Die Naturtalente unter den Schauspielstars

Wer als Schauspieler Erfolg haben will, sollte das Handwerk von der Pike auf gelernt haben? Wir präsentieren 30 deutsche TV- und Leinwandhelden, die aktuell beweisen, dass es auch ohne den klassischen Ausbildungsweg über die Theaterbühne geht.

"Zu mir hat man früher immer gesagt: Du bist kein Schauspieler, Du bist Selbstdarsteller, weil ich als Autodidakt angefangen habe. Das kann man gern noch heute von mir behaupten. Ich sage das gern selbst und denke mir: Leckt mich doch, Ihr Arschbuletten!"

Wer hier so vollmundig zur Frage "Muss man eine Schauspielschule besucht haben, um ein richtiger Schauspieler zu sein?" Stellung bezieht, ist mit Jürgen Vogel einer der beliebtesten und damit gefragtesten Mimen der deutschen Film- und Fernsehbranche.

Der Erfolg gibt dem 50-Jährigen recht, der bei seinem Durchbruch in "Kleine Haie" (1992) zwar einen Schauspielschüler gespielt, selber aber nach nur einem Tag die Schauspielschule in München wieder geschmissen hat: "Man kann es handwerklich angehen oder eben nicht. Aber das war keine Ausbildung für das, was ich gern machen will – das glaube ich nach wie vor." Und mit dieser Einschätzung ist der Gewinner der GOLDENEN KAMERA 2003 nicht alleine.

Theater? Nein danke!

Außer Jürgen Vogel haben noch David Kross, Josefine Preuß und sogar die Schauspieler-Sprösslinge Hannah Herzsprung und Matthias Schweighöfer das Studium an ihren jeweiligen Schauspielschulen abgebrochen. Andere wie Jungstar Jannis Niewöhner wurden an der Berliner Kaderschmiede "Ernst Busch" abgelehnt, sehen diesen vermeintlichen Rückschlag aber rückblickend positiv: "Ich fühle mich wohl beim Film."

"Fack ju Göhte"-Megastar Elyas M'Barek, der zufällig zur Schauspielerei kam, weil er seinen Bruder zu einem Casting begleitete und selber die Rolle bekam, hält ebenfalls einen handwerklichen Start in den Schauspielberuf für nicht zwingend: "Ich glaube, wenn man zum Theater will, sollte man auf jeden Fall eine klassische Ausbildung machen. Für den Film ist das nicht unbedingt notwendig. Ich mache viel aus dem Bauch heraus und lasse mich sehr von meiner Intuition leiten. Das könnte mir wohl eh keine Schauspielschule beibringen."

Eine Frage der Generation

Elyas M'Bareks moderne Einstellung gegenüber dem Schauspielberuf deckt sich mit der Beobachtung, dass unter den 30 zusammengetragenen Schauspielstars ohne klassische Ausbildung (siehe Bildergalerie oben) nur Iris Berben und "Stubbe"-Ikone Wolfgang Stumph weit über 50 Jahre alt sind. Ein deutliches Indiz dafür, dass es noch bis tief in die 1980er Jahre hinein verpönt war, nur Film- oder Fernsehschauspieler zu sein.

Angesichts von rund 1000 Interessenten, die sich beispielsweise an der renommierten Hochschule "Ernst Busch" pro Studienjahr auf 23 freie Plätze bewerben, bleibt Schauspielhoffnungen heutzutage auch oft nichts anderes übrig als noch im Schüleralter erste Rollen zu ergattern und fortan wie der zweifache Gewinner des Deutschen Filmpreises Frederick Lau auf die eigenen Instinkte zu vertrauen: "Ich bin ein Bauchschauspieler und kann wirklich nicht erklären, wie ich das mache."

Das GOKA-Auge für Naturtalente

Auch an den Gewinnerinnen und Gewinnern des GOLDENE KAMERA-Nachwuchspreises lässt sich gut ablesen, dass Deutschland über ein riesiges Reservoir naturtalentierter Charakterdarsteller verfügt. Die Liste reicht vom heutigen Branchenschwergewicht Matthias Schweighöfer (2003), über "Solo für Weiss"-Kommissarin Anna Maria Mühe (2006), "Deutschland 83"-Mime Ludwig Trepte (2008), "Babylon Berlin"-Heldin Liv Lisa Fries (2012), die "Ku'damm"-Grazien Emilia Schüle (2014) und Maria Ehrich (2015) bis hin zum frisch gekürten "Dark"-Überflieger Louis Hofmann.

Matthias "Professor T" Matschke, der selber an der Otto-Falckenberg-Schule abgelehnt worden war, sich seine schauspielerischen Sporen allerdings beim Schauspiel Frankfurt und an der Volksbühne Berlin erworben hat, bringt auf den Punkt, worauf es wirklich ankommt: "Es gibt Naturtalente, die im besten Sinne Performer sind. Jede Schauspielerei ist im Kern eine Performance. Mit Handwerkskunst allein wird man nie den Zauber erreichen, nach dem wir alle streben."