TV-Event der Woche: "Aufbruch ins Ungewisse"

Im TV-Film "Aufbruch ins Ungewisse" flüchtet eine deutsche Familie nach Afrika – vor Rechtsextremen. Ein polarisierender Film.

Deutschland in naher Zukunft: Der Euro ist abgeschafft, die D-Mark wieder eingeführt. Alle Länder der ehemaligen EU haben ihre Grenzen geschlossen, aus der "Tagesschau" ist die "Volksschau" geworden. Bundeskanzler ist ein Rechtspopulist, der die Bürger mit öffentlichen Reden aufwiegelt: "Am Anfang hat man uns noch belächelt und als Abschaum und Pack verhöhnt. Aber wo sind die Zweifler jetzt? Und wo stehen wir?" Dieses fiktive Szenario bildet die gesellschaftliche Kulisse für den Spielfilm "Aufbruch ins Ungewisse" (Mittwoch, 14. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste und ab dem 7. Februar hier in der ARD-Mediathek).

Darum geht's in "Aufbruch ins Ungewisse"

Deutschland ist wieder totalitär: Muslime, Andersdenkende und Homosexuelle werden gejagt und verhaftet, viele Bürger verschwinden spurlos. Und für immer. Auch der Anwalt Jan Schneider (Fabian Busch) ist den Mächtigen ein Dorn im Auge. Gemeinsam mit seiner Frau Sarah (GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Maria Simon) und den Kindern will er in die "Südafrikanische Union" fliehen. Doch statt nach Kapstadt schleusen Schlepper die Familie nach Namibia – und plötzlich müssen die Schneiders gegen ihre sofortige Abschiebung kämpfen.

Hintergrund

"Wer diesen Film gesehen hat, kann sich in die beklemmende Situation hineinversetzen, wie es wohl wäre, wenn man selbst mit seiner Familie auf der Flucht wäre", sagt WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn gegenüber GOLDENE KAMERA. "Und das waren, vor allem im letzten Jahrhundert, bereits viele Deutsche." Dennoch solle die 90-minütige Dystopie keine öffentlich-rechtliche Antwort auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte sein, sie wolle aber emotionalisieren.

Das ist Regisseur Kai Wessel sehr gut gelungen. Der TV-Macher, der 2014 für die Echtzeitserie "Zeit der Helden" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, sagt: "Ich war gleich begeistert von der Idee, dass Europäer nach Südafrika flüchten. Im Zentrum steht ein klassisches Mittelschichtsehepaar mit Kindern. Und die Grundidee, die Geschichte komplett aus der Perspektive der Geflüchteten zu erzählen." Die Familie, so Wessel, lande bewusst an einem afrikanischen Traumstrand, also an einem vermeintlich "paradiesischen Ort", der sich aber als "Hölle" entpuppe.

Wessel ist überzeugt: "Ich glaube, dass unser Film unsere Empathiefähigkeit gegenüber jenen Menschen schult, die aus welchen Gründen auch immer ihr Land verlassen müssen, weil sie in Zuständen leben, die für sie nicht mehr haltbar sind, und auf der Flucht das Gefühl erleben, anderen ständig ausgeliefert zu sein." Produzentin Kirsten Hager ergänzt: "Wir haben lange überlegt, wie wir es schaffen, dass die Zuschauer trotz der vielen Nachrichten über Flüchtlinge nicht abstumpfen. Deshalb hatten wir die Idee, ein Boot mit Europäern auf Afrikas Küste zusteuern zu lassen – und die Rollen umzudrehen."

Obendrein dachten die Macher lang über mögliche Fluchtgründe der Schneiders nach: "Neben der Verfolgung durch ein rechtsextremes Regime haben wir auch die Bankenkrise und das Wegbrechen des Mittelstands erwogen. Aber dann ereignete sich 2016 der Putschversuch in der Türkei, und plötzlich entwickelte sich ein Szenario, das unserem ähnelte: Zeitungen und Sender wurden geschlossen, Ärzte und Anwälte inhaftiert." Seit der Produktion hat Hager selbst eine neue Sicht auf das Thema: "Ein Flüchtling ist jemand, der geht, obwohl er lieber bleiben würde – doch die Verhältnisse lassen ihn nicht."

GOKA-Wertung

Die Ausgangssituation der Flüchtenden ist sicherlich gewöhnungsbedürftig und nicht bis ins Detail schlüssig. Wer darüber hinweg sieht, erlebt einen interessanten Perspektivwechsel.

Muss ich sehen, weil...

dieser TV-Film ein gewagtes Gedankenspiel ist und der Perspektivwechsel helfen kann, Fluchtursachen und Flüchtlinge besser zu verstehen. Es wird deutlich, dass jeder früher oder später in eine ganz ähnliche Situation kommen kann.

Für Fans von...

"Fremd" (2011) oder "My Escape / Meine Flucht", eine WDR-Doku aus Montagen von (Handy-)Videos von Flüchtlingen, die ihre lebensgefährliche Flucht nach Deutschland selbst kommentieren.

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