Dunja Hayali: "Raus aus der Komfortzone!"

Dunja Hayali über ihre neue monatliche Talkshow, Interviewtricks sowie Fluch und Segen des Internets.

Sich auf Erfolgen ausruhen? Nicht Dunja Hayali! Die engagierte Moderatorin, seit 2016 GOLDENE KAMERA-Preisträgerin und für ihren Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit jüngst mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt, gibt im ZDF nun richtig Gas: Immer mittwochs, ab dem 18. Juli um 22.45 Uhr, startet sie ihre monatliche Talkshow und ab August wird sie Moderatorin im "Sportstudio", steckt dafür aber ein wenig im "Morgenmagazin" zurück. GOLDENE KAMERA sprach mit der 44-Jährigen über die neuen Herausforderungen.

Interview mit Dunja Hayali

Nach drei erfolgreichen Talkstaffeln im Sommer senden Sie jetzt einmal monatlich. Was wird neu?

Das Sendekonzept bleibt: eine Mischung aus Talk und Filmen. Ich gehe raus aus der Komfortzone, rein ins Leben und wir bringen Bürger und Entscheider in wechselnden Talkrunden zusammen. Da die Sendezeiten aber variabel sind – mal 45 Minuten, mal 60 - gibt es keine drei unterschiedliche Themen mehr, sondern in der Regel ein Oberthema, das in zwei bis drei Aspekte unterteilt wird.

Bitte ein Beispiel …

2017 haben wir die neue Aufteilung in meiner letzten Sendung getestet. Damals lautete das Thema: "Flüchtlinge". Zuerst haben wir die europäische Perspektive beleuchtet, anschließend die deutsche. Und zum Schluss gab es ein Gespräch mit einem Vertreter der Flüchtlingshilfe sowie jemandem, der eher schlechte Erfahrungen gemacht hat. Neben solchen Bausteinen gibt’s auch künftig wieder Reportagen. "dunja hayali" steht für Kontroversen und das Aufzeigen von gegenseitigen Positionen – ohne Geschrei und Polemik.

Wie lange im Voraus arbeiten Sie an einer Sendung?

Einerseits überlegen wir uns jetzt schon Themen für die erste Juli-Sendung, aber andererseits wollen wir möglichst aktuell sein. Im Extremfall kann das heißen, dass wir am Tag vor der Sendung alles auf den Kopf stellen. Ein Beispiel: "dunja hayali" läuft am 3. Oktober. Angesichts des "Tags der Deutschen Einheit" liegen viele Fragen auf der Hand – etwa: Was hält uns zusammen, was trennt uns – und warum gibt’s einen Riss in der Gesellschaft und wie kitten wir diesen? Doch wenn sich am 1. oder 2. Oktober etwas Gravierendes ereignen sollte, würden wir die geplante Sendung wieder umwerfen.

Was wird Ihr Einstandsthema sein?

Momentan liegt es fast auf der Hand, etwas zum Thema Asyl und Integration zu machen – besonders der letzte Punkt kommt medial zu kurz. Meine persönlichen Lieblings- bzw. Sorgenkinder sind die Themen Pflege und Bildung, aber auch Kinder- und Altersarmut. Ich möchte nicht permanent über das Thema "Flüchtlinge" reden. Nicht, weil ich nicht alle Chancen und Gefahren ansprechen möchte, sondern weil es schlicht viele andere Themen gibt, die ebenfalls sehr wichtig sind.

Wie wichtig ist die Einschaltquote?

Mir ist wichtig, dass Menschen zu Zuschauern werden. Die "Quote" ist eine Art dieses Interesse zu messen und damit ein Arbeitsmittel. Ich weigere mich aber, den Wahnsinn darum mitzumachen und die Quote als einziges Bewertungsmittel für Erfolg oder Misserfolg zu sehen.

Sie laufen in Konkurrenz zu Stern TV …

Und zu Sandra Maischberger! Steffen Hallaschka, Sandra Maischberger und ich haben untereinander einen kollegialen Umgang. Aber natürlich will jeder von uns die beste Sendung abliefern. Ganz ehrlich? Mein Sendeplatz ist eine Herausforderung – und wir hätten uns alle gewünscht, nicht gegeneinander antreten zu müssen. Weil es aber schwer genug ist, überhaupt einen Sendeplatz zu finden – gehe ich mit Freude auf den Mittwochabend. Nicht nur das Leben ist kein Ponyhof.

Sie gelten als Jungbrunnen des ZDF – und bescheren dem "Plus-60-Sender" viele jüngere Zuschauer.

Ich mache mein Programm für Jung und Alt, denn für mich sind die jüngeren Zuschauer nicht die besseren, sondern gleichwertig. Wichtig ist doch, möglichst viele Menschen zu erreichen, zu informieren, zu unterhalten und sie auf neue Gedanken, neue Perspektiven und Erkenntnisse zu bringen. Dieser Dreierschritt ist mir wichtig.

Ihr Wunsch-Interviewpartner?

Aus politischer Perspektive wären Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan hoch spannende Gesprächspartner. Aber bald geht ein anderer Wunsch in Erfüllung: Ich darf eine Veranstaltung moderieren, und den Dalai Lama interviewen. Den Zugang zu solchen Lichtgestalten zu bekommen, ist schon etwas Besonderes. Bei dieser Gelegenheit will ich nicht nur über Glaube und Liebe reden, sondern auch über die Rohingyas – also über die laut den Vereinten Nationen am stärksten verfolgte Minderheit der Welt. Wie kann es sein, dass buddhistische Mönche ihnen gegenüber so brutal sind – schließlich passt das nicht zu ihrer Lebenseinstellung?

Welcher Glaubensrichtung gehören Sie an?

Ich finde den Buddhismus als Lebensphilosophie spannend und interessant, obwohl ich die Idee des Karmas schon auch hinterfrage. Auch allein deshalb, weil ich eigentlich nicht an Wiedergeburt glaube. Aber mit den buddhistischen "Weisheiten" kann ich ziemlich viel anfangen. Auch dank buddhistischen Freunden und einem Mönch wie Ajahn Brahm. Sie geben auf fast alle existenziellen Fragen eine Antwort. Mir jedenfalls. Meine Grundwerte schöpfen sich allerdings aus dem Grundgesetz und den zehn Geboten. Viel mehr braucht man als Anleitung für das Zusammenleben nicht. Letztlich picke ich mir aus allen Religionen das für mich Beste heraus und schustere mir meine eigene zusammen.

Apropos picken: Manchmal entstehen Ihre Geschichten, indem Sie kleine Alltagsbegebenheiten herauspicken und sie anschließend aus der Vogelperspektive beleuchten. Moderner Journalismus?

Die sozialen Netzwerke sind Teil unserer Welt. Analog und digital gehen Hand in Hand. Mit doppelter Kraft und Wirkung. Richtig bewusst geworden ist mir das, als diese Geschichte hohe Wellen geschlagen hat. Reichweite und Aufmerksamkeit waren enorm. Vielleicht weil ich ich bin. Aber nur weil ich ich bin, darf ich mich doch trotzdem, wie jeder andere auch, beschweren. Viel wichtiger ist mir sowieso, dass sich daraus eine Debatte entwickelt. Nehmen Sie den Fall des Facebookpöblers Emre. Er beschimpfte mich, ich spiegelte seine Worte. Facebook sperrte mich, weil sie nach Schema F vorgegangen sind. Dadurch wurde eine Facebook-Debatte losgetreten. Das fand ich gut, weil es mir immer um die Sache und die Zustände geht – und nicht um den Einzelnen.

Ihre Haltung gegenüber Social Media und Internet – Fluch oder Segen?

Das Internet, mit all seinen Baukastenteilen, ist Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil jeder glaubt, alles in die Welt posaunen zu müssen – egal, ob es wahr ist, egal, wie brutal es ist, egal, welche Konsequenzen es hat. Es gibt keinen Filter, keine Zensur, keine Grenzen. Das "grenzenlose" wiederum ist gut, denn so gibt es einen barrierefreien Zugang zu Informationen. Doch man muss sie als User einordnen können. Daher wäre es elementar wichtig, wenn wir das Unterrichtsfach "Medien, Mediennutzung, Medienerziehung" in den Schulen etablieren würden – damit Kinder und Jugendliche lernen, wie sie damit umgehen sollen und wie Datenschutz funktioniert.

Ab August sind Sie auch neue Sportmoderatorin beim "Aktuellen Sportstudio" …

Genau. Ich hätte nicht gedacht, dass sich mein Kindheitstraum noch erfüllt. Und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den anderen drei Moderationskollegen, von denen ich hoffentlich den einen oder anderen guten Tipp bekomme.

Aber wie werden Sie den meist wortkargen Sportlern mehr als zwei Worte entlocken?

Sportinterviews sind eine richtige Herausforderung – schließlich will man nicht bloß Ergebnisse, Aufstellung, Spielsystem, Erfolgsgeheimnis oder den Grund für einen Sieg oder eine Niederlage abfragen. Ich würde gern hinter die Kulissen schauen. Das geht aber nur, wenn sich mein Gegenüber auch drauf einlässt.

Ihr Interview-Trick?

Zuhören. Außerdem ist die erste Frage, die einem in den Kopf kommt, meistens die beste – also jene schlichten Fragen, die der Zuschauer wahrscheinlich ebenfalls stellen würde. Diese Fragen liegen fast immer auf der Hand, aber wir Journalisten ignorieren sie häufig, weil sie uns zu naiv vorkommen.

Ihr ehemaliger ZDF-Kollege Steffen Seibert ist Regierungssprecher geworden. Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann in die Politik zu gehen?

Nein. Ich stelle einfach zu gerne Fragen und lege den Finger lieber in die Wunden. Zudem bin ich, was Parteien anbelangt, einfach leidenschaftslos.

Frank Plasberg lädt Alexander Gauland nicht mehr in seine Talkshow ein. Kann man mit AfD-Politikern noch normal reden?

Die AfD ist eine demokratisch gewählte Partei, und wir Journalisten müssen uns mit ihr, wie mit jeder anderen Partei, auseinandersetzen. Aber ich möchte nicht bloß über Flüchtlinge mit der AfD reden, sondern auch über ihre Konzepte zu Rente, Bildung, Bundeswehr, Klimaschutz, Pflege und Mindestlohn. Grundsätzlich gilt: Politiker sind nicht dazu da, zur Spaltung der Gesellschaft beizutragen, sondern Lösungen aufzuzeigen.

Viele AfD-Wähler gelten als "besorgt" …

Ich wehre mich dagegen, diese Menschen undifferenziert "besorgte Bürger" zu nennen. Ich bin auch besorgt und andersdenkend. Sie wahrscheinlich auch und so wie jeder, der hier gerade diese Zeilen liest. Jeder auf seine Art und Weise. Der Begriff "besorgte Bürger" ist eine Weichzeichnung. Denn es gibt nicht wenige AfD-Wähler, die laufen stramm hinter den Strammen her. Und das darf man nicht mit "besorgt" kleinreden.

Würden Sie, rückblickend betrachtet, wieder alles so in Ihrer TV-Karriere machen, wie Sie es getan haben?

Ich bin mit dem, was mir und um mich herum, insbesondere in den letzten elf Jahren, passiert ist, sehr zufrieden, dankbar und demütig. Ich weiß, wo ich herkomme, ich weiß, wie hart ich dafür gearbeitet habe, ich weiß aber auch und habe sie nicht vergessen, wie viele Rückschläge und Steine im Weg ich überwinden musste. Aber vielleicht wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Vielleicht waren genau die (m-)ein Ansporn. Zur Wahrheit gehört auch: niemand schafft es allein! Ich hatte und habe tolle Teams, oftmals gute Chefs und ausgezeichnete Kollegen.

Planen Sie wieder Dokus?

2018 leider nicht – denn neben dem "Sportstudio" und "dunja hayali" bleibe ich meinem Wohnzimmer, oder besser gesagt: meinem tollen ZDF-"Morgenmagazin", auch künftig erhalten. Allerdings nur noch eine Sendewoche im Monat. Den Morgenmuffel Hayali freut's...