Giftanschlag im "Tatort: Die Musik stirbt zuletzt"

Was für ein Auftakt der "Tatort"-Saison! Die Kommissare Ritschard und Flückiger müssen die Schweizer High-Society retten - und das in Echtzeit!

Die Wackelkameras sind nicht neu. Schon die dänischen Regisseure Thomas Vinterberg ("Das Fest") und Lars von Trier wollten mit ihrer "Dogma 95"-Vereinbarung (Dreh an Originalschauplätzen, Handkameras etc.) den Zuschauer wieder dichter an die Charaktere und Geschichte bringen und nicht durch Effekthascherei ablenken. Das war auch das Ziel des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper mit seinem Film "Victoria" (2015), der aus einer einzigen 140-minütigen Kameraeinstellung besteht. Jetzt greifen die Schweizer zu ähnlichen Stilmitteln: Der "Tatort: Die Musik stirbt zuletzt" (5. August, 20.15 Uhr) ist ohne Schnitt und in Echtzeit inklusive Wackelkamera gedreht. "Es gibt Vergiftungen, Verfolgungen und einen Luftröhrenschnitt – alles während eines klassischen Konzerts", so Regisseur Dani Levy.

Making of "Tatort: Die Musik stirbt zuletzt"

Darum geht's im "Tatort: Die Musik stirbt zuletzt"

Was für ein Abend: Die Reichen und Schönen der Schweiz treffen sich im Kultur- und Kongresszentrum Luzern. Gastgeber ist Walter Loving (Hans Hollmann), der Millionär veranstaltet ein Benefiz-Konzert mit dem argentinischen "Jewish Chamber Orchestra" (Orchester Jakobsplatz München). Gespielt wird, um den Opfern des Holocausts zu gedenken, klassische Musik von Komponisten, die in Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind. Loving scheint an diesem Abend noch einige Rechnungen offen zu haben.

So sind weder sein Sohn Franky Loving (Andri Schenardi), noch die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) besonders gut auf den Patriachen zu sprechen. Unter den Konzertgästen ist auch Kriminalkommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer). Doch als mitten in der Vorstellung der Klarinettist Vincent Goldstein (Patrick Elias) Opfer eines Giftanschlages wird, müssen sie und ihr Kollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) in einem Wettlauf gegen die Zeit den Täter stellen. Gibt es ein privates Motiv oder handelt es sich um einen Terroranschlag?

Hintergrund

Es ist einer der letzten "Tatorte" mit Stefan Gubser und Delia Mayer als Luzerner Ermittler. 2019 verabschieden sich die beiden und werden von Züricher Kommissaren abgelöst. Für alle Schauspieler fühlte es sich wie Theaterarbeit an.

Sie probten vier Wochen und hatten dann eine Premiere bzw. eigentlich vier Takes (zwei auf Schweizerdeutsch und zwei auf Hochdeutsch): "Ein großer Vorteil ist, dass wir Schauspieler die Rolle am Stück durchspielen können, ohne unterbrochen zu werden, was sehr angenehm ist und mich dazu bewogen hat, am liebsten immer so zu drehen", sagt Gubser.

Für Regisseur Dani Levy (u.a. der mehrfach preisgekrönte Film "Alles auf Zucker") ist dies die zweite "Tatort"-Inszenierung. Es reizte ihn sehr, diesen Film in einer Kameraeinstellung zu drehen: "Du wirst um nichts betrogen, es wird nichts weggeschnitten, keine Zeit übersprungen und Du bist nicht plötzlich an einem anderen Ort, sondern Du bist mit der Kamera 90 Minuten dabei."

Auch Kameramann Filip Zumbrunn, der schon "Nachtzug nach Lissabon" mit Jeremy Irons drehte, freute sich über die neue Aufgabe: "Die größte Herausforderung war es, den kompletten 90-minütigen Film mit allen Dialogen, Bewegungen und Abläufen im Kopf gespeichert zu halten. Diese Hirnleistung war erstaunlicherweise viel ermüdender als die körperliche Leistung."

GOKA-Kritik

Dieser "Tatort" ist definitiv anders und polarisiert. Das liegt nicht nur an der Tatsache, dass der Film auf Schnitte verzichtet und in Echtzeit gedreht wurde. Er ist mutig, erzählt eine interessante (historische) Geschichte, die auch heute noch einen aktuellen Bezug hat und greift zu außergewöhnlichen (dramaturgischen) Stilmitteln. Es gibt hübsche kleine Ideen, wie zum Beispiel eine Rückblende mittels Öffnen einer Tür zu erzählen. Man muss sich aber darauf einlassen wollen – wer Wackelkameras und die direkte Interaktion eines Schauspielers mit dem Publikum nicht mag, ist hier fehl am Platz.

Denn dieser "Tatort" ist auch anstrengend, an einigen Stellen zu theatralisch und lässt einen etwas nachdenklich zurück. Gerade der Anfang zieht sich. Der Zuschauer ist, so wie es schon die Dogma 95-Regisseure wollten, dichter am Geschehen dran. Jeder gute und jeder schlechte Schauspieler wird sofort entlarvt. Natürlich gibt es auch mal kleine Fehler, aber die gewagte Inszenierung, das abwechselnd schnelle und langsame Erzähltempo, die künstlerisch-kreativen Fahrten der Kamera und die an den richtigen Stellen eingesetzte Musik machen das wieder wett.

Weitere Highlights der neuen "Tatort"-Saison.