TV-Event der Woche: "Zeit des Aufbruchs"

Die Schicksale von Flüchtlingen in Frankreich werden in diesem Spielfilm sehr ehrlich, direkt und ohne Moralkeule dargestellt.

In "Zeit des Aufbruchs" (25. Mai, 20.15 Uhr, Arte) durchkreuzen sich die Wege von mehreren Flüchtlingen.

Darum geht's in "Zeit des Aufbruchs"

Skrupellos nutzt die Übersetzerin Sira (Claudia Tagbo) die Hilflosigkeit von Flüchtlingen aus. Beim Amt für Migration in Paris lässt sie sich von ihnen teuer schwarzbezahlen: 250 Euro für einen Antrag und 500 Euro für eine glaubhafte Geschichte. "Ich bin teuer, aber ich gewinne", so Sira. Ihr Geschäft boomt, schließlich spricht sie sechs Sprachen.

Als die 8-jährige Assa (Hadja Traore) mit ihrem Vater vor der Tür steht, aber kein Geld hat, lässt Sira sie knallhart abblitzen. Dabei sind die beiden vor Assas drohenden Beschneidung aus Mali geflohen.

Wenig später taucht das Mädchen alleine bei Sira auf. Ihr Vater wurde verhaftet. Widerwillig lässt sich die Übersetzerin auf Assa ein und öffnet sich ihr. Auch Sira ist als Kind nach Frankreich geflohen. Zudem beantragt der Literaturprofessor Abdul (Amer Alwan), dessen Familie im Irak von IS-Kämpfern ermordet worde, Asyl. Doch sein Antrag wird aus Mangel an Glaubhaftigkeit abgelehnt. Kann Sira ihm helfen?

Hintergrund

Regisseurin Virginie Sauveur hat bereits für ihren ersten Langfilm "Unter uns" (2003) wichtige Preise, unter anderem auf dem Festival von Saint-Jean-de-Luz, erhalten. Ihr Film "Zeit des Aufbruchs" erhielt dieses Jahr den FIPA-Publikumspreis in Biarritz und wurde auf dem Fernsehfestival von Luchon als bester Spielfilm ausgezeichnet. Auch das Drehbuch von Gaëlle Bellan und die Musik von Nathaniel Méchaly wurden in Luchon prämiert.

GOKA-Kritik

Dieser Film geht tief unter die Haut! Die Verzweiflung, die Traumatisierung und die Hilflosigkeit von Flüchtlingen, wie sie hier schonungslos den Behörden ausgeliefert sind, wird gradlinig und sehr glaubwürdig erzählt. Dabei verzichten die Filmemacher zum Glück komplett auf sentimentale Moralkeulen, sondern bleiben sachlich. Trotzdem erschüttert die Macht der Bürokratie und das Aufeinanderstoßen von Schicksalen.

Großartig gespielt und getragen wird der Film von Claudia Tagbo (derzeit mit "Wohne lieber ungewöhnlich" in Deutschland im Kino). In dem einen Moment scheint sie weich zu werden und erzählt von ihrer angekündigten Beschneidung und im nächsten Moment sagt sie wieder knallhart zu einer Achtjährigen: "Hab kein Mitleid mir irgendjemandem. Niemals!" Insgesamt ein komplexer aber wunderschöner Appell an die Menschlichkeit und Nächstenliebe.