Was die großen TV-Produzenten planen

Foto: Sean Gallup/Getty Images
Die Fernsehlandschaft ist radikal im Umbruch. Deshalb stellt GOLDENE KAMERA sieben der einflussreichsten Produzenten des Landes die Frage: Wohin geht der Trend im deutschen TV?

Die Stimmung ist prächtig. Das Fernsehen, häufig schon totgesagt, könnte ein neues goldenes Zeitalter erleben. Der Umbruch im TV, der zu Beginn vorigen Jahres noch wie entfernte Zukunftsmusik schien, hat sich ungemein schnell vollzogen. Auch dank neuer Abspielwege wie den Streamingdiensten Netflix, Amazon Prime Video oder Maxdome. Doch sie sind nicht die Einzigen, die neue Fernsehware anbieten. Auffallend viele amerikanische Konzerne drängen in den deutschen TV-Markt. Darunter auch die Internetgiganten Apple und Facebook.

Mit dieser Entwicklung einher geht der Ruf nach neuen, hochwertigen TV-Stoffen. "Momentan ist eine extrem gute Zeit für Produzenten", sagt Oliver Berben, der bei der mächtigen Filmfirma Constantin das Vorstandsressort TV, Entertainment und digitale Medien leitet. GOLDENE KAMERA fragte ihn und sechs seiner Kollegen, wie sie die Entwicklung im deutschen TV einschätzen.

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"Made in Germany" ist gefragt

Einhellige Meinung der Experten: Die neuen Anbieter beleben das Geschäft. Ufa-Chef Nico Hofmann, der sehr geschickt auf internationale Vernetzung setzt, bestätigt: "Das Ausland hat heute einen anderen Blick auf uns. Der deutsche Markt hat sich völlig neu positioniert, nach Hochzeiten der skandinavischen Serien und Filme sind jetzt deutsche Produktionen extrem gefragt. Das Interesse an Ufa-Projekten ist groß. Das macht sich besonders bei "Deutschland 86" bemerkbar." Die Ost- West-Serie, deren Vorläufer "Deutschland 83" noch bei RTL startete, feiert Premiere auf dem US-Portal Amazon Prime Video: "Ein Knopfdruck im Herbst, und die Serie wird in zig Ländern gesendet."

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Quirin Berg, Produzent und Ko-Geschäftsführer bei Wiedemann & Berg Film, kann von ähnlichen Erfolgen berichten: "Wir haben für den US-Medienkonzern Turner 2012 die erste deutsche Pay-TV-Serie gedreht. Vor allem Sky, Amazon und Netflix sind massiv in die Produktion deutscher Serien eingestiegen. "Jerks" war ein großer Erfolg für Maxdome. Nun folgt die Telekom und vermutlich irgendwann Apple, Facebook.

Aber auch im linearen TV sind mit ZDF Neo und Vox neue erfolgreiche Player auf dem Markt. Das ist eine völlig andere Situation als noch vor fünf Jahren, da waren quasi nur ARD, ZDF, RTL und ProSieben/ Sat.1 im Fictionbereich aktiv. "Mit dem Zeitreise-Thriller "Dark" landete Berg auf Netflix einen Coup: "Wir drehen schon diesen Sommer eine zweite Staffel."

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Selbst ARD und ZDF setzen nicht mehr allein auf das heimische Stammpublikum – was auch Kritik erzeugt. Etwa beim Vorzeigeprojekt "Babylon Berlin". Das mit 40 Millionen Euro bislang teuerste deutsche Serienepos wird hauptsächlich vom Ersten finanziert, die Erstaufführung überließ man dem Pay-TV-Sender Sky.

Für Sascha Schwingel, Produktionschef bei der ARD-eigenen Degeto, kein Widerspruch: "Wenn sich ein Pay-TV-Sender oder eine Onlineplattform an der Finanzierung eines Programms beteiligt, möchten sie auch Rechte erwerben. Kurz: Es kann mehr Geld akquiriert werden, wenn man bereit ist, Rechte abzugeben." Für ihn ist die Serie "ein internationaler Erfolg 'Made in Germany'. Sie zeigt, was deutsches Fernsehen imstande ist zu leisten."

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Auch Michael Lehmann, Boss der Studio Hamburg Produktion, sucht bewusst nach internationalen Partnern, etwa bei der Bankenserie "Bad Banks", die ab 1.März auf Arte und ab 3.März. im ZDF läuft und "in Cannes bei Einkäufern aus aller Welt großen Anklang fand". Er findet es gut, "dass sich auch Free-TV-Sender neuen Finanzierungsmöglichkeiten öffnen. Bei ,"Bad Banks" hatten wir neben ZDF und Arte von Anfang an den französischen Weltvertrieb Federation als starken Partner mit an Bord."

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Für Ufa-Chef Nico Hofmann ist diese Entwicklung alternativlos: "Wir brauchen die Kooperation mit internationalen Financiers, da TV-Produktionen immer anspruchsvoller werden. Kosten von 2,5 bis drei Millionen für einen 45- bis 50-Minüter im High-End- Bereich sind normal. Das ist die Untergrenze im internationalen Vergleich."

Mehr Kreativität und Spannung

Ist es für Produzenten heute leichter, ihre Projekte zu finanzieren? Nein, glaubt Regina Ziegler von der Berliner Ziegler Film: "An Geld zu kommen war, ist und bleibt leider schwierig. Das wird sich erst ändern, wenn Geld nicht mehr das Wichtigste ist."

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Bleibt die fürs Publikum entscheidende Frage nach den Inhalten. Für Oliver Berben ist es wichtig, "Stoffe und Themen zu finden, die die Leute zum Nachdenken und Reden bringen". Dafür hat er drei Projekte im Köcher: "Die Protokollantin" mit seiner Mutter Iris Berben in der Titelrolle, die sechsteilige Crimeserie "Parfüm" nach Motiven des berühmten Romans von Patrick Süskind und das Drogendrama "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", neu verfilmt "als große High-End-Serie im nächsten Jahr".

Regina Ziegler nennt als nächste Herausforderung ihren ZDF-Film "Stumme Schreie", auch weil es neu sei, "dass das ZDF einen Film über ein Tabuthema wie Kindesmissbrauch in der Primetime zeigt". Weiterhin glaubt sie, dass "die rentable Verbindung von Quiz und Quote noch ein wenig mehr ausgequetscht wird: viel Programm für wenig Geld!"

Marcus Ammon, Senior Vice President beim Abosender Sky, der in Deutschland rund fünf Millionen Kunden hat, sieht die Zukunft positiver: "Das Fernsehen ist kreativer, abwechslungsreicher, spannender denn je: Eine veränderte Wahrnehmung von Serien, gerade in einer jüngeren Zielgruppe, führt zu mehr Mut bei Autoren und Produzenten. Neben Serien werden auch andere Angebote gern konsumiert: von Sportübertragungen bis hin zu teuren Familienshows."Im Herbst geht sein "Herzensprojekt", das topbesetzte Megaspektakel "Das Boot", in Serie.

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Erstmals produziert auch Quirin Berg für Sky: "Bei "Der Pass" begeben wir uns auf der Jagd nach einem Serienkiller in die Alpen zwischen Österreich und Deutschland. "Wieder ist es eine große horizontal erzählte Thrillerserie. Denn wie alle befragten Produzenten ist auch Quirin Berg überzeugt: "Entscheidend sind die Kreativen, die Autoren und Regisseure. Ihr Talent, ihre Handschrift entscheidet darüber, ob ein Projekt am Ende tatsächlich großartig wird."