Philipp Hochmair: "'Blind ermittelt' hat mich an meine Grenzen gebracht"

Vorhang auf für den etwas anderen ARD-Ermittler: "Vorstadtweiber"-Ikone Philipp Hochmair gibt in "Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien" sein Debüt als außergewöhnlicher TV-Kommissar. Warum diese Rolle ein ebenso wichtiger wie herausfordernder Schritt auf seinem Weg von der Bühne vor die Kamera ist, verrät uns der als "Körperterrorist" gefeierte Theatermime im exklusiven Gespräch.

Wer den Brandauer-Schüler nicht von seinen langjährigen Ensemblemitgliedschaften am Wiener Burgtheater oder am Thalia Theater in Hamburg kennt, dem ist Philipp Hochmair spätestens seit seinen Showstealer-Auftritten im Serienerfolg "Vorstadtweiber" ein Begriff. Aus der langsam durchdrehenden Politikerbestie Dr. Joachim Schnitzler konnte der für seine Solo-Programme berühmte Theater-Berserker eine unvergessliche Paraderolle formen.

Am 5. Mai (20.15 Uhr) im Ersten gibt der 43-jährige Wiener in "Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien" jetzt sein Debüt als außergewöhnlicher TV-Kommissar, der ebenfalls Paraderollen-Potential besitzt...

Darum geht's in "Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien"

Philipp Hochmair spielt den ehemaligen Wiener Chefinspektor Alexander Haller, der bei einem Sprengstoffanschlag nicht nur sein Augenlicht, sondern auch seine große Liebe Kara (Anna Rot) verliert. Als der Lebensmutlose beschließt, aus selbigem zu scheiden, wird er vom hemdsärmeligen Taxifahrer Nikolai Falk (Andreas Guenther) gerettet, der fortan Haller als rechte Hand zur Seite steht. Denn während die Polizei und sein alter Vorgesetzter Arthur Pohl (Johannes Silberschneider) davon ausgehen, dass hinter dem Anschlag Hallers alte Gangster-Nemesis Udo Strasser (Stipe Erceg) steckt, nimmt die blinde Spürnase lieber den letzten Fall seiner getöteten Staatsanwältin-Freundin unter die Lupe und kommt einem perversen Mädchenhändlerring auf die Spur...

Trailer zu "Blind ermittelt - Die toten Mädchen von Wien" (TV-Premiere: 5.5.2018)

Philipp Hochmair im Interview zu "Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien"

GOLDENE KAMERA: Der Part des blinden und damit zwangsläufig in sich gekehrten Chefinspektors Alexander Haller sieht von außen betrachtet wie die Antithese zu Ihren bisherigen Bühnenrollen und Soloprogrammen aus, die ja im besten Sinne theatralisch waren.

PHILIPP HOCHMAIR: Absolut. Ich erlebe gerade den Wechsel vom Theater zum Film und da ist es natürlich ein ganz wichtiger Schritt, dass man die Energie mal in eine ganz andere Richtung lenkt. Bei "Vorstadtweiber" gab es jetzt am Ende ja noch mal ein richtig großes Finale furioso zu sehen. Haller bot mir hingegen die Möglichkeit, ganz andere Kräfte zu mobilisieren und den Blick nach innen zu richten. Die dritte Staffel "Vorstadtweiber" und "Blind ermittelt" haben mich auf ganz andere Weise an meine Grenzen gebracht, die ich am Theater schon mit großen experimentellen Versuchen ausgelotet hatte.

Inwieweit war gerade das reduzierte Spiel eine besondere Herausforderung?

Ich habe es gar nicht als reduziert empfunden. Schön dass es so rüberkommt, aber in mir hat es ganz schön gebrodelt. Es ist ja eher eine Kälte, die von Haller ausgeht. Diese Kälte oder Versteinerung, die durch den Verlust seiner großen Liebe und seines Augenlichts ausgelöst wurde, hat mich beschäftigt. Ähnlich wie am Theater geht man dann in einen imaginären Raum rein und der Körper formt sich in eine spezielle Richtung. Die kam jetzt als Reduktion rüber, hat sich für mich aber gar nicht so angefühlt. Für mich war es ein genauso physischer Akt wie Mephisto am Thalia Theater zu spielen.

Wie intensiv haben Sie sich bei der Rollenvorbereitung mit dem Blindsein beschäftigt?

Für mich war der entscheidende Schritt, zum "Dialog im Dunkeln" zu gehen. Diese Einrichtung gibt es in Hamburg und in Wien und bietet für zwei, drei Stunden die Möglichkeit, in kompletter Dunkelheit Aufgaben zu lösen. Das dort gewonnene Bewusstsein dafür, wie es wäre, ohne jegliche Sehfähigkeit weiterleben zu müssen, war das Tor in die Phantasiewelt dieser Rolle.

Waren Sie wirklich "blind" hinter der Sonnenbrille?

Eigentlich war geplant, dass ich Blindlinsen trage, aber das wäre speziell in der Kampfszene zu gefährlich gewesen. Außerdem muss ich ja beim Spielen vor der Kamera Marken treffen und räumliche Vereinbarungen halten. Zuvor war mir gar nicht bewusst, wie sehr auch der Schauspielberuf aufs Sehen ausgerichtet ist. Eine interessante Erfahrung.

Wie weit sind Sie bei der Sensibilisierung Ihrer anderen Sinne gegangen? Es gibt eine Szene, in der Haller die Schuhe auszieht und quasi barfuß "ermittelt". War das Ihr persönlicher Input?

Ich wollte die Rolle eigentlich durchgehend barfuß spielen, weil ich persönlich sehr viel barfuß gehe. Einmal bin ich im Wald vom Weg abgekommen und habe festgestellt, dass ich mich über das Tasten der Füße wieder an Steine, Moos und Holz erinnern konnte. Über das reine Sehen hätte ich den Weg nicht wieder gefunden. Deswegen dachte ich mir, dass Haller in brenzligen Situationen ähnlich vorgehen könnte. Sollte "Blind ermittelt" fortgesetzt werden, kann man das vielleicht ja noch weiter ausbauen. In jedem Fall glaube ich, dass der Film der Auftakt für eine schöne neue Reihe werden kann, in der dieser Held Kräfte und Möglichkeiten hat, die einem normalen Kommissar abgehen.

Demnach würden Sie "Blind ermittelt" trotz Krimischwemme als eine Bereicherung für die deutschsprachige Fernsehlandschaft bezeichnen?

Unbedingt. Vor allem, weil mit der Geisterpräsenz der toten Freundin ein Raum in die Phantasie aufgemacht wird und wir nicht bei normalen Erzählformen bleiben. Irreales oder Intuition zu bebildern, ist eine Möglichkeit, die es sonst gar nicht gibt. Das empfinde ich als große Chance. Diesen Fluss, in dem sich gerade unsere Ästhetik und unsere Wahrnehmung mit der Entwicklung moderner Medien befindet, kann man in unserem Format gut aufgreifen und artikulieren.

Im Vergleich zu anderen Degeto-Produktionen kommt "Blind ermittelt" inszenatorisch in der Tat extrem modern daher. War das zusätzlicher Anreiz, mit einem offenbar experimentierfreudigen Regieneuling wie Jano Ben Chaabane zusammen zu arbeiten?

Absolut! Die Kombination aus diesem phantasievollen Buch und einem jungen, innovativen Regisseur war wirklich wie ein Sechser im Lotto. Jano Ben Chaabane ist ein Filmemacher, der eben kein klassisches Fernsehen macht und sich traut, neue Wege zu gehen. Das finde ich sehr spannend.

Sie haben sich aus dem staatlichen Theaterbetrieb zugunsten ihrer Solo-Stücke auch mit der Begründung zurückgezogen, weil "man alles selbstverantwortlich unter Kontrolle hat." Wie kommen Sie als seine kreative Freiheit liebender Künstler mit den Beschränkungen einer TV-Produktion klar?

Es ist ja nur für eine bestimmte Zeit. Man gehört für sechs Wochen zu einem großen Team, das ohne Harmonie gar nicht funktionieren könnte. Und es sind immer wieder neue Eindrücke. Gerade habe ich auf Teneriffa für die ARD gedreht, davor war ich auf Kuba und in Südafrika. Diese Tapetenwechsel und die Wechsel der Teams erhalten die Frische. Der Staatstheaterbetrieb lässt sich hingegen eher mit einer Behörde vergleichen, bei dem es sich über Jahre eingeschliffen hat. Dabei entstehen auch Klischees von einem selber, die in diesem Betrieb gewünscht sind. Für mich war das einfach nicht mehr produktiv, sich daran abzukämpfen.

Chefinspektor Haller könnte nach dem mörderischen Kamikaze-Minister Dr. Joachim Schnitzler Ihre zweite TV-Paraderolle mit Wiederkennungseffekt werden. Haben Sie den Sprung vom Bildungsbürger-Popstar und Feuilleton-Liebling zum auf der Straße erkannten "Mainstream"-Promi schon verkraftet?

Ich lerne es gerade kennen und muss immer wieder lachen, weil ich das so nicht kenne. Ich habe ja jahrelang am Theater gearbeitet und dachte damals in meiner künstlerischen Verblendung, dass es die Welt verändern würde, wenn man am Burgtheater Mephisto spielt. (lacht) Und das ist jetzt völlig unerwartet mit dem Schnitzler passiert. Dass diese Rolle so eine Wirkung hat, amüsiert mich immer noch. Aber ich genieße es natürlich auch.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass sich das Theater gerade verändert und in der Gesellschaft sowie als Ausdruck unserer Kultur nicht mehr diesen Stellenwert hat. Dafür hat die Serienkultur eine viel größere Dimension bekommen und regt stärker zu Diskussionen an. So gesehen empfinde ich meinen Wechsel in den Medien durchaus harmonisch und angemessen. Und quasi im Selbstexperiment zu erleben, dass sich dabei nicht nur die Aufgaben verändert haben, sondern auch der Bekanntheitsgrad, finde ich spannend.

Schnitzler haben Sie an anderer Stelle mal als Mephisto betitelt. Welche klassische Dramafigur könnte Haller sein?

Sicher hat die Rolle etwas von Kafka. Die innere Kränkung, die er im "Amerika"-Roman beschreibt, dieses Verarbeiten einer inneren Welt während die äußere zusammenbricht – diese Kräfte sind vergleichbar. Ich habe Haller immer als Schlange in Kältestarre gesehen, die darauf wartet, dass beim Auftauen ihre Kräfte zurückkehren und sie wieder zubeißen kann.

Trailer zum Solo-Stück "Amerika" im Thalia Theater mit Philipp Hochmair

Wie wird es mit Haller und Schnitzler weitergehen?

Die "Vorstadtweiber" werden ab Juli weitergedreht, aber ob und wie viel Schnitzler da drin ist, weiß ich genauso wenig wie sich meine Figur entwickelt. Ob er im Gefängnis sitzt oder stirbt, ob er völlig durchdreht oder bekehrt wird – es ist alles offen. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn aus "Blind ermittelt" eine neue Reihe entstehen würde. In den Figuren steckt sehr viel Potential. Aber Haller und Schnitzler parallel zu machen, wäre natürlich spitzenmäßig!

In einem Interview haben Sie im Zusammenhang mit ihrem letzten Kinofilm "Animals" gesagt, dass Sie schauspielerisch "eigentlich nur Grenzerfahrungen interessieren." Haben Sie den Eindruck, dass Sie da im deutschsprachigen Fernseh- und Kinobetrieb zukünftig weiter fündig werden?

Also die dritte Staffel "Vorstadtweiber" und "Blind ermittelt" waren für mich im letzten Jahr die intensivsten Erfahrungen überhaupt. Man dreht so etwas ja nicht chronologisch, sondern kreuz und quer. Das heißt an einem Tag z.B. Szene 3 aus Buch 5, und Szene 7 aus Buch 8. Im Kopf musste ich beim Schnitzler also immer genau wissen, wie ich den Grill langsam hochdrehe, damit er am Ende explodiert. Diese Führung der Emotionen war für mich eine ganz neue Herausforderung. Wenn das also weitergeht, werde ich dem Motto, extreme Sachen auszuprobieren, weiter treu bleiben können.

Theaterregisseurin Friederike Heller hat über Sie gesagt: Man könne den Eindruck bekommen, dass "das Spielen für ihn eine Naturdroge sei." Ist es dieses Experimentieren und Austesten, das Sie bis heute süchtig nach der Schauspielerei macht?

Absolut. Möglichkeiten ausloten und austesten, wie man sonst noch sein kann. Die Frage nach der Selbstdefinition hat mich schon immer sehr beschäftigt. Im Fernsehen bin ich jetzt in einer Position, in der diese Suche vom Theater nahtlos weiter geht, ohne platt zu sein. Früher ist man bei Claus Peymann am Burgtheater rausgeflogen, wenn man Fernsehen gemacht hat. Das ist heute ein veralteter Gedanke, obwohl er immer noch in manch alten Theaterköpfen vorherrscht. Aber ich finde, wenn es einen fließenden Übergang gibt und plötzlich "Vorstadtweiber"-Fans in den "Faust" kommen, dann ist das doch ein toller Dialog. Dieser Dialog interessiert mich und wenn ich den weiterführen kann, wäre das für mich eine schöne Zukunftsperspektive.

Trailer zu Philipp Hochmairs Konzert-Performance "Jedermann" am Burgtheater Wien

Interview: Alexander Attimonelli