GOKA-Kandidat: "Gladbeck"

Brisant: Den ARD-Zweiteiler zum Geiseldrama von 1988 bekommt bis zur Ausstrahlung (fast) keiner vorab zu sehen. GOLDENE KAMERA kennt die Gründe und sprach mit den Machern.

Ein erschreckender Fall, der eine Menge Fragen aufwirft. Im Zweiteiler "Gladbeck" (7. März, 20.15 Uhr, Das Erste) soll er ein weiteres Mal aufgerollt werden. Der ARD-Film beleuchtet auch das Versagen von Polizei und Medien. GOLDENE KAMERA traf den Regisseur und die Hauptdarsteller des Films:

Interview mit Sascha Alexander Geršak zu "Gladbeck"

Das geschah in "Gladbeck"

Zwei Gangster, drei Tote, über 50 Stunden Verfolgungsjagd – live begleitet von TV-Kameras. Das Geiseldrama von Gladbeck war ein öffentliches Verbrechen. Am Morgen des 16. August 1988 überfallen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner eine Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck.

Interview mit Alexander Scheer zu "Gladbeck"

Als die Polizei anrückt, nehmen sie zwei Angestellte als Geiseln, fahren mit ihnen nach Bremen und entführen dort 35 Stunden später einen besetzten Linienbus, in dem Degowski den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi erschießt. Anschließend flieht das Duo nach Holland, wo es fast alle Businsassen freilässt, allein die 18-jährige Silke Bischoff und ihre Freundin Ines V. bleiben in der Gewalt der Kidnapper.

Die Medien als Mittäter?

Mit ihnen setzen die Gangster ihre Flucht fort, erst im Bus, dann im Pkw. Sie landen in Kö̈ln, wo sie mitten im Zentrum Reportern Interviews geben, etwa dem späteren "Bild"-Chef Udo Röbel und dem heutigen ARD-Moderator Frank Plasberg. Eine höchst umstrittene Aktion. Stunden später kommt es auf der A3 bei Bad Honnef zum Zugriff durch ein SEK. Dabei stirbt Silke Bischoff – angeblich durch Rösners Waffe.

Interview mit Zsa Zsa Inci Bürkle zu "Gladbeck"

Regisseur Kilian Riedhof, bereits mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, erklärt im Gespräch mit GOLDENER KAMERA: "Die polizeilichen Einsatzleiter hatten damals eine gewisse Scheu, Gewalt anzuwenden. Sie reagierten viel zu spät." Die Medien wiederum, so Riedhof, hätten die Täter zu "bösen Pop-Ikonen" stilisiert. Ein Reporter forderte Degowski etwa auf, Silke Bischoff für Fotos die Waffe an den Kopf zu halten.

Geheimes Fimprojekt

Ein brisanter Stoff! Die ARD behandelt "Gladbeck" deshalb wie eine Geheimsache: Der TV-Film wird anders als üblich nicht für die Presse bereitgestellt. Grund: Aktuell muss der Sender befürchten, dass einige dargestellte Personen, etwa die beiden Geiseln aus der Bank, im letzten Moment eine einstweilige Verfügung gegen die Ausstrahlung erwirken könnten. So bleibt der Zweiteiler, den GOLDENE KAMERA bereits sehen konnte, bis zur Ausstrahlung unter Verschluss. Auch Kidnapper Rösner, berichtet Produzentin Regina Ziegler, habe den Dreh verhindern wollen. Vergeblich.

Wer trägt die Schuld?

Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt versichert GOLDENE KAMERA: "Was im Film gezeigt wird, ist in wesentlichen Zügen das, was ich in den Berichten des Untersuchungsausschusses vorgefunden habe – abgesehen von einigen Dialogen Silke Bischoffs mit ihrer Familie." Wer trägt für Schmidt die Schuld an der Eskalation des Verbrechens? "Keiner trägt die Gesamtschuld allein", so der Autor. "Würde ich einzelne Polizisten oder Journalisten herausstellen, wären sie nur der Sündenbock für alle."

Interview mit Regisseur Kilian Riedhof zu "Gladbeck"

Und was möchte Regisseur Riedhof mit der fiktionalen Aufbereitung erreichen? "Ich will die damaligen Ereignisse physisch erfahrbar machen." Der Umgang der Medien mit dem Geiseldrama, so Riedhof, sei allemal geeignet, die Zuschauer zum Nachdenken anzuregen über die heute so verbreitete Gaffermentalität.