Charlotte Würdig: "'X Factor' ist keine Freak Show"

Moderatorin, Schauspielerin und Mutter: Charlotte Würdig
Moderatorin, Schauspielerin und Mutter: Charlotte Würdig
Foto: Screenshot YouTube
Charlotte Würdig moderiert die vierte deutsche Ausgabe der Castingshow "X Factor". Wir trafen die Moderatorin und Schauspielerin zum Interview.

Ob "Popstars"“ oder "Germany's Next Topmodel": Charlotte Würdig hat ein Faible für Castingshows. Jetzt moderiert die gebürtige Norwegerin die 4. Staffel "X Factor" (ab Montag, dem 27. August, 20.15 Uhr, Sky 1).

Interview mit Charlotte Würdig

Charlotte, wie funktioniert "X Factor"?

In der 1. Phase, den Auditions, trennt die Jury die Spreu vom Weizen. In der 2. Phase werden die Juroren zu Mentoren. Dabei bekommt jeder Juror eine Kategorie zugeteilt – Mädchen und Jungs bis 24 Jahre, Gruppen und Bands sowie Soloacts ab 25 Jahre. Neu ist die so genannte "Chair Challenge". Hier müssen die Kandidaten ihren Mentor mit ihrer Performance überzeugen und einen von drei Stühlen ergattern. Der "Chair" ist quasi das Ticket in die Liveshhows. Aber das hört sich einfacher an als es tatsächlich ist.

Chair-Challenge klingt nach Reise nach Jerusalem …

Ganz genau das ist es auch – allerdings mit Singen. Dabei wird fleißig selektiert, und es kann sich noch alles drehen. Wenn ein Kandidat bereits glaubt, er sei sicher in den Liveshows, heißt das noch lange nicht, dass er wirklich safe ist. Denn wenn ein Konkurrent besser singt, muss er wieder aufstehen und ist raus aus der Show. Während der "Chair-Challenge" muss ich bestimmt ordentlich Baldrian verteilen!

Klingt, als wären Sie die ganze Zeit dabei …

Ja! Ich habe nicht eine Minute verpasst – und finde es total schön, weil ich komplett nah an den Kandidaten dran bin, und sie sehr schnell und gut kennenlerne statt bloß in der Liveshow neben sie gestellt zu werden.

Wie groß war der Run auf die Castings?

So groß, dass es Zusatzveranstaltungen in verschiedenen Städten gab! Das hat mich echt positiv überrascht, denn ich finde die Show super: "X Factor" ist keine Freak Show, sondern total schön. Bei uns wird niemand vorgeführt, und es gibt keine Kandidaten, die überhaupt nicht singen können. Jedenfalls war der Andrang sehr groß und meine Angst, dass Deutschland in Bezug auf Castings übersättigt ist, wurde überhaupt nicht bestätigt. Viele Kandidaten haben auf die Rückkehr von "X Factor" gewartet, und ein weiterer Vorteil ist, dass wir Bands haben – anders, als alle anderen Castingshows.

Ein Wort zu den Kandidaten …

Die sind total cool – und viele auch edgy. Und wir haben viel Hip Hop dabei, was natürlich auch an meinem Mann liegt, der ja in der Jury sitzt. Wegen ihm haben viele Hip Hopper Bock, in einer Casting-Show mitzumachen. Dann gibt es noch viele Rocker und überraschende Talente. Und wir haben einen wirklich ganz tollen jungen Deutsch-Rapper dabei, der mich komplett umgehauen hat. Bei dem habe ich einfach geweint, weil er eine ganz rührende Geschichte hat. Und zu guter Letzt sind viele deutschsprachige Sänger mit an Bord – von klassischem Schlager über Deutschen Blues bis hin zu Oper.

Sind Sido und Sie immer einer Meinung?

Nein. Abends, nach dem Dreh, haben wir noch oft diskutiert, und ich habe ihn oft nach den Gründen für den Rauswurf oder das Weiterkommen eines Kandidaten gefragt. Wenn er es mir dann erklärt hat, fand ich es immer nachvollziehbar – und muss ehrlich gestehen, dass ich von alleine nicht darauf gekommen wäre.

Wurden Sie für die Moderation gecastet oder ist Sky an Sie herangetreten?

Die Moderation wurde mir angeboten, weil ich durch meine früheren Jobs bei Popstars und GNTM ziemlich Casting-affin bin. Aber bevor ich bei "X Factor" zugesagt habe, wollte ich erst mal wissen, wer in der Jury sitzt.

Warum war Ihnen das wichtig?

Weil ich wollte, dass Leute in der Jury sitzen, die auch wirklich Ahnung vom Singen haben. Denn ich kann als Moderatorin keine Sendung verkaufen, wenn ich bezweifele, dass die Juroren wissen, wovon sie sprechen oder selbst gar nicht singen können oder seit 20 Jahren keinen Erfolg mehr hatten.

Dieter Bohlen hat bemängelt, dass Radiosender die Songs von Castingshow-Siegern boykottieren – und dass die Gewinner deshalb oftmals keine "Stars" im klassischen Sinne würden. Richtig?

Erstmal muss man überlegen, ob es überhaupt erstrebenswert ist, durchgehend jahrelang erfolgreich zu sein, oder ob einen das nicht sogar ausbrennt. Gewisse Auszeiten sind unglaublich wichtig, damit ein Mensch neu reifen kann. In Castingshows haben wir es mit ganz jungen Seelen zu tun, die den ganzen Druck und das Hamsterrad überhaupt nicht kennen. Für die ist es tatsächlich besser, wenn sie zwischendurch mal durchatmen können, statt verheizt zu werden und daraufhin irgendwann total durchdrehen. In dem anderen Punkt gebe ich Dieter Bohlen Recht, denn Castinggewinner müssen das Doppelte leisten wie normale Künstler. Leider haftet ihnen immer der völlig falsche Mythos an, dass sie den Sieg mehr oder weniger geschenkt bekommen hätten. In Wirklichkeit ist der Druck enorm, und man kann nicht allen Ernstes erwarten, dass jemand Freitagabend in einer Castingshow gewinnt und ab Samstagmorgen jahrelang das Telefon klingelt. Ich kenne das selbst, denn ich hatte durch meine Kinder auch eine längere Auszeit, die mega-wichtig für mich war. Doch selbst während einer solchen Pause dieser Zeit bauen Dritte ständig Druck auf, indem sie einen fragen, warum man "nicht mehr da" sei und was denn "los" wäre. Dieses Sich-Erklären nervt, und es kostet Kraft. Aber im Nachhinein hat mir die Auszeit sehr viel Kraft gegeben. Ich bin jetzt viel konzentrierter. Und das wünsche ich auch den Kandidaten, und vor allem dem Sieger.

Wodurch unterscheidet sich "X Factor" von "DSDS", "The Voice of Germany" & Co?

Wir suchen Potential und nicht Perfektion. Der Kandidat steht im Mittelpunkt, ist die Sensation und nicht die Jury oder wir Moderatoren. Die Entscheidungen unserer Jury sind authentisch, ehrlich und echt. So echt, dass alle Musikgenres gerne bei uns antreten wollen. Dadurch bleiben und werden unsere Kandidaten eigenständige Künstler.

Noch ein Wort zu den Siegern: Am Ende gibt’s einen Plattenvertrag. Und danach?

"X Factor" öffnet dem Sieger eine Tür, aber hindurchgehen muss er selbst. Viele Gewinner schaffen das nicht, und es ist – ehrlich gesagt – auch ein Grund, warum Castingteilnehmer oft wieder runterrasseln. Denn in der Showphase werden sie ständig chauffiert, bekommen Catering, Styling und so weiter. Aber nach dem Ende der Show müssen sie wieder alles selbst machen, und auf Bus und U-Bahn umsteigen. Das müssen sie erst mal verkraften, und ich finde, man sollte ihnen das schon vorher ganz ehrlich eintrichtern. Ein guter Mentor muss die jungen Leute immer wieder runter holen und ihnen klar machen, dass der Job harte Arbeit ist – besonders, wenn sie abheben. Die Kür gibt’s nur auf der Bühne.

Bei "X Factor" werden keine Kandidaten gebasht. Heißt das im Umkehrschluss, dass es bei Ihnen keine Casting-Phase gibt, in der die Kandidaten ausschließlich vor Produktionsmitarbeitern vorsingen, die auch die besonders Untalentierten anschließend zur Jury durchwinkt, vor der sie sich dann für die Quote blamieren – wie es bei "DSDS" der Fall ist?

Nein, das gibt es bei uns nicht. Bei uns wird niemand eingeladen, der nicht singen kann, aber lustige grüne Haare hat. Aber um mal eins klar zu stellen: ich finde das nicht verwerflich, wenn man das macht. Denn die Menschen da draußen, die zu Casting Shows gehen wollen, sind ziemlich schlau, und sie haben sich alle schon viele Castingshows angeguckt. Die wissen genau, was sie erwartet.

Heißt das, Sie glauben nicht, dass es Hinterweltler gibt, die sich viele Illusionen machen?

Genau, ich glaube, dass niemand zu "X Factor" kommt, der weiß, dass er nicht singen kann, aber dafür drei Füße hat. Und nochmal ein Wort zur Konkurrenz und unserer Unterscheidbarkeit: "DSDS" ist die am längsten laufende Musik-Castingshow, die es gibt, und "The Voice" hat eine sehr musikorientierte, standhafte Jury. "X Factor" will weder das Eine noch das Andere imitieren: Wir laden keine Freaks ein, weil "DSDS" diese Nische schon total gut besetzt, und bei uns gibt’s auch keine Stühle und "Blind Auditions" wie bei "The Voice". Wir haben Lust auf frische und starke Talente, sind musikalisch orientiert, aber ein bisschen aufgebrochener – und bieten zusätzlich auch noch eine Plattform für Bands und Duette.

Deutsche Castingshows brechen oft quotenmäßig ein, wenn die Castingphase vorbei ist – und es in den Recall, die Battles und die Liveshows geht. Wie lässt sich die Spannung aufrechterhalten oder sogar steigern?

Ich verstehe, dass die Quote höher ist, wenn die Show in der ersten Phase des so genannten "positiven Voyeurismus" ist – und die Zuschauer sehen möchten, wie die Kandidaten ihren ersten Auftritt vor der Jury bestehen. Anschließend folgt dann die Flaute, in der nicht sehr viel Neues passiert. Doch in dieser Phase streuen wir bei "X Factor" Pfeffer ins Konzept – mit unserer "Chair-Challenge". Und zuletzt gibt’s dann die drei Live-Shows. Damit übertreiben wir es auch nicht.

Was ist Ihr nächstes spruchreifes Projekt nach "X Factor"?

Genau, das meinte ich vorhin. Lassen Sie mich durchatmen und dann geht es mit schönen neuen Projekten weiter. Ich arbeite gerade an einem Buch, welches Ende des Jahres erscheinen wird. Nicht zu vergessen, ich habe in der Babypause zwei Firmen aufgebaut. Die eine ist eine Fitness-Plattform für Frauen (charlotte-wuerdig.de), die andere heißt "Easy Meal" (easymeal.de). Da kann man sich gesundes, nachhaltiges Essen nach Hause oder ins Büro liefern lassen – biologisch, bewusst und gesund. Und im Bereich Activwear wird auch was Neues kommen…