Paula Kalenberg: "Es muss nicht alles furztrocken sein, damit man ernst genommen wird"

In "St. Josef am Berg" macht Paula Kalenberg ihrem TV-Schwiegervater Harald Krassnitzer das Leben schwer. Wir trafen die GOLDENE KAMERA-Nachwuchspreisträgerin des Jahres 2009 zum Gespräch über ihre etwas andere ARD-Heimatfilmreihe und die mutige neue Riege deutscher Filmemacher.

Als norddeutsche Schwiegertochter eines österreichischen Alpendorf-Bürgermeisters sorgt Paula Kalenberg am 16. und 23. Februar (20.15 Uhr im Ersten) dafür, dass im angestaubten Heimatfilm-Genre die Fetzen fliegen. Dabei hat die Nachwuchspreisträgerin der GOLDENEN KAMERA 2009 zumindest mit geografischen Extremen persönlich gar nichts am Tirolerhut...

Paula Kalenberg über "St. Josef am Berg"

Darum geht's in "St. Josef am Berg – Berge auf Probe"

Paula Kalenberg spielt die schwangere Stralsunderin Svea Classen, die ihrem Freund Peter Pirnegger (Sebastian Wendelin) versprochen hat, noch einmal kirchlich in seinem Heimatdorf "St. Josef" zu heiraten. Das spielt Peters Vater Joseph (Harald Krassnitzer) in die Karten, der sein Enkelkind nicht im hohen Norden aufwachsen sehen will. Daher bietet der Hotelier und Bürgermeister seinem Sohn die Stelle des Chefveterinärs im neuen Nationalpark an, den er plant. Doch als er seine Schwiegertochter überredet, eine Verwaltungsstelle in der Nachbargemeinde Klamm anzutreten, schießt sich der durchtriebene Stratege ins Knie. Denn anstatt dafür zu sorgen, dass Klamm-Bürgermeister Franz Mingner (Branko Samarovski) für den Nationalpark stimmt, schlägt sich Svea auf die Seite der betroffenen Bergbauern...

In der Fortsetzung "St. Josef am Berg - Stürmische Zeiten" ist Svea nicht nur stolze Mutter einer Tochter, sondern auch neue Bürgermeisterin der Nachbargemeinde Klamm, die zusammen mit ihrem Assistenten Igor Aliew (Luka Dimic) und dem Naturschutz-Experten Martin Gollan (Omar El-Saeidi) ein alternatives Konzept für den Nationalpark entwickeln will. Und dadurch zieht die No-Nonsense-Norddeutsche nicht nur den Unmut ihres manipulativen Schwiegervaters, sondern auch ihres Göttergatten Peter auf sich.

Paula Kalenberg im Interview

Du bist in Dinslaken, Nordrhein-Westfalen geboren, lebst in Berlin und spielst jetzt mit Svea Classen eine Stralsunderin, die es in die österreichische Bergwelt verschlägt. Wo fühlst Du Dich persönlich am Wohlsten?

Ich bin in meiner Kindheit mehrmals umgezogen und deswegen habe ich jetzt nicht dieses eine große Heimatgefühl. Was hier von Vorteil war: Für die Österreicher gilt alles was nördlicher als Bayern liegt als Norddeutschland. Insofern war ich am Set ohnehin als Vollblut-Norddeutsche und Piefke abgestempelt und habe mich auch wirklich so gefühlt.

Und wenn Du die Wahl zwischen Küste und Bergwelt hättest? Für was würde Dein Herz mehr schlagen?

Irgendwas dazwischen. Ich mag diese Art von Extremen nicht so gerne. Auf einem hohen Berg fühle mich nicht wohl, weil mir schwindlig wird. Und am Meer ist mir der Wind zu aufregend. Das platte Land dazwischen ist genau meins. Unaufgeregte Natur ist mir am liebsten. (lacht)

Spiegelt sich da auch Deine eigene Lebenseinstellung wieder?

Ja, vielleicht ein bisschen. Die Balance dazwischen ist das, was ich in meinem Leben eher suche als die Extreme.

Du bist bekannt dafür, Dich mit großem Aufwand für eine Rolle vorzubereiten und voll auf diese einzulassen. Wie sah die Vorbereitung für "St. Josef am Berg" aus, in der Du eine frischgebackene Mutter spielst?

Ich habe das Glück in meinem Freundeskreis einige Mütter am Start zu haben, mit denen ich für meine Recherche ausgiebig sprechen konnte. Bei "St. Josef am Berg" ging es uns darum, immer wieder auch kleine reale Momente einzubauen. Es war mir zum Beispiel ein besonderes Anliegen, dass in Szenen gezeigt wird, wie Svea Milch abpumpt, weil sich darin der Spagat wiederspiegelt, den Frauen eingehen. Auf der einen Seite wollen sie unbedingt stillen und die perfekte Mutter sein. Gleichzeitig wollen sie aber auch Karriere machen. Ich habe bei vielen meiner berufstätigen Freundinnen erlebt, dass sie als Mutter ebenfalls 100 Prozent geben wollten. Aber 100 Prozent x2 ergeben halt 200 Prozent – und die wachsen einem schnell über den Kopf.

Als Motivation für die Schauspielerei hast Du einmal "Neugier auf andere Menschen-Schicksale" genannt. Ist diese Neugier immer noch Dein Antrieb oder ist sie mit dem Älterwerden und wachsender Lebenserfahrung etwas abgeflaut?

Eher im Gegenteil. Stillstand im eigenen Leben und bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit macht mir eher Angst. Mir hilft jede Arbeit an einer neuen Rolle dabei, wieder ein Stück weit in Konfrontation mit dem eigenen Selbst zu gehen und Seiten an sich kennenzulernen, die man noch gar nicht kannte.

Paula Kalenberg über den Gewinn des Nachwuchspreises 2009

Konntest Du diese Erfahrung bei "St. Josef am Berg" auch machen?

Obwohl man "St. Josef am Berg" in seichteren Genregefilden verorten könnte, geht es da wirklich um sehr existentielle Themen: Familie, Liebe, Lebensplanung. Wie erstaunlich tief das ging und wie sehr wir Schauspieler dadurch gefordert waren, uns selber in dieser Geschichte zu positionieren, hat mich positiv überrascht. Man hätte es auch sehr viel plakativer inszenieren können. Da bin ich speziell Regisseur Lars Montag dankbar, dass er mutig einen anderen Weg gegangen ist und sperrige Figuren präsentiert, die alle nicht perfekt sind. Montags Film "Einsamkeit und Sex und Mitleid" hat mich sehr beeindruckt. Deswegen habe ich mich sehr auf die Arbeit mit ihm gefreut, weil ich sehen wollte, was er aus einem recht klassischen Heimatfilmprojekt macht. Er und sein Autor Dirk Kämper haben einen sehr interessanten Unterhaltungszwitter kreiert, der nicht richtig zu greifen ist.

Dazu passt ein Statement, das Du im Jahr 2008 gegeben hast: "Mehr Größenwahn und Wagemut im kreativen Sinne würde dem deutschen Film gutstehen. Mir persönlich fehlt bei deutschen Filmen außerdem oft der Mut zur Leichtigkeit." Wie fällt Deine Bilanz zum deutschen Film jetzt 10 Jahre später aus? Ist "St. Josef am Berg" ein gutes Beispiel dafür, dass sich auch in der 'leichten Muse' etwas getan hat?

Mit Leichtigkeit habe ich auch damals schon Humor gemeint. Über Humor und das Hintertürchen des Lachens kann man Menschen oftmals sehr viel tiefer berühren als mit plakativen, vordergründigen, düsteren, dramatischen Inszenierungen. Das ist eine Stärke von Lars Montag, die Charaktere sehr unterhaltsam und schräg bis hin ins Peinliche auflaufen zu lassen. Es kippt aber niemals ins Flache um. Das ist ein Humor, der mir persönlich gefällt, weil er auch mal ein bisschen böse ist. Ich glaube, dass in den letzten Jahren immer mehr junge Filmemacher in Deutschland nachgewachsen sind, die genau dieses Schräge und Sperrige herauskitzeln wollen.

Welche anderen konkreten Beispiele fallen Dir ein?

Ein Beispiel wären Jakob und Tom Lass, die mit ihren Projekten ein ganz anderes deutsches Kino auf den Markt schmeißen, das auch wegen seiner oftmals improvisierten Arbeitsweise wahnsinnig irritierend ist. Oder Benjamin Teske – mein absoluter Liebling! (lacht) Von seiner Arbeit bin ich ein großer Fan. Es gibt immer mehr Regisseure, bei deren Arbeit man spürt, dass sie nicht nur Ironie und Selbstironie besitzen, sondern gleichzeitig den Mut zu Glamour haben. Es muss nicht alles furztrocken sein, damit man ernst genommen wird. Man darf auch mal cineastisch spannende Bilder inszenieren. Da kommt gerade richtig viel Aufregendes auf uns zu.

Hast Du das Gefühl, dass Produzenten und Redakteure dieser Entwicklung auch die nötigen Freiräume einräumen? Bisher hat man ja vor allem im Fernsehen oft das Gefühl, dass es Formeln gibt, die bedient werden müssen.

Über Redakteure wird ja immer extrem viel geschimpft. Dabei vergessen wir aber oft, dass sie gerade auch bei den Öffentlich-Rechtlichen die Verantwortung dafür tragen, die Bedürfnisse der Masse zu befriedigen. Ich glaube, dass ist ein großer Spagat und dadurch ein wahnsinnig schwieriger Job. Ich kann bestätigen, dass es unter den Redakteuren viele gibt, die selber einen guten Geschmack und einen guten Riecher haben, und ich bin ehrlich gesagt sehr zuversichtlich. So wie ich das sehe, ist man sich bei ARD und ZDF bewusst, dass die Zeit reif ist für mutige Produktionen.

Apropos mutige Produktion: Wie sieht es mit Deinem Traumprojekt über die Spionage-Femmes fatale Mata Hari aus?

Gut, dass wir da mal drüber reden! (lacht) Das Besondere an Mata Hari ist ja: Sie war eine Frau an der Schnittstelle zur Macht, die mit den Werkzeugen einer Frau gearbeitet hat. Wenn frau versucht, ihren Platz in der Welt der Macht zu finden, läuft sie auch heute noch Gefahr, sich zu verlieren. Es gibt dieses eine Extrem, bei dem sich Frauen in Machtpositionen männlicher Attribute bedienen. Und dann gibt es das andere Modell, bei dem frau bewusst ihre Weiblichkeit als Stärke in den Vordergrund stellt und dies nicht als Schwäche angesehen wird. Ich glaube, dass wir hier noch einen langen Weg vor uns haben und für mich ist Mata Hari – wenn es sie in der bekannten Form wirklich so gegeben hat – dabei ein Stück weit Inspiration.

"Mata Hari" wurde ja unlängst mit Natalia Wörner verfilmt…

Ne! Wirklich? Mann ey, was für eine Schweinerei! (lacht)