Max Giermann: "Lachen ist die schönste Belohnung"

Ob Kinski oder Stefan Raab: Max Giermann parodiert einfach jeden. Für eine neue Kinder-Quizshow wird der Star jetzt zu Albert Einstein.

Brigitte Nielsen und Yoko Ono, Jorge Gonzalez und Markus Lanz: Dieser Mann hatte sie alle! Zumindest ihre Gesichter, wie auch die vieler anderer Promis aus Politik und Entertainment. Max Giermann hat sie parodiert und dabei in aller Regel gepflegt auf die Schippe genommen. Zum Star wurde der 42-Jährige durch "Switch reloaded", jetzt bekommt er eine neue Fernsehshow. Allerdings wird das kein Comedy-Format, in "Einstein Junior" (21. Juli, 20.15 Uhr, RTL) sucht Giermann in vorerst vier Folgen Deutschlands cleverste Kinder.

GOLDENE KAMERA verriet er vorab, worum es geht – und wer ihn überhaupt nicht lustig findet.

Interview mit Max Giermann

Für Ihre neue RTL-Show verwandeln Sie sich in Einstein. Warum?

Weil Albert Einstein der Namensgeber meiner neuen RTL-Quizshow "Einstein Junior" ist. Um dieses Format aufzulockern, habe ich außerdem Einspieler mit einigen meiner bekanntesten Figuren gedreht – darunter Jorge Gonzalez, Donald Trump, Markus Lanz, Jogi Löw und Karl Lagerfeld.

Wie lauten die Spielregeln in "Einstein Junior"?

Es gibt verschiedene Challenges, in denen acht- bis 13-jährige Kinder gegeneinander antreten – zum Beispiel beim Kopfrechnen oder Memorieren. Bei Letzterem müssen sich die Kids Dinge wie Zug- oder Flugverbindungen merken. Außerdem gibt’s noch ein komplettes Kartendeck, das sich die Kinder in der richtigen Reihenfolge einprägen, um es anschließend aus dem Gedächtnis aufzusagen – sowie obendrein allgemeine Fragen und Rückwärtsbuchstabieren. In unserer Show kämpfen die kleinen "Einstein Juniors" in Dreierteams um 60.000 Euro Siegesprämie.

Doch womit haben Sie die Kids total beeindruckt?

Damit, dass sie wirklich aufgeweckt waren. Ich habe sofort gemerkt, dass wir sehr aktive und neugierige Kinder haben, die vor Energie und Wissbegierde nur so übersprudeln. Zwar sind sie alle total hellwach, aber keinesfalls kleine Nerds. Wir lockern das Stigma, mit dem das Thema der Hochbegabung behaftet ist, auf. Stattdessen zeigen wir, dass es viele ganz normale hochbegabte Kinder gibt, die keinesfalls Stubenhocker sind.

Wie gut sind Sie selbst in den ganzen Wissensdisziplinen?

Unterschiedlich gut. Zahlenmäßig bin ich aus der Übung, und greife sofort zum Handy, wenn ich im Supermarkt ausrechnen will, ob mein Bargeld reicht. Das intelligenteste Kind in unserer Show hat einen IQ von 155 – und ist somit hochbegabt. Mir war schon im Vorfeld klar, dass ich da nicht mithalten kann.

Wie hoch ist Ihr IQ?

Keine Ahnung. Wenn ich die Möglichkeit hätte ihn testen zu lassen, würde ich ihn nicht wissen wollen. Ich bilde mir lieber ein, dass er ganz in Ordnung ist, als dass ich es schwarz auf weiß sehe.

Wie lange dauert Ihre Verwandlung in Einstein?

Circa vier Stunden. Ich hatte selten Masken, die mich komplett verbergen, aber bei Einstein ist – außer an meinen Ohren – nicht einmal mehr ein Quadratzentimeter meiner eigenen Haut sichtbar. Übrigens habe ich mir immer gewünscht, mal einen alten Mann zu spielen. Meine Einstein-Parodie ist etwas freier als bei meinen anderen Rollen, weil es nicht viel Videomaterial vom Original gibt und die Leute nicht wissen, wie Einstein konkret gesprochen hat.

Und was war die aufwendigste Verwandlung in Ihrer Karriere?

Ebenfalls Einstein – wegen der Prosthetics in meinem Gesicht. Und danach kommt direkt Gollum, den ich mal in "Switch" gespielt habe.

Wie lautet die geheime Max-Giermann-Formel? Wie nähern Sie sich einer Figur an?

Meine Formel ist nicht so spektakulär wie die Relativitätstheorie: Die Hauptarbeit ist meine Annährung an die Originalstimme, weil ich eine Ähnlichkeit kreieren und möglichst nahe an den zu Parodierenden "herankommen" muss. Mit der Stimmarbeit beginne ich deshalb bereits viele Wochen im Voraus: Dann schreite ich mit meinem Diktiergerät durch die Wohnung und übe Originalpassagen, indem ich sie immer wieder nachspreche. Das ist relativ stupide, muss aber gemacht werden. Der Rest – also die Körperlichkeit und die Mimik – passieren erst ganz zum Schluss, wenn ich bereits die Maske trage und mich im Spiegel sehe. Circa zehn Minuten vor dem Auftritt checke ich, wie ich mein Gesicht bewegen, die Augen zusammenkneifen oder den Mund formen muss, damit ich dem Original nahe komme. Und meine Sprechtexte habe ich mir natürlich schon im Vorfeld mundgerecht geschrieben.

Parodieren Sie lieber Tote oder Lebendige?

Ich versuche generell, meinen Figuren Leben einzuhauchen, aber eine Parodie macht mehr Freunde, wenn das Original noch lebt – weil man dann größere Relevanz hat. Bei "Extra 3" parodiere ich beispielsweise Politiker, die gerade an der Macht sind. Diese Darstellungen sind auch eine Art von Kritik und Auseinandersetzung mit der öffentlichen Person – und insofern relevant.

Finden Sie es gut, wenn Sie Feedback von den Parodierten bekommen?

Nein. Ich suche keinen Kontakt zu denjenigen, die ich parodiere, und bin auch immer vorsichtig, wenn es darum geht, einen Schulterschluss zu machen. Manche Parodierte laden einen beispielsweise gern in Ihre Shows ein, weil sie zusammen auftreten und sich so schmücken und damit zeigen wollen, dass sie "total viel Spaß verstehen" und über sich selbst lachen können. Ich finde das manchmal schwierig, denn natürlich beinhalten Parodien immer auch eine versteckte Kritik. Insofern vermeide ich es, mich zu sehr auf eine Seite zu schlagen.

Heißt das, Sie wollen sich nicht vereinnahmen lassen?

Genau. Manchmal ist es mir auch unangenehm. Beispielsweise kenne ich Ingo Nommsen gut und mag ihn privat sehr – aber wenn wir uns treffen, empfinde ich das als peinlich, weil ich ihn bei "Switch" ganz schön strapaziert habe. Wahrscheinlich geht es den Parodierten genauso. Sie sehen mich auch nicht neutral. Beschwert hat sich nur selten jemand, aber ich habe gehört, dass Reinhold Beckmann seine Parodie nicht so gut fand, wobei ich sehr zufrieden mit ihr war. Beckmanns Reaktion ist für mich eher ein Zeichen, dass ich ihn richtig parodiert habe.

Wird im deutschen Fernsehen genug gelacht?

Es könnte mehr humoristischen Content geben, aber die Deutschen waren noch nie eine Unterhaltungsnation. Ich finde, dass die Krimilastigkeit der letzten Jahre anstrengend und eintönig geworden ist. In Bezug auf Humorfarben gibt’s mal eine Improvisationswelle, dann eine Parodiewelle und dann wieder etwas völlig Neues. Doch die Sender trauen sich nicht, etwas Neues auszuprobieren – und wenn, dann wird gleich wieder die Handbremse so stark angezogen, dass es nicht funktionieren kann. Dabei sieht man an Beispielen wie "Jerks", dass etwas Tolles entsteht, wenn man Machern mehr Freiheit lässt.

Wer ist Ihr humoristisches Vorbild?

Ich mag zum Beispiel Jerry Seinfeld, Physical Comedy sowie Slapstick und Stummfilmkomiker. Die Stummfilmzeit wäre meine Lieblingszeit, um Filme zu machen. Diese ausgestellte, überzogene, clowneske Spielweise macht mir unglaublich viel Spaß, schliesslich habe ich acht Jahre lang hauptberuflich als Clown gearbeitet. Aber letztlich wäre wohl Jim Carrey am ehesten mein Vorbild. Manche Leute haben mich den "deutschen Jim Carrey" genannt, was natürlich total absurd ist. Ich würde mir diesen Schuh niemals anziehen. Aber es ist eine große Ehre, weil ich ihn bewundere und für unglaublich begabt halte.

Denkbar, dass Sie mal eine Frau parodieren?

Eher schwierig. Ich habe mal bei "Sketch History" Yoko Ono gespielt, aber dabei wussten alle, dass das eine Trash-Nummer wird – schließlich bin ich 1,85 Meter groß und habe breite Schultern. Das einzige Mal, wo es bei "Switch" gut funktioniert hat, war Brigitte Nielsen, weil sie meine Statur hat.

Eine Ihrer aktuellen Paraderollen ist Klaus Kinski. Steckt in Ihnen auch ein Quentchen Diva oder sind Sie unkompliziert?

Ich habe keine hohen Ansprüche in dem Sinne, dass ich eine bestimmte Cola-Sorte im Kühlschrank meiner Garderobe haben muss – aber ich will, dass bei meiner Arbeit möglichst alles stimmt. Ich bin ein absoluter Perfektionist und ich glaube, dass ich den Leute damit ziemlich auf die Nerven gehe, weil ich mich oft einmische. Teilweise will ich einen anderen Ehering tragen, weil er aus Gold statt aus Silber sein muss. Und wenn ein Kostümbildner dann meint, dass das doch egal sei, weil man den Ring eh nicht sähe, insistiere ich trotzdem, weil alles stimmen muss. Bei Accessoires, und selbst bei Schuhen, die man später nicht im Bild sieht, bin ich ziemlich pingelig – aber niemals grundlos. Denn solche Dinge sind total wichtig, damit ich meine Arbeit richtig machen kann.

Ist die Rückkehr von "Switch" denkbar?

Ich könnte mir jederzeit vorstellen, dass das Telefon klingelt und es heißt: "Wir wollen Switch wieder neu auflegen." Andererseits geben ProSieben und Sat.1 diesbezüglich keine Signale. Anfangs hieß es noch, dass man darüber nachdenken könne, hin und wieder ein Special zu bestimmten Themen wie der Weltmeisterschaft zu machen – doch diesbezüglich bewegt sich nicht viel. Möglicherweise ist "Switch" mittlerweile zu aufwendig und teuer für eine Unterhaltungssendung, denn die Masken müssen oftmals in mehrfacher Ausführung gebaut werden – und das kann schon mal fünfstellig kosten.

Ihre Meinung über‘s Lachen: Ist Humor wirklich heilsam?

Auf jeden Fall. Wen man unter Druck ist, und dann etwas Komisches passiert, ist ein Lachen total befreiend. Das zeigt, wie wichtig Lachen ist. Kinder lachen täglich 400-mal, Erwachsene nur 15-mal. Und außerdem ist Lachen ansteckend. Insofern bin ich total froh, dass ich einen Beruf habe, mit dem ich den Durchschnittswert aufbessern kann.

Sie sind – wie bereits kurz angesprochen – ausgebildeter Clown. Haben Sie auch eine düstere Seite?

Viele Komiker haben eine düstere Seite, weil unser Job total schwer ist. Ich lese gerade die Biografie von Steve Martin, und merke mal wieder, dass der Job hart verdientes Brot ist. Denn wenn man auf der Bühne steht, und seine Gags ausprobiert und niemand lacht, ist das ein ganz schlimmes Gefühl. Für uns Komiker ist das Schaffen nicht nur ein Zuckerschlecken, sondern ein schwerer, steiniger Weg. Ich bin ein ernsthafter Mensch, und war nie ein Klassenkasper oder einer, der auf Partys Witze erzählt. Vielleicht bin ich sogar derjenige, dem man am wenigsten zutrauen würde, dass er als Komiker arbeitet.

Heißt das, Sie haben auch Abgründe?

Natürlich, und auch tiefe Seiten, die in meiner Arbeit immer wieder stark durchkommen – weil es eben ein Kampf ist. Für mich sind meine Figuren immer auch eine Qual. Ich reibe mich oft an ihnen und verzweifle häufig am Gefühl, es nicht zu schaffen. Das gehört aber dazu. Denn Arbeit macht mir keinen Spaß, wenn sie nur Spaß bringt. Ich brauche Auseinandersetzung, Reibung und Konflikt, sonst habe ich nicht das kathartische Gefühl, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Der Applaus ist die Belohnung für die Arbeit, die man davor geleistet hat.

Lässt sich das auf den Begriff der "Künstlerseele" herunterbrechen? Also, dass es erstmal einen "Tornado in der Seele" geben muss, bevor die glatte, perfekte Bühnen-Performance entsteht?

Bei mir ist das definitiv so. Ich weiß von großen Komikern wie Eddie Izzard, dass er vor seinem Programm in seiner Garderobe vor seinem Ablauf sitzt und denkt: "Nichts von dem, was ich da mache, ist auch nur ansatzweise komisch. Ich gehe jetzt da raus, werde sterben und danach nie wieder irgendwo auftreten dürfen." Dieses Gefühl kennen viele Kollegen – inklusive mir selbst. Für mich ist es ein unglaublich spannender, nervenaufreibender, zermürbender Prozess, mir eine Figur zu kreieren. Umso schöner ist es am Ende, wenn alles zusammenkommt und funktioniert und die Zuschauer lachen. Das ist die schönste Form der Belohnung.

Werden Sie morgens mit einem Grinsen wach?

Nein. Zwar bin ich kein Morgenmuffel, aber die Morgenstunden sind mir trotzdem nicht die liebsten des Tages, und ich bin erst ab zehn Uhr früh zu gebrauchen. Meine 15 bis 20 Lacher ereignen sich zwischen vormittags und nachts – wobei es beim Dreh von "Einstein Junior" deutlich mehr waren. Denn einmal hat mich dabei ein Kind angesprochen und mir gesagt, dass es mich gegoogelt habe, und ich im Internet immer so gequält aussähe. Das war entwaffnend und total direkt. Und richtig lustig!