Ist Til Schweiger noch zu retten?

Ein Sendeplatz im Sommerloch: Der Star ist stinksauer über die Terminierung seines Kino-"Tatorts". Zu Recht?

"Fuck!" Mit diesem Schimpfwort begann Til Schweigers "Tatort"-Einstand im Jahr 2013. Sensationelle 12,57 Millionen Zuschauer verfolgten "Willkommen in Hamburg", wohl auch, weil jeder wissen wollte, ob Til "der neue Schimmi" wird. Und tatsächlich waren die Parallelen eindeutig: Schweiger fluchte wie einst Götz George, lieferte reichlich Action und erklärte GOLDENE KAMERA stolz: "Eigentlich müssen sich alle freuen, weil wir – wie Götz – etwas Besonderes auf die Beine gestellt haben." Leider ließ die Freude rasch nach. Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt – beim Publikum wie auch bei den "Tatort"-Verantwortlichen.

Der Kinotrailer zu "Tschiller: Off Duty"

"Tatort: Tschiller – Off Duty" endlich im TV

Fünf Jahre nach dem Debüt ärgern sich Schweiger und der NDR über einen Quoteneinbruch (die erste Doppelfolge "Der große Schmerz" sahen noch 8,24 Millionen Zuschauer, den Abschluss "Tatort: Fegefeuer" schalteten nur noch 7,69 Millionen Zuschauer ein), noch mehr aber über bescheidene 275.000 verkaufte Tickets für den teuren Kino-"Tatort: Tschiller – Off Duty". Jetzt feiert der Actionfilm endlich seine TV-Premiere (Sonntag, 8. Juli, 20.15 Uhr, Das Erste) und könnte der Popularität von Schweigers Nick Tschiller wieder Auftrieb geben.

Doch wenn man dem Star selbst glaubt, stehen die Sterne erneut schlecht: Schweiger ist sauer über den vermeintlich miesen Sendeplatz – mitten im Fernsehsommerloch rechnet er mit nur drei bis vier Millionen Zuschauern. Außerdem deutet er große Unstimmigkeiten in seinem Verhältnis zum NDR an.

James Bond mit deutschem Akzent

Die ARD sieht das allerdings anders. Ihr Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber erklärt im Gespräch mit GOLDENE KAMERA: "Es gibt schon seit Jahren die Forderung, auch im Sommer Erstausstrahlungen von 'Tatorten' zu zeigen. Das machen wir jetzt in einer Zeit, in der viele Menschen Lust haben, gemeinsam fernzusehen, nämlich zwischen den Viertelfinalen, Halbfinalen und dem Finale der Fußballweltmeisterschaft. Aus unserer Sicht kann das für attraktive Filmpremieren eine sehr interessante Zeit sein." Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Thomas Schreiber!

Darum geht's in "Tschiller – Off Duty"

Gefährdet die Verstimmung zwischen Til Schweiger (GOLDENE KAMERA 1998) und der ARD möglicherweise den Dreh der drei weiteren "Tatort"-Folgen, die bereits vertraglich festgelegt wurden? Wirft Schweiger gar hin, wenn sein Krimi doch im Sommerloch einbricht? Letzteres wäre überaus schade. Denn "Tschiller – Off Duty" ist, auch wenn er im Kino durchfiel, ein ansehnlicher Actionkrimi. Die Story, kurzgefasst: Tschillers Tochter Lenny (Luna Schweiger) wird entführt. Um sie zu retten, ist Nick auf Kumpel Yalcin (Fahri Yardım) angewiesen, den er zuvor allerdings selbst aus einer höchst misslichen Lage befreien muss. Eine atemberaubende Jagd führt nach Istanbul und weiter nach Moskau, in deren Verlauf Tschiller unter anderem einen Mähdrescher auf dem Roten Platz parkt.

Aber wollen "Tatort"-Fans so viel Action sehen? Auf der Suche nach Gründen für den Zuschauerschwund gibt sich Thomas Schreiber gegenüber GOLDENE KAMERA selbstkritisch: "Meine bisherige Bilanz fällt durchwachsen aus. Wir haben uns sicherlich mehr erhofft nach dem guten Auftakt. Filmisch gab es sehr schöne Sachen, aber wir waren schlicht und einfach zu actionbetont für den Sendeplatz." Trotzdem, so der ARD-Unterhaltungskoordinator, seien Schweigers Einsätze gut für den "Tatort". "Seit der Bekanntgabe, dass Til für den 'Tatort' vor der Kamera steht, ist viel passiert. Früher gab es Schauspieler, die keinen 'Tatort' spielen wollten. Inzwischen ist da viel Dynamik reingekommen."

Wie soll es mit Til Schweiger konkret weitergehen?

Christian Granderath, Leiter der Abteilung Fernsehfilm im NDR, erklärt GOLDENE KAMERA: "Momentan wird an Schweigers nächster 'Tatort'-Folge gearbeitet, in veränderter Konstellation." So wechsle man etwa die Produktionsfirma: "Künftig soll 'Filmpool Fiction' produzieren, die schon sehr erfolgreich unseren Rostocker 'Polizeiruf 110' mitkonzipiert haben." Zudem würden Regie und Autor ausgetauscht. (Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Christian Granderath!) "Das Drehbuch kommt nicht mehr von Christoph Darnstädt, sondern von Anika Wangard und Eoin Moore", verrät Thomas Schreiber. "Letzterer übernimmt auch die Regie."

Einzig bei der Frage, ob Schweiger-"Tatorte" weiterhin so stark auf Action setzen, hält sich der ARD-Mann noch bedeckt: "Wir wollen aus den Erfahrungen der vergangenen fünf Filme lernen." Til Schweiger hatte 2016 in TV DIGITAL ebenfalls eine Entwicklung angemahnt: "Uns ist klar, dass wir den Kino-'Tatort' an Action nicht mehr toppen können. Wir müssen genau überlegen, wie es mit Nick weitergeht." Die aktuelle Missstimmung zwischen Star und Sender aber macht gemeinsame Überlegungen ganz sicher nicht einfacher.