Axel Milberg: "Ich lerne Borowski gerade erst kennen"

In "Borowski und das Land zwischen den Meeren" löst Axel Milberg seinen 31. "Tatort"-Fall. Warum er trotzdem von seiner TV-Paraderolle noch lange nicht genug hat, verrät uns der 61-Jährige im exklusiven Gespräch.

Nach dem Abgang von Sibel Kekilli muss Axel Milberg als Kieler "Tatort"-Kommissar am 25. Februar (20.15 Uhr, Das Erste) alleine ran. "Borowski und das Land zwischen den Meeren" entpuppt sich dabei als von Theodor Storm inspiriertes Insel-Kammerspiel, das bewusst frischen Wind in die norddeutsche Krimi-Institution bringt...

Axel Milberg über "Borowski und das Land zwischen den Meeren"

Darum geht's in "Borowski und das Land zwischen den Meeren"

Auf der sturmumtosten Nordsee-Insel Suunholt muss Kommissar Borwoski (Axel Milberg) den Mord an Oliver Teuber (Beat Marti) aufklären, Schlüsselfigur eines alten Korruptionsskandals der Kieler Baubehörde. Teubers verführerische Freundin Famke Oejen (Christiane Paul) versucht Borwoski davon zu überzeugen, dass die einheimischen Männer aus Eifersucht ihren Geliebten getötet haben und weckt beim alleine ermittelnden Kommissar fatale Beschützerinstinkte...

Trailer zum "Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren"

Axel Milberg im Interview

GOLDENE KAMERA: Lieber Herr Milberg, das ist jetzt Ihr 31. "Tatort"-Fall, bei dem Regisseur Sven Bohse sein "Tatort"-Debüt gab. Inwiefern verändert sich die Dynamik, wenn da jemand mit ganz neuen Ideen und Idealismus hinter der Kamera steht?

AXEL MILBERG: Dynamik ist gut. Wir schätzen es, dass Regisseure bei uns zum ersten Mal "Tatort" machen, weil wir mit ihnen immer wieder einen neuen Blick haben wollen. Im Gegensatz zu einem Regisseur, der schon zwanzig mal "Tatort" gemacht hat und sagt: "Ich weiß, wie der Hase läuft." Das hat sich auch in diesem Fall bewährt. Sven Bohse war in der Entwicklung des Buches ungeheuer ambitioniert. Gleiches gilt für die Bildsprache: das große Drama, die große Oper, ein Spektakel an Landschaftsaufnahmen. Die Landschaft spielt hier eigentlich eine Hauptrolle in unserer Geschichte. Aber die Aufnahmen sind nicht "l’art pour l’art"-mäßig draufgepappt. Sie sind tatsächlich ein wichtiger Teil der Handlung, die auf einer Insel in der Nordsee spielt.

So spannend die Bildsprache ist, so außergewöhnlich gestaltet sich auch der Inhalt der Story, bei der es um eine voraussetzungsfreie Liebe geht, die sich in eine Amour fou verwandelt. Haben Sie selbst schon mal etwas Ähnliches erlebt, bzw. können Sie sich vorstellen, dass so etwas existiert?

Ich habe diese Frage erwartet! Meine Antwort ist deswegen frisch vorbereitet. Jede Liebe ist eine Amour fou. Wenn Du Dich verliebst, dann kannst Du es nicht kontrollieren und solltest es auch nicht können. Es fliegt einem alles um die Ohren. Man schläft nicht, man schwitzt, man redet dummes Zeug, man nimmt ab. Es hat also lauter Vorteile. Das kenne ich.

"Borowski und das Land zwischen den Meeren" ist ein Fall, in dem Sie alleine ermitteln müssen, womit dieser "Tatort" eine Übergangsfolge zwischen dem Abgang von Sibel Kekilli und dem Debüt von Almila Bagriacik darstellt. Warum war es keine Option, dass Borowski wie hier als einsamer Wolf weiter ermittelt?

Das hätte mir durchaus gefallen. Aber ich glaube, die Redaktion ist der Meinung, dass eine junge weibliche Co-Ermittlerin Borowski guttut. Und in der Tat – in der Folge, die wir danach gedreht haben, habe ich gemerkt, dass mit Almila eine junge Partnerin da ist, die das Spiel irgendwie noch einmal lebendiger macht. Jeder braucht jemanden, mit dem er sich austauschen kann.

In diesem Fall ist ja die Insel-Polizeihauptmeisterin Schütz ein bisschen in diese Rolle geschlüpft. Die Chemie zwischen ihr und Borowski fand ich sehr spannend. Wäre dieses Gespann nicht theoretisch für die Zukunft denkbar gewesen?

Absolut. Anna Schimrigk war super und es gibt Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben, in denen sie sich wirklich für den Kriminaldienst bewirbt, am Ende des Falls aber zu Borwoski sagt: „Das sind mir doch ein bisschen viele Tote gewesen. Wenn das mit Ihnen immer so aufregend ist – ne, lassen Sie mal stecken.“ Das musste aber nicht erzählt werden, weil anders gecastet wurde. Aber eine wunderbare Entdeckung diese junge Kollegin!

Sie haben die besondere Atmosphäre dieses Borowski-Falls bereits angesprochen. Das Ganze atmet ein "Scandinavian Noir"-Gefühl: düster, episch, existentiell. Sie haben ja selber dafür gesorgt, dass Henning Mankell mehrere Folgen für Ihren "Tatort" geschrieben hat. Was fasziniert Sie an skandinavischer Krimikost?

Mich fasziniert, dass sie sich immer aus sich selber heraus entwickelt und sie sich die Frage stellen: Wie leben wir wirklich miteinander? Wo finden Verbrechen und Versäumnisse statt? Wie funktioniert die Vereinzelung der Menschen in der Gesellschaft? Skandinavische Krimis sind viel näher dran an einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ich sage das gar nicht aus moralischen Gründen, aber ich finde das einfach spannender, als wenn man spürbar konstruiert mit dem Ziel, der Zuschauer soll dabei das und das empfinden. Das haben die Skandinavier irgendwie nicht nötig. Dieses Uneitle, dieses Massive und Physische wollte ich gerne auch in unserem Kieler "Tatort" haben. Noch bevor wir den ersten gedreht haben, habe ich mir erlaubt, das der Redaktion als Konzept mitzugeben. Zumal Schleswig-Holstein im Verlauf seiner Geschichte von Skandinavien mehr beeinflusst wurde als vom Rest Deutschlands.

Sie haben einmal gesagt, für Sie sei eine Besonderheit des "Tatorts" ist, dass Sie Verantwortung für den Zuschauer tragen. Bedeutet das, die Erwartungshaltungen des Publikums zu befriedigen, oder sehen Sie vielmehr einen Auftrag, den Zuschauer künstlerisch herauszufordern?

Mir war von Anfang an wichtig, dass die Verbrechen und speziell die Ermordung eines Menschen dem Zuschauer wehtun soll. Ich fände es obszön, dies nur als dramaturgischen Vorwand für eine Krimihandlung zu nehmen. Da stirbt ein Individuum – Mann, Frau oder Kind. Es muss deswegen nicht viel Blut fließen oder lange, sadistische Tötungen gezeigt werden. Aber auf irgendeine Weise muss es dem Zuschauer schmerzlich bewusst sein, weil das Erlebnis dieser meist am Anfang des Krimifalls stehenden Tötung ja so lange nachglühen und eine Emotion auslösen muss, dass es den Zuschauer bis zum Schluss beschäftigt. Wenn uns die Frage "Wer hat das gemacht und warum?" nicht über die Laufzeit von 88 Minuten trägt, ist das pillepalle. Das ist nicht moralisch gemeint, sondern so habe ich es selber als Zuschauer bei anderen Filmen erlebt.

In "Borowski und das Land zwischen den Meeren" konnte man das Gefühl bekommen, dass sich Borowski deswegen so auf die von Christiane Paul verkörperten Figur einlässt, weil er in ihr eine Seelenverwandte sieht. Da Sie einmal gesagt haben, dass Sie das indirekte Charakterisieren bevorzugen – warum finden Sie diese subtilere Form des Erzählens wirkungsvoller als wenn beispielsweise der Kommissar mit privaten Familienproblemen ausstaffiert wird?

Ich bin überzeugt, dass wir als Menschen keine Etiketten an der Stirn kleben haben, auf denen unsere Eigenschaften stehen. Ich kann das weder bei mir noch bei anderen erkennen und auch nicht bei Borowski. Wenn es in der Presse heißt "Borowski ist ein kerniger Stinkstiefel", macht man es sich zu einfach. Wenn Sie im Nachmittagsverkehr Ihr Kind vom Kindergarten abholen und stehen im Stau, sind Sie möglicherweise ein Arschloch, drehen das Fenster herunter und spucken gegen die Scheibe dessen, der Sie gerade mit seinem Auto geschnitten hat. Und zehn Minuten später gehen Sie auf die Knie und sagen zu ihrem Sohn: "Mein Schatz, der Pappa hat Dich so vermisst!" Sie sind die gleiche Person in unterschiedlichen Situationen. Genau diese Widersprüchlichkeit macht unseren Reichtum aus. Und das möchte ich Figuren ungern vorenthalten.

Haben Sie da bei der Gestaltung der Borowski-Figur völlig freie Hand?

Wenn jemand fragt: "Wie ist denn jetzt der Borowski so?", antworte ich: "Ich weiß es nicht, ich lerne ihn gerade erst kennen." Abgesehen davon wird fast jedes Buch von anderen Autoren geschrieben. Der eine sieht in Borowski den stieseligen, miesepetrigen Ermittler. Der andere den korrekten Beamten, weil ihm nichts zu der Figur, sondern mehr zur Täterrolle einfällt. Wenn dann im Buch Beamtendeutsch wie "Gehe ich Recht in der Annahme, dass…" steht, muss ich natürlich sagen: "Freunde, was ist denn das für ein Schmarrn! So habe ich ja noch nie gesprochen. Ihr müsst das alles überarbeiten." Das ist unser Alltag und deswegen habe ich bereits viel zu tun, bevor wir in den ersten Drehtag gehen. Aber deswegen zeige ich auch überhaupt keine Spuren von Ermüdungserscheinungen und würde nie sagen, was man gelegentlich von Kollegen hört: "Die Figur ist auserzählt." Wie kann das denn sein ?

Sie haben vor einigen Jahren gesagt, dass der "Tatort" als Format mehr wagen müsse. Jetzt durften wir eine kleine Welle von genresprengenden "Tatort"-Fällen voller Zombies und Geisterhäuser erleben. Schwebte Ihnen so etwas vor?

Ich finde, es gibt gute Filme und es gibt schlechte Filme – mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen. Ausreißer, Experimente, Wagemut – das ist alles so begrifflicher Beifang, der im Nachhinein formuliert wird. Wir können theoretisch alles erzählen. Wir können auch erzählen, dass Borowski der liebe Gott ist und auf dem Surfbrett aus einem Helikopter springt. Ist auch toll, aber wie geht’s dann weiter? Den Ausspruch von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, dass es nur noch zwei Ausreißer pro Jahr geben wird, sollte man da auch nicht wörtlich nehmen. Wo fängt der Ausreißer an? Wo zieht er nur einen Kreis um sein Zentrum und wo hat er sich wirklich von der Leine des öffentlich-rechtlichen Pflockes losgerissen? Das ist schwer zu sagen. Und wenn es gelungen ist und die Quote stimmt, ist sowieso alles wieder herrlich und wir wollen nur noch die sogenannten Ausreißer sehen. Außerdem: Das Gelände ist extrem vermint. Es gibt so unfassbar viele Krimis, dass fast jeder versucht, irgendetwas Neues zu machen, das nicht aus Fertigbauteilen zusammengezimmert ist. Da kommt man fast zwangsläufig in unruhiges Fahrwasser.