Marietta Slomka: „Ich hätte manchmal gern mehr Zeit für Interviews“

Marietta Slomka (ZDF "heute-journal") landet mit 37 % Zustimmung in Sachen Glaubwürdigkeit auf Platz 3.
Marietta Slomka (ZDF "heute-journal") landet mit 37 % Zustimmung in Sachen Glaubwürdigkeit auf Platz 3.
Foto: ZDF / Uwe Düttmann
Bereits seit 2001 moderiert Marietta Slomka das "heute-journal" im ZDF. Im Interview mit GOLDENE KAMERA zum Thema "Glaubwürdigkeit von TV-Nachrichten" beschreibt die 48jährige Journalistin die Arbeitsweise ihrer Redaktion und erklärt ihre journalistischen Grundsätze.

Mit ihren scharfen Politiker-Interviews geriet Slomka zuletzt immer häufiger auch selbst in die Schlagzeilen. Ihre hartnäckigen Nachfragen bei TV-Interviews mit den Politikern Sigmar Gabriel, Markus Söder oder zuletzt Alexander Dobrint brachten ihr Respekt ein, wurden gleichzeitig aufgrund ihrer Gesprächsführung aber auch stark kritisiert. Doch Marietta Slomka bestreitet im Interview den Vorwurf, ihre Gesprächspartner mit Ansage "zu grillen".

Vertrauen – die wichtigste Währung für einen Nachrichtemoderatoren/In?

Marietta Slomka: Ja, das ist unser wichtigstes Kapital: das Vertrauen darauf, dass wir unsere Arbeit professionell, unabhängig und redlich machen. Vertrauen heißt aber natürlich nicht blinde Gefolgschaft. Auch eingefleischte Stammzuschauer finden nicht jeden Bericht oder jedes Interview gut. Und natürlich sind wir nicht frei von Fehlern.

Die deutliche Mehrheit der deutschen Fernsehzuschauer vertraut den Nachrichten. Haben „Fake News“ ihren Zenit überschritten? Brechen jetzt wieder bessere Zeiten für Nachrichtenmacher an?

Uns fällt auf, dass unsere Zuschauerzahlen spürbar gestiegen sind. Selbst an Tagen, an denen es keine herausragenden „breaking news“ gibt, haben wir in letzter Zeit häufig mehr als fünf Millionen Zuschauer. Es scheint in diesen bewegten Zeiten einen Bedarf an Information und Orientierung zu geben, und wenn sich so viele Menschen da für uns entscheiden, ist das für uns ein großer Ansporn. Aber das Thema „Fakenews“ wird uns weiterhin begleiten. Vielleicht hängt das eine mit dem anderen ja auch zusammen: je mehr „Fakenews“ und Verwirrung, desto größer das Interesse an vertrauten Institutionen.

Jüngst kommentierten Elmar Theveßen und Wulf Schmiese Ereignisse im „heute-journal“ politische Ereignisse. Führt das „heute-journal“ den Kommentar schrittweise ein?

Da gibt es keine neue Entwicklung, wir hatten immer schon Kommentare, nicht als tägliches Ritual, sondern bei ausgewählten Anlässen.

Was kennzeichnet ein gutes Interview?

Präzision in der Fragestellung, Dynamik, Erkenntniswert. Letzterer hängt natürlich auch von der Qualität der Antworten ab. Ein gutes Interview muss aber nicht „spektakulär“ sein, im Sinne von besonders konfrontativ. Das kann sich in bestimmten Situationen so entwickeln, ist aber nicht per se Ziel eines Gesprächs. Bei Politiker-Interviews geht es allerdings häufig darum, auf kritische Punkte hinzuweisen und bei Widersprüchlichkeiten oder Ausweichmanövern nachzuhaken.

Stecken Sie Ihren Interviewpartner die Fragen vorher zu?

Niemals! Ich habe auch gar keine vorgefertigten Fragen, sondern nur Stichworte auf einem Zettel und gehe dann spontan auf die Antworten des Gegenübers ein. Wer sich an vorgefertigten Fragen festhält, führt keine interessanten Interviews.

Bitten Ihre Interviewpartner Sie vorher um die Fragen?

Nein. Hat bei mir jedenfalls noch kein hochrangiger deutscher Politiker versucht. Das wissen die auch, dass wir uns darauf nie einlassen würden.

Welchen Anspruch haben Sie an ein Interview, das Sie für das „heute-journal“ führen? Exklusivität? Neue Sichtweisen? Das Weiterdrehen einer Story?

Exklusivität ist immer schön, aber kein entscheidendes Kriterium. Das „Weiterdrehen“ ist hingegen ein wichtiger Faktor. Wir senden abends, da ist gerade im digitalen Zeitalter vieles schon bekannt. Beispiel: Wenn Sonntagnacht die Jamaica-Gespräche platzen, und die FDP das am Montag tagsüber näher begründet, dann kann es am Montagabend nicht mehr nur darum gehen, nach dem „Warum“ zu fragen. Dann muss vielmehr das „Warum“ auf den Prüfstand: wie überzeugend ist die Begründung?

Obwohl Sie die vertrauenswürdigste weibliche Nachrichtenmoderatorin sind, ist die vertrauenswürdigste Sendung laut unserer Forsa-Umfrage nicht das „heute-journal“ (83 Prozent), sondern die „Tagesschau“ (90 Prozent), und danach die „Tagesthemen“ (89 Prozent). Haben Sie eine Erklärung für dieses Paradox?

Die „Tagesschau“ ist für die Bundesrepublik quasi die Mutter aller Nachrichtensendungen, der Klassiker schlechthin. Das „heute-journal“ ist ein ganz anderes Format, das später eingeführt wurde und ganz bewusst nicht die „Tagesschau“ sein will. Deshalb sitzen bzw. stehen bei uns ja auch keine Sprecher, die Meldungen verlesen. Dass die „Tagesschau“ um 20.00 Uhr bis heute so vielen Zuschauern den Abend strukturiert und einen ungebrochenen Nimbus hat, und auch die "Tagesthemen" hohe Glaubwürdigkeit genießen, kann ich als öffentlich-rechtliche Kollegin sehr gut gönnen.

Ihr Sendeplatz – optimal?

Ja.

Ihre Sprecher – immer noch alles ausgebildete Journalisten?

Wie gesagt: es gibt bei uns keine Sprecher, sondern nur ausgebildete Redakteure.

Dem „heute-journal“ vertrauen 34 Prozent voll und ganz, 49 Prozent eher, 8 Prozent eher nicht und 2 Prozent überhaupt nicht. „RTL aktuell“ bildet das Schlusslicht: dieser Sendung vertrauen 8 Prozent voll und ganz, 35 Prozent eher, 39 Prozent eher nicht und 8 Prozent überhaupt nicht. Mal ganz ehrlich: Würden Sie Beiträge à la „Immer weniger Deutsche telefonieren mit dem Smartphone“, die bei „RTL Aktuell“ einen Bericht innerhalb der Hauptnachrichten wert sind, auch beim „heute Journal“ bringen – und sei es nur als Nachricht?

Auch bei uns kann es mal um Handynutzung oder Fleischkonsum gehen, wenn es da eine interessante Entwicklung gibt. Aber grundsätzlich ist bei uns der Anteil an Politik, einschließlich Auslandsthemen, ein sehr viel höherer als bei den Privaten. Wir muten unseren Zuschauern auch Themen zu, die komplex sind und ihren eigenen Alltag nicht unmittelbar betreffen. Familie Schmidt aus Wuppertal ist nicht persönlich betroffen, wenn in der Türkei reihenweise Regierungskritiker verhaftet werden. Wir halten das aber für ein wichtiges Thema, um zu verstehen, was auf dieser Welt geschieht. Die Quote ist uns da herzlich egal. Genau das erwarten unsere Zuschauer auch von uns.

Umfrage: Welchem Nachrichtenmoderator vertrauen Sie am meisten?

FORSA-Umfrage von HÖRZU. 1010 Befragte ab 18 vom 1. - 5.3.2018

Bohren Sie immer weiter nach, wenn ein Interviewpartner die konkrete Antwort auf eine Frage verweigert? Oder geben Sie irgendwann entnervt auf?

Es macht keinen Sinn, zehnmal hintereinander die gleiche Frage zu stellen, nach dem Motto: guckt mal, wie toll ich nachfrage. Das wäre letztlich nur Show. Die Zuschauer begreifen auch nach ein oder zwei Nachfragen, dass da jemand offenkundig nicht antworten will. Und das ist dann ja auch eine Erkenntnis.

Wann ist eine Nachricht definitorisch eine Nachricht? Was verdient es, in Ihrer knappen Sendezeit von durchschnittlich 30 Minuten gezeigt zu werden?

Oh, habe ich für diese Antwort jetzt bitte mindestens drei Seiten? Sie fragen gerade nach den Grundsätzen und täglichen Entscheidungskriterien von Nachrichtenjournalismus. Das lässt sich nicht in drei Sätzen beantworten. Und auch nicht losgelöst von konkreten Beispielen. Wir diskutieren genau darüber ja jeden Tag, oft auch heftig. Journalistenschüler bekommen in ihrer Ausbildung beigebracht: Ein Ereignis ist neu, wichtig, ungewöhnlich, nahe, betrifft viele Menschen und ist wirklich so geschehen. Mit der Entscheidung darüber haben sie aber schon sehr viel zu prüfen und zu gewichten. Ein kleines Beispiel dafür, dass die Auswahl von Nachrichten in einem höheren Sinne gar nicht „objektiv“ sein kann: Ein großes Zugunglück in Bayern ist für uns ein Aufmacher. Ein ebenso großes Zugunglück in China nicht. Dem lieben Gott sind die toten Familien in China aber genauso viel wert, oder? Ist das nun objektiv? Im heute-journal setzen wir außerdem immer Schwerpunkte, wir berichten nicht über alle Nachrichten in gleicher Länge. Auch das führt täglich zu Diskussionen und Abwägungen.

Nehmen Sie bei Ihren Interviews für das „heute-journal“ immer die „konträre Sichtweise“ Ihrer Gesprächspartner ein? Und falls ja: Erkennen die Zuschauer, dass es sich dabei nicht um Ihre eigene Meinung handelt oder wird Ihre Hartnäckigkeit mitunter auch mit Sadismus oder Besserwisserei verwechselt?

Ja, ich nehme grundsätzlich eine konträre Haltung ein, ohne Ansehen von Person und Partei. Das kann dazu führen, dass ich montags einen SPD-Politiker kritisch befrage und dienstags zum gleichen Thema mit genau umgekehrter Fragerichtung einen CSU-Politiker. Aber „Sadismus“? Wir quälen doch keine wehrlosen Wesen. Wir befragen Spitzenpolitiker, häufig Regierungsverantwortliche. Der Wortanteil der Befragten ist dabei deutlich höher als unserer. Politprofis wissen in der Regel das heute-journal als große Bühne auch durchaus für sich zu nutzen und gehen keineswegs geschunden von dannen. Und wenn ich das noch anmerken darf: wir leben gerade in Zeiten, in denen aggressive Begriffe wie „Lügenpresse“ Konjunktur haben. Wir erleben aktuell auch, dass in zwei EU-Staaten, auf Malta und in der Slowakei, Journalisten ermordet wurden, weil sie Korruptionsvorwürfe recherchiert haben. Ich hoffe doch sehr, dass wir hierzulande kritischen Journalismus weiterhin für selbstverständlich halten und uns nicht darum sorgen, ob Politiker das gelegentlich irgendwie anstrengend finden.

Ihre Meinung über den Hashtag „geslomkat“?

Es ehrt mich, solange daraus nicht die Erwartungshaltung entsteht, dass jedes Interview von mir ein großes Bohei bietet. Darum geht es mir sicherlich nicht. Ich bin so manches Mal in den letzten 17 Jahren in Interviews reingegangen, ohne die Erwartung, dass das besonders „aufregend“ werden würde - und plötzlich bekam ein Gespräch eine erstaunliche Dynamik und öffentlichen Widerhall. Wenn ich aber ständig mit der Absicht in Interviews reingehen würde, „ das muss jetzt wieder besonders hart sein“, wäre das ganz falsch.

Wie wichtig sind Twitter, Facebook und die sozialen Medien für Ihre Arbeit?

Wir leben in einer digitalen Welt mit sozialen Medien und natürlich sind die wichtig und werden von uns auch bedient. Der nachrichtliche Erkenntniswert bei Recherchen hält sich allerdings oft in Grenzen. Infos und Videos, die über soziale Medien geteilt werden, müssen sorgfältig geprüft werden – das macht sehr viel Arbeit und häufig kommt man zu dem Schluss, dass es sich nicht um vertrauenswürdige Quellen handelt. Ganz abgesehen von gezielten Manipulationen und organisierten Kampagnen, für die das Internet sehr offen ist. Wer behauptet, „meine Informationen kann ich mir auch direkt aus dem Netz holen“, sprich: ich brauche keine Journalisten, sollte sich dessen bewusst sein. Professioneller Nachrichtenjournalismus heißt: zig Stunden Material sichten, Korrespondenten befragen, bei Behörden anrufen, Nachrichtenagenturen bezahlen, Statistiken analysieren usw. Wer meint, dass ein paar Tweets oder Posts aus der eigenen Filterblase, die US-Monopol-Konzerne strukturieren, die größere Wahrheit vermitteln, liegt furchtbar falsch. Ich hoffe, dass sich diese Erkenntnis zunehmend durchsetzt.

Wie lange läuft Ihr Vertrag beim „heute-journal“? Lust, dort bis zum Rentenalter zu bleiben?

Im Rentenalter bin ich noch nicht. Und lasse die Zukunft auf mich zukommen.

Mal ehrlich: Was würden Sie gern inhaltlich am „heute-journal“ ändern und/oder verbessern?

Ich hätte manchmal gerne mehr Zeit für Interviews. Aber ich weiß auch, warum wir in unserer Sendung einen bestimmten Rhythmus wahren. Wenn wir tiefgreifende Wünsche für inhaltliche Veränderungen hätten, wären wir sie bereits angegangen. Unsere Stärke liegt darin, Kontinuität zu wahren und uns zugleich immer wieder zu modernisieren. Das heute-journal im Jahr 2018 sieht natürlich anders aus als 1978. Die Grundidee ist aber die gleiche geblieben: Hintergründe, Erklärung, Interviews, ein kritischer Angang und die persönliche Handschrift von Autoren und Moderatoren.

Und welche Neuerungen planen Sie konkret für das „heute-journal“? Experimentieren Sie schon – jenseits der bewussten Wahrnehmung der Zuschauer – mit neuen Rubriken, Abläufen oder Beitragslängen?

Da gibt es aktuell nichts Spektakuläres zu enthüllen. Wir arbeiten eh jeden Tag neu, probieren Ideen aus und beschäftigen uns mit technischen Neuerungen. Unser Studio wird in einigen Jahren sicher auch wieder anders aussehen als heute. Aber am Ende ist heute-journal drin, wo heute-journal draufsteht. Und das seit nunmehr 40 Jahren.

Der Kampf um die Wahrheit: Welchen TV-News vertrauen die Deutschen am meisten?

Die Nachrichtenmoderatoren im deutschen Fernsehen gelten als überaus glaubwürdig.
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Foto: HÖRZU
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