stummfilm "Die Straße" von Karl Grune orientiert – denn ich bin ein Stummfilm-Fan. In "Die Straße" liegt ein Mann auf dem Rücken, während draußen Autoscheinwerfer Schatten an die Zimmerdecke werfen, in denen der Liegende Fantasiegestalten zu erkennen glaubt. Dieses alte, expressionistische Mittel habe ich für "Der namenlose Tag" aufgegriffen – und verjüngt.

Mögen Sie das deutsche Fernsehen?

Da kann ich schlecht mitreden, weil ich nur Nachrichten und Dokus anschaue. Aber für den Dreh von "Der namenlose Tag" war das ein Vorteil: Denn weil ich nicht weiß, wie sich ein normaler Fernsehkommissar verhält, habe ich mir meine eigene Version zurechtgeschustert – in Form eines einsamen Wolfs, dessen Verdächtige interessanter und widersprüchlicher sind als er selbst. Schließlich sind es oft die Guten, die Böses tun – und umgekehrt.

Ist der Film überhaupt ein Krimi? Oder doch eher ein Sozialdrama?

Im weitesten Sinne ein Krimi! "Der namenlose Tag" bezieht seine Spannung aus den Charakteren – ähnlich wie in einem Hitchcock-Krimi, aber weniger wie bei Agatha Christie, wo in einer konstruierten Geschichte die Mörderjagd dominiert. Für mich war der Dreh von "Der namenlose Tag" fast wie eine Stilübung. Ich bin ihn wie ein Experiment angegangen.

Aber warum zeigen Sie so oft, wie Frauen an Bäumen baumeln?

Um Spannung zu erzeugen …

Gibt es eine weitere Folge? Und führen Sie erneut Regie?

Wie ich höre, wird an einem zweiten Drehbuch gearbeitet. Ich wollte es nicht selbst schreiben, obgleich ich gefragt worden bin. Allerdings habe ich von vornherein gesagt, dass ich "Der namenlose Tag" nur ausnahmsweise drehe. Das heißt nicht, dass ich nicht an dem Genre interessiert wäre, sondern momentan etwas faul bin.

Schlussfrage: Warum wohl sind die Deutschen so krimi-affin?

Das habe ich noch nicht ermittelt! Aber was die TV-Kommissare betrifft, habe ich den Eindruck, als müsste mindestens die Hälfte der werktätigen Bevölkerung auf dem Bildschirm ermitteln. Und das kann ich mir überhaupt nicht erklären …