Gehört der Islam zu Deutschland, Edgar Selge?

Edgar Selge brilliert in der Verfilmung von Michel Houellebecqus Bestseller "Unterwerfung" (6. Juni, 20.15 Uhr, Das Erste). Ein Interview.

Michel Houellebecqs 2015 veröffentlichtem Skandalroman "Unterwerfung" ist auch im Theater ein Kassenschlager: Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg begeistert Edgar Selge seit 2016 mit einer 150-minütigen Solo-Performance. Jetzt hat Das Erste den brisanten Stoff entdeckt, und ihn als 90-Minüter mit Theater- und Spielfilm-Sequenzen verfilmt - mit Edgar Selge in der Hauptrolle. GOLDENE KAMERA sprach mit Selge über unseren GOKA-Kandidaten Unterwerfung – und seine Meinung über Kopftücher, Islam und Religion.

Trailer zum Theaterstück "Unterwerfung"

Interview mit Edgar Selge

Halb Theateraufführung, halb Spielfilm: Was mögen Sie am ARD-Film "Unterwerfung", Herr Selge?

Natürlich erst einmal den Text. Ich halte ihn für einen der aktuellsten Texte, die es im Augenblick gibt. Deswegen habe ich mich auch der mörderischen Mühe unterzogen, ihn komplett auswendig zu lernen. Offensichtlich wird jeder Theaterbesucher – egal ob eher rechts oder eher links – an einem Punkt abgeholt, wo seine Ängste und Phobien in Bezug auf Migration gerade stattfinden. Der Film fügt der Aufführung eine weitere Ebene hinzu: Während das Theaterstück im Wesentlichen über die Sprache und über die Ironie funktioniert, schafft es der Film eher über die Psychologie und über die Bilder, eine emotionale Nähe zur Hauptfigur und zur Thematik herzustellen.

Auf der Bühne turnen Sie die ganze Zeit an einem Kreuz herum. Ist es ein Kreuz mit der Religion?

Religion ist komplex. Das Christentum hat – angefangen bei den Kreuzzügen über die Hexenprozessen bis hin zur Inquisition – lange als Staatsreligion in den westlichen Ländern fungiert, und an jeder Form von Unterdrückung mitgemacht, bis es in unseren Ländern zu einer befreiten Religion geworden ist. Eines erfahren wir im Augenblick ganz stark. Durch die vielen Migranten, die in unser Land kommen, sehen wir Menschen, denen ihre Religion sehr viel bedeutet. Diese Menschen bringen unterschiedlichste religiöse Wurzeln zu uns – Wurzeln, die für sie die einzige Form von Heimat sind. Dadurch provozieren uns Migranten, weil Religion für uns eher eine laue Angelegenheit ist. In diesem Zusammenhang kann man Religion auch als einen Segen betrachten: Wir können das Vakuum unseres eigenen nicht vorhandenen religiösen Gefühls sehr deutlich spüren – und daraus könnte etwas Positives, Neues entstehen.

Woran glauben Sie? An Gott? An Engel? An die Macht der Vernunft?

Ich glaube an die Notwendigkeit von Religion, und dass ein Mensch ohne eine religiöse Anbindung es schwer haben wird, sein eigenes Leben auf Dauer zu mögen. Ich glaube, dass der Kapitalismus unsere Lebensmüdigkeit nur zudeckt – und dass es ein großes Tabu ist, über unsere Lebensmüdigkeit auch nur ansatzweise zu reden.

Inwiefern wird Lebensmüdigkeit zu sehr tabuisiert?

Konsumwahn und Kauflust und das ständige Denken an unsere eigene Sicherheit machen uns wenig Lust auf das Leben. Denn die Lebenslust braucht doch Werte wie z.B. die Entwicklung und das Erlebnis von Empathie sowie die Arbeit an der Demokratie und die Freude an unterschiedlichen Positionen über das menschliche Zusammenleben. All das interessiert den Kapitalismus und den Konsumismus aber leider gar nicht. Für Kapitalismus und Konsumismus nur wichtig, dass die Geschäfte weiter laufen. Diese Oberflächlichkeit führt zu Lebensüberdruss - aber sie führt nicht dazu, dass die innere Leere unserer Gesellschaft reflektiert wird.

In der Geschichte gab es schon viele Sinnstiftungsvarianten – von Materialismus und Idealismus über Hedonismus bis hin zu Askese und vielen anderen Möglichkeiten der individuellen Lebensführung. Spielt "Unterwerfung" durch, wie sinnstiftend der gemäßigte Islam sein könnte?

Houellebecqs Buch hat etwas Spielerisches. Dem Roman geht es darum, unsere Demokratiemüdigkeit auf‘s Korn zu nehmen und sie zu hinterfragen. Deswegen spielt "Unterwerfung" in einer Art Softdiktatur, für die sich der Islam als Staatsreligion am besten eignet – aufgrund seiner Polygamie und seinen patriarchalen Zügen. Interessanterweise verlangt jede Diktatur von denjenigen, die in den Genuss ihrer Vorteile kommen wollen, dass sie sich zu ihrem ideologischen Über- oder Unterbau bekennen müssen. Und das wird beispielhaft an meiner Figur durchgespielt.

Wie lautet Ihre Meinung über die Kopftuchdebatte? Wird darüber offen genug diskutiert oder haben wir Schranken im Kopf?

Dazu eine Anekdote: Wir haben in Paris, wo es ein Kopftuch- bzw. Burkaverbot gibt, mit mehreren Statistinnen gedreht, die das Kopftuch und die Burka trugen. Diese Frauen liefen also für den Film auf der Place d’Italie herum, als sie ungnädig von bürgerlichen Pariserinnen beschimpft wurden. Das Ausmaß kann man sich kaum vorstellen. Ich habe mit dem Kopftuch überhaupt kein Problem, und ich verstehe nicht, warum man die Kleidung, die man in seinem eigenen Kulturkreis trägt, hier nicht tragen sollte.

Ist das Szenario aus "Unterwerfung" unrealistisch?

Es ist Fiktion – aber die Ängste, die der Roman hervorruft, und die Phobien und Paranoia, die die Integrationswelle hervorgerufen hat, sind real und werden sehr realistisch von Houellebecq beschrieben.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Ich finde diese Frage spalterisch. Ich mag sie nicht. Die Menschen, die an den Islam glauben und sich in diesem Land integrieren wollen, gehören zu Deutschland.

Wie hat Marie Le Pen auf "Unterwerfung" reagiert?

Keine Ahnung! Ich weiß nur, dass es das Lieblingsbuch von Emmanuel Macron ist – weil es die Phobien und Ängste der Bevölkerung so bildlich beschreibt.

Ein Schlüsselsatz in "Die Unterwerfung" lautet: "Wer die Kinder unter Kontrolle hat, hat auch die Zukunft unter Kontrolle." Ihre Meinung darüber?

Dem stimme ich zu. In die Bildungspolitik fließt viel zu wenig Geld. Wir leiden unter Lehrermangel, und wir brauchen kleinere Klassen. Außerdem müsste das zahlenmäßige Verhältnis von Migrantenkindern und einheimischen Kindern so sein, dass deutsche Kinder nicht in ihren Lernmöglichkeiten behindert sind, weil sie Rücksicht nehmen müssen auf Kinder, die gar kein Deutsch sprechen. Wenn die Integration zwischen Migrantenkindern und deutschen Kindern in den Schulen gelingt, dann ist die Integration auch insgesamt im Kasten.

Was halten Sie von politischen "Rechts-Links-Schemata"? Überholt?

Ich möchte mich nicht über die Unterscheidung konservativ beziehungsweise links definieren. Das hängt mit meinem Verhältnis zur Sprache zusammen: Die Begriffe sind einfach zu alt! Wir müssen integrativer denken – und mehr nach vorne. Es geht darum, eine Kultur des Zuhörens zu entwickeln, das finde ich viel wichtiger.

Wie kann eine Kultur des Zuhörens konkret funktionieren? Was muss man darunter verstehen?

Dass man den anderen mehr zuhört. Es betrifft auch die Geschichten der Immigranten, die sie erlebt haben, bevor sie zu uns gekommen sind. Denn das sind spannende Überlebensgeschichten bzw. Überlebensbiographien, die vielen von uns auch wieder einen Sinn im eigenen Leben geben würden.

Interview: Mike Powelz