Nadja Uhl über ihre Rolle in "Ich werde nicht schweigen"

Brillant: Nadja Uhl im TV-Drama "Ich werde nicht schweigen" als Kriegswitwe, die 1948 in die Fänge der Psychiatrie gerät. Wir trafen die Hauptdarstellerin zum Video-Talk.

Darum geht's in "Ich werde nicht schweigen"

Oldenburg 1948: Die bitterarme Kriegswitwe Margarethe Oelkers (Nadja Uhl) arbeitet als Näherin, um das Überleben ihrer Kinder zu sichern. Eigentlich stünde ihr eine Kriegswitwenrente zu, doch die dafür nötige Bescheinigung verweigert ihr der ehemalige Arbeitgeber ihres gefallenen Mannes, Dr. Ahrens (Rudolf Kowalski), Chef des Gesundheitsamts.

Statt Oelkers nach einem emotionalen Zusammenbruch zu helfen, diagnostiziert er Schizophrenie und lässt sie in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen einweisen. In der Klinik wird Oelkers Opfer furchtbarer „Heilmethoden“, die an Folter grenzen. Als man sie ein Jahr später entlässt, will sie offenlegen, was sich in der Heilanstalt abspielt. Doch das hat gefährliche Folgen.

Nadja Uhl im Video-Talk über ihre Rolle in "Ich werde nicht schweigen"

GOLDENE KAMERA traf Hauptdarstellerin Nadja Uhl zum Video-Talk über ihre Rolle im ergreifenden TV-Drama "Ich werde nicht schweigen" (Montag, 7. Mai, 20.15 Uhr, ZDF).

Nadja Uhl über ihre Rolle in "Ich werde nicht schweigen"

Interview mit Nadja Uhl

Angeblich beruht Ihr Film über eine entmündigte Kriegswitwe, die menschenverachtende Praktiken einer psychiatrischen Klinik aufdeckt, auf wahren Ereignissen. Richtig?

Ja, es ist die authentische Geschichte von Margarethe Oelkers, der Großmutter unserer Regisseurin Esther Gronenborn. Oelkers wurde nach Kriegsende in Oldenburg in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen zwangseingewiesen. Der Anlass war banal: Die Ärzte unterstellten ihr Schizophrenie, weil sie um ihre Kriegswitwenrente kämpfte. Oelkers deckte auf, dass in der Heilanstalt zu Kriegszeiten ein Euthanasieprogramm umgesetzt wurde.

Wussten Sie schon vor dem Dreh, dass es so etwas gab?

Ich habe im Rahmen eines Potsdamer Ärzte-Kongresses eine Lesung gemacht über das so genannte "T4"-Programm in Berlin. "T4" steht für "Tiergarten vier", und es geht dabei um ein Tötungsprogramm für Kinder. Insofern war ich mit der Thematik vertraut und dachte damals, dass ich mich dem schwierigen Thema jetzt genug gestellt habe. Aber dann kam Esther Gronenborn und hat mich doch noch mal damit konfrontiert.

Allein in der Klinik Wehnen wurden mindestens 1500 Menschen getötet. Stimmt es, dass viele Deutsche Verwandte hatten, die als "psychisch krank" abgestempelt wurden?

Leider ja. Jede achte deutsche Familie ist mit jemandem verwandt, der der Euthanasie zum Opfer fiel. Aber darüber wurde geschwiegen, es war ein Tabu. Ob lästig, "verrückt", "unnormal", chronisch krank oder "gemeingefährlich", arbeitsunfähig oder pflegebedürftig, es gab viele Gründe für das "Behandeln" in Kliniken. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass sich das in diesem Ausmaß zugetragen hat.

Kann Ihr Film betroffenen Familien nachträglich helfen?

Ich würde mir wünschen, dass der Film seinen Beitrag dazu leistet, dass gerade die Heilung der Seelen auch in diesen Familien eintritt. Denn wenn ein Familienmitglied als "nicht lebenswertes Leben" getötet wird, dann richtet das etwas in den Familienkreisläufen an. Es gibt ein "emotionales Erbe", und die Erlösung davon funktioniert nur, wenn man die Wahrheit, den Schmerz sowie die Schuld und die Sühne anerkennt, sich der Realität stellt und dann das Ganze auflöst.

Wie muss man sich ein solches "emotionales Erbe" konkret vorstellen?

Es gibt wissenschaftliche Nachweise, dass wir erworbene Informationen genetisch weitergeben können – und dass die Auswirkungen in den nachfolgenden Generationen immer eine Rolle spielen. Ein "emotionales Erbe" kann uns blockieren, und Glück verhindern. Es ist ein toller Prozess unter Anleitung von Fachleuten eine Heilung durch eine Familienaufstellung durchzuführen. Denn durch die Anerkennung der Schmerzen der oftmals schon Verstorbenen ist für die heute Lebenden eine Heilung möglich. Gott sei Dank stempelt die Psychologie das mittlerweile nicht mehr als Humbug ab.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie sich für Familienaufstellung interessieren?

Meine wunderbare Freundin Margarethe Hollmann, die ich im jungen Alter von 96 kennenlernte, hat sich bis zu ihrem Tod mit über 104 damit beschäftigt. Ich fühle mich zu den Themen von reifen, weisen Menschen hingezogen. Außerdem ist es kein Geheimnis, dass es in jedem Leben Themen gibt, die zu klären sind – und bei einer Familienaufstellung stellt man sich zur Verfügung, um Themen für andere zu klären.

Margarete Oelkers nahm Anfang der 50-er den Kampf gegen ein unglaubliches Unrecht auf. Inwiefern ist es prinzipiell wichtig, den Mund aufzumachen und nicht über Themen, die gerne unter den Teppich gekehrt werden, hinwegzuschauen?

Wichtig! Haltung und Charakter sind zeitlos. Ich bin ein Freigeist und als Künstlerin möchte ich Widerspruch leisten können. Wenn wir alle einer Meinung sind, dann kann etwas nicht stimmen. Aus Konformismus entstehen Diktaturen. Wenn man Filme macht wie wir über die DDR-Zeit und über die Nazi-Zeit, dann weiß man, wie Diktaturen entstehen – nämlich zunächst über ein gesellschaftliches Klima, in dem Willkür immer häufiger toleriert wird und dann Gesetze geändert werden. Sinngemäß steht in dem Buch "Täter" von Harald Welzer, daß mit diesem neuen Klima und den geänderten Gesetzen, Menschen instrumentalisiert werden können. Man nimmt somit den moralischen Druck und die Notwendigkeit der persönlichen Entscheidung und entledigt den Menschen seiner Verantwortung, eine persönliche Entscheidung tragen zu müssen. Solche Mechanismen interessieren mich auch hinter einer medialen Landschaft.

Was halten Sie von folgendem Spruch: Wenn Sie einen netten Abend haben möchten, dann sollten Sie nicht über Krankheiten, Religion und Politik reden?

Das kommt darauf an, wie man einen "netten Abend" definiert. Ich bin ja Künstlerin, ich muss nicht nett sein. Ich rede über das, was erforderlich ist – aber mir geht es dabei nicht darum, Recht zu haben. Gespräche sind für mich gedankliche Exkurse, und es betrübt mich, dass es momentan vielen Menschen eher darum geht, Recht zu haben und ihre Meinung und Deutungshoheit durchsetzen, statt einen kreativen, konstruktiven, reibungsvollen, gesellschaftlichen Diskurs zu entwickeln. Ich mag unpopuläre Sichtweisen. Ich mag die Vielfalt, ich mag das Freigeistige, und die Buntheit – aber wenn sich alle vermeintlich einig sind, dann macht mir das eher Angst.

Zu wie viel Prozent sind Sie gefühlt Philosophin?

Wenn ich wirklich Philosophin wäre, dann könnten wir das Interview beenden und ich sage gleich: "Und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen" – Das hat Goethe so schön in seinem "Faust" geschrieben. Der Höhepunkt eines guten Gespräches kann nur sein, dass man gemeinsam rätselt.

Sie haben die Erkenntnis ausgedrückt: "In jedem von uns steckt auch ein Täter, aber wenn wir das erkannt haben, gehen wir ganz anders mit unseren eigenen Bedürfnissen und mit unseren eigenen Handlungen um."

Ja, nämlich verantwortungsvoll. Ich finde es beängstigend, wenn sich jemand in selbstgerechter Hybris über Menschen erhebt und sie als "Pack" bezeichnet. Das ist der beste Zunder, um ein extremistisches Klima zu fördern. Ich habe jahrelang einen Straffälligen-Hilfeverein unterstützt. Hätten wir diese Jugendlichen, die wirklich dumme Sachen gemacht haben, ausgegrenzt, und uns intellektuell über sie erhoben und ihnen die Verachtung gezeigt, die sie vielleicht verdient haben, dann hätten wir nichts erreicht. Menschen zuzuhören, ihre Sorgen ernst zu nehmen und sich bemühen, sie zu verstehen, ist Verantwortung. Und das bedeutet auch, dass man sich nicht selbst für etwas Besseres halten sollte. Wir sind immer in bestimmten Momenten alle so schlau und so viel besser, aber Diktaturen wären überhaupt nicht möglich, wenn wir alle so toll und so heldenhaft wären.

Was halten Sie von der "Weisheit", dass man erst mal in den Schuhen eines anderen Menschen gehen muss, um ihn zu verstehen?

Ja! Laotse hat das auch schön formuliert: Ich beobachte mich und verstehe dadurch die Anderen. Keiner ist besser oder schlechter. Und wenn zwei Menschen nicht einer Meinung sind, dann ist das eben so – solange sie einander nicht dafür umbringen wollen. Ich lebe in einer tollen demokratischen Gesellschaft, in der keiner für seine Meinung weggesperrt oder umgebracht wird, und ich möchte, dass das so bleibt. Aber in dem Moment, wo Gesetze geändert werden, die etwas Gutes wollen, aber auch etwas Schlechtes ermöglichen, bin ich doch beunruhigt.

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