Ulrich Matthes: "Mordgelüste? Ja, manchmal!"

Im TV-Drama "Fremder Feind" spielt Ulrich Matthes einen Lehrer und Pazifisten, in dessen Leben Gewalt einbricht. Wir trafen unseren GOLDENE KAMERA-Preisträger zum Exklusivinterview.

Arnold (Ulrich Matthes, GOLDENE KAMERA 2015) hat alles hinter sich gelassen. Nachdem sein Sohn im Bundeswehr-Einsatz gestorben ist und sich seine Frau Karin (Barbara Auer, GOLDENE KAMERA 1989) aus Kummer das Leben genommen hat, zieht sich der Alt-68er mit seinem Hund in die Einsamkeit einer Berghütte zurück. Als ein gesichtsloser Fremder beginnt, ihn zu terrorisieren, seinen Besitz verwüstet und seinen Hund schwer verletzt, nimmt der ehemalige Lehrer und Pazifist den Kampf auf - auch mit Waffengewalt.

Wie viel kann ein friedliebender Mensch ertragen, bevor er die Kontrolle über seine Gefühle verliert – und zum Mörder wird? Das ist die Schlüsselfrage des TV-Dramas und GOKA-Kandidaten "Fremder Feind" (Mittwoch, 21. Februar, 20.15, Das Erste). Hauptdarsteller und GOLDENE KAMERA-Preisträger Ulrich Matthes verrät im Interview, dass sogar er manchmal Mordgelüste verspürt.

Interview mit Ulrich Matthes

Zwei traurige Todesfälle, ein Rückzug in die Berge, ein mysteriöser Einbruch und ein heimtückischer Bolzenschuss auf einen Hund – ist Ihr neuer Film "Fremder Feind" eher ein bedrohliches Kammerspiel oder ein Ehedrama oder ein Trauerstück?

Vieles davon! Es geht darum, wie ein Mensch zwei schlimme Traumata verarbeitet. Meiner Figur, Arnold Stein, passiert etwas Schreckliches – nämlich der Verlust des eigenen Kindes und seiner Ehefrau. In dieser Extremsituation zieht er sich zurück in die Berge, dort wird er aber von einem unbekannten Angreifer attackiert.

Wie tickt Arnold Stein?

Er ist ein Pazifist, der sich oben in den Bergen – wo er auf sich allein gestellt ist – zum ersten Mal im Leben wehrt. Denn seine jahrelang verinnerlichte Menschenfreundlichkeit ist plötzlich nicht mehr abrufbar, weil er sich in einer seelischen Extremsituation befindet. Ich habe zwei Theorien über Stein: Einerseits könnte er so aggressiv sein, weil er den gewaltsamen Kriegstod seines Sohnes und den anschließenden Suizid seiner Frau kompensieren will. Aber vielleicht war er auch schon immer unterschwellig aggressiv, und hat das bloß "überspielt". Der Firnis der Zivilisation ist so dünn, dass er jederzeit aufbrechen kann.

Warum haben Sie die Rolle angenommen?

Weil sie unendlich viele Spielmöglichkeiten rund um die Extreme von menschlichen Seelenzuständen bietet! Zuerst hat Stein ein glückliches Familienleben. Dann erlebt er rohe Gewalt – und ganz am Schluss, in einer Art Showdown, erneut einen Gewaltverzicht. Diese achterbahnhaften Gefühle zu spielen war eine irre Herausforderung.

Haben Sie schon mal eine existentielle Krise erlebt?

Ganz bestimmt nicht in dem Maße. Ein eigenes Kind zu verlieren ist der absolute Albtraum. Damit lassen sich meine Krisen nicht vergleichen. Der Tod eines nahen Menschen ist immer schrecklich. Ich habe bisher meine Großeltern und meinen Vater verloren – insofern kann ich nur ahnen, was es bedeutet, ein eigenes Kind zu verlieren.

Angeblich kommen Sie Ihren Figuren oft näher, indem Sie sie malen. Haben Sie Arnold Stein auch auf's Papier gebracht?

Das klingt so nach Öl, ich greife aber nur zu Wachs oder Tusche, und ich mache das – komischerweise – nur mit meinen Theaterrollen. Bei einem Dreh bin ich noch nie auf die Idee gekommen. Aber wenn ich es getan hätte, wären Arnold Steins Facetten dunkel und total grell.

Sind Sie Pazifist?

Nein. Es würde sich wohl besser machen, wenn ich jetzt ja sagen würde … Aber man braucht nur an den Kampf der Alliierten gegen die Nazis zu denken, um kein Pazifist zu sein. Pazifismus hieße, auf jegliche Art von Waffengewalt zu verzichten, das halte ich aber für eine schöne Utopie – angesichts der Tatsache, dass nicht alle Menschen gleich nett sind. Natürlich muss man, so lange wie es irgendwie geht, versuchen, mit diplomatischen Mitteln den Frieden zu bewahren. Aber es gibt einen Punkt, an dem man militärisch reagieren muss – nämlich spätestens dann, wenn man angegriffen wird.

Welche wichtigen Denkanstöße vermittelt Ihr Film "Fremder Feind"?

Was Gewalt mit Menschen macht! Und wie sehr man überrascht ist, wenn man selbst gewalttätig wird, obwohl man das gar nicht für möglich gehalten hätte. Diese Erfahrung habe ich selbst schon gemacht – etwa, wenn ich innerhalb von Sekunden hoch aggressiv im Straßenverkehr reagiere. Dann habe ich, scherzhaft ausgedrückt, manchmal Mordgelüste.

Ihre Figur will – oben in den Bergen – alles hinter sich lassen. Geht sowas überhaupt?

Glaube ich nicht, und ich selbst hätte da auch überhaupt keine Lust drauf. Ich bin ein soziales Wesen. Dass man sich zwischendurch mal zurückzieht, um mit sich allein zu sein, ist absolut "seelenhygienisch". Aber grundsätzlich sind soziale Kontakte, Gespräche, Umarmungen und Blicke besser als im eigenen Saft zu schmoren.

In "Fremder Feind" geht's auch darum, wie sich ein Suizid anbahnt. Hat dieses Tabuthema Ihr Leben schon einmal berührt?

In meinem entfernteren Bekanntenkreis gab es mal jemanden, der sich das Leben genommen hat. Man muss als Mit-Mensch grundsätzlich sensibel sein, wenn man das Gefühl hat, dass sich bei jemandem aus einer Traurigkeit eine Depression entwickelt. Ich selbst bin - toi toi toi - ziemlich stabil, und neige überhaupt nicht zu grundloser Traurigkeit. Wenn ich mal traurig bin, weiß ich immer, warum. Aber ich versuche wachsam zu sein, was meine Umgebung angeht.

Der Dreh von "Fremder Feind" war eiskalt und total verschneit. Richtig?

Ja – es war wahnsinnig kalt, teilweise bis zu minus 28° Grad! Irgendwie war alles schockgefroren, aber trotzdem lustvoll. Was macht man nicht alles für ein Projekt, an das man glaubt! Die Extrembedingungen des Drehs entsprachen den Extremzuständen des Seelenlebens von Arnold Stein.

Wie oft bekommen Sie Drehbücher, deren Qualität so hoch ist wie bei "Fremder Feind"?

Drehbücher mit einer so irren Rolle sind rar gesät. Aber richtigen Schrott bietet man mir auch nur selten an. Offen gestanden mag ich auch nicht einstimmen ins allgemeine Fernseh-Bashing: Es gibt immer wieder absolut hochklassige Fernsehware.

Im Film wird Ihrer Figur geraten, für das Überleben eines Hundes zu beten. Glauben Sie an Gott?

Nein, ich bin Agnostiker. Natürlich ist es möglich, dass es einen Gott gibt, aber ich habe nicht gelernt, an ihn zu glauben. Ganz einfach.

Ist Religion für Sie Fluch oder Segen? Verkleistert sie unsere Birne – oder öffnet sie sie?

Beides. Manchen Menschen – etwa fehlgeleiteten, islamistischen Terroristen – verklebt sie die Birne. Für die ist sie offensichtlich ein Fluch. Für viele andere Millionen – wohlgemerkt gleich welchen Glaubens – ist sie ein Segen. Ich würde sagen, dass der Segen überwiegt.

Im "Fremder Feind" stirbt Ihr Filmsohn. Wie ist Ihr Verhältnis zum Tod?

Offen gestanden fürchte ich mich eher vor dem Tod mir naher Menschen als vor meinem eigenen. Dass ich eines Tages sterben muss, ist mir bewusst – auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann. Zwar verdränge ich diesen Gedanken nicht, aber ich lasse ihn auch nicht mein Leben verdüstern.

Lust auf TV-Kommissar?

Warum nicht? Ich wäre doch balla balla, wenn ich grundsätzlich "nein" sagen würde. Ich glaube an das Medium Fernsehen! Natürlich kann es passieren, dass man mir einen TV-Kommissar anbietet, den ich mit spitzen Fingern ins Altpapier entsorgen würde … Beides ist möglich: Ein Jubelschrei – oder ein gezielter Wurf in den Papierkorb.

GOLDENE KAMERA-Kandidat: "Fremder Feind"

In unserem ersten GOKA-Kandidaten für 2019 "Fremder Feind" kämpft GOLDENE KAMERA-Preisträger Ulrich Matthes gegen einen anonymen Angreifer.
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