Judith Rakers über ihren neuen Job beim "Kriminalreport"

Den Tätern auf der Spur: Judith Rakers moderiert den monatlichen "Kriminalreport" im Ersten.
Den Tätern auf der Spur: Judith Rakers moderiert den monatlichen "Kriminalreport" im Ersten.
Foto: Das Erste
True Crime im Ersten: Ab dem 27. August berichtet "Miss Tagesschau" im Kriminalreport einmal monatlich über ungeklärte Verbrechen und kontroverse Gerichtsurteile.

Im Interview mit GOLDENE KAMERA verrät die Moderatorin, dass sich ihre Sendung an den Formaten "Maintower Kriminalreport" (HR) und "Täter - Opfer - Polizei" (RBB) orientiert, die in den dritten Programmen laufen. In der Auftaktsendung geht es u. a. um eine Serie von Sprengstoffanschlägen auf Geldautomaten und drei ausgesetzte Babys. Die nachgestellten Szenen werden immer an Originalschauplätzen gedreht. Aufgerollt wird auch der Mord an der damals 17- jährigen Frederike von Möhlmann, die 1981 Opfer eines Sexualverbrechens wurde. Der mutmaßliche Täter wurde verurteilt, lebt aber jetzt in Freiheit.

GOLDENE KAMERA: Worum geht’s im „Kriminalreport“?

Judith Rakers: In erster Linie um Prävention. Wir geben Sicherheitstipps, gucken tiefer in die Arbeit der Polizei, zeigen neue Ermittlungsmethoden und liefern Hintergründe. Außerdem haben wir noch eine Rubrik, in der wir uns mit polarisierenden Justiz-Urteilen auseinandersetzen. Und es wird die eine oder andere Fahndung geben.

Ist das Ganze ein Mix aus "Vorsicht Falle!" und "Aktenzeichen"?

Ich verstehe ja, dass man nach Vergleichsformaten sucht. Die Kombination unserer Themen ist neu – unsere Vorbilder sind eher in den Dritten Programmen zu suchen.

In welcher Tradition steht die Sendung?

Insgesamt sind vier ARD-Anstalten an der Produktion des „Kriminalreports“ beteiligt, die eigene Regionalformate zum Thema Kriminalität haben. Konkret sind das der HR („Maintower Kriminalreport“), RBB ("Täter – Opfer – Polizei"), MDR ("Kripo Live") und SWR („Kriminalreport Südwest“). Jetzt nutzen wir das Know-How dieser Sendungen und die jahrelang aufgebauten Kontakte zu Experten und zur Polizei, um eine bundesweite Ausstrahlung zu erzielen. Wenn nötig, arbeiten wir dafür auch mit dem BKA zusammen, indem wir bei Fahndungen helfen. Doch anders als bei „Aktenzeichen XY“ sind die Fahndungsfälle nicht der Kern und das Ziel unserer Sendung. Momentan haben wir beispielsweise intensiven Kontakt mit der bayerischen Polizei, weil dort gerade eine neue Abteilung mit „Super-Recognisern“ aufgebaut wird. Dazu zählen ein bis zwei Prozent aller Bürger, die über die Gabe verfügen, besser als jeder Computer Gesichter identifizieren zu können.

Klingt futuristisch …

Ist es auch! Scotland Yard arbeitet neuerdings mit dieser Methode. Der britische Wissenschaftler Josh P. Davis hatte herausgefunden, dass bei Scotland Yard eine sehr kleine Gruppe von Polizisten für eine sehr hohe Zahl an Identifizierungen verantwortlich war. Ein einziger Beamter identifizierte aus Videomaterial 180 Personen – eine Computersoftware zur Gesichtserkennung landete gerade mal einen Treffer. So kam man auf die „Super Recogniser“. Ich hoffe, dass wir in unserer ersten Sendung jemanden live im Studio haben, der über diese Fähigkeit verfügt.

Laden Sie in jeder Sendung Studiogäste ein?

Ja, wahlweise Experten, Opfer von Straftaten oder besondere Menschen.

Gibt es nachgestellte Filmfälle?

Ja – an Originalschauplätzen.

Welcher Sender hat die Federführung?

Der RBB. Und wir senden aus einem virtuellen Studio, das der HR beisteuert.

Was erwartet uns in der ersten Sendung?

Wir wollen die „Super-Recogniser“ und ihre Arbeit vorstellen. Wir berichten über eine Serie von Sprengstoffanschlägen auf Geldautomaten bundesweit – mit Tätern aus den Niederlanden. Außerdem geht es um drei ausgesetzte Babys im Norden Berlins. Jedes Jahr im Sommer wird dort ein weiblicher Säugling gefunden – immer im August oder Anfang September. Vielleicht wird die Mutter gegen ihren Willen festgehalten. Im Bereich der Prävention berichten wir über das Thema Immobilienbetrug und darüber, wie Betrüger versuchen, per Vorkasse z. B. an Reservierungsgebühren zu kommen – bei Mietern und Käufern.

Geht’s auch um Mord?

Ja, in der ersten Sendung berichten wir über einen Mordfall, der schon 20 Jahre alt ist. 1998 wurde die damals 16-jährige Anja Lengnick in der Nähe ihres Wohnhauses mit mehreren Messerstichen getötet. Sie war zuvor in der Disco. Irgendjemand – vielleicht der Täter oder ein Mitwisser – hat an ihrem Todestag am Tatort ein Kreuz aufgestellt.

Und der Justiz-Aufreger?

Der Fall Frederike von Möhlmann wirft die Frage auf, ob es Gesetzesänderungen geben muss. 1981 wurde die 17-Jährige zum Opfer eines Sexualverbrechens, und der mordverdächtige Ismet H. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Doch er kam frei, weil er in Revision ging. 2012 gab es dann plötzlich neue, sehr aussagekräftige Beweise gegen Ismet H. Aber weil in Deutschland niemand wegen derselben Tat zweimal verurteilt werden darf, ist er auf freiem Fuß. Wir haben den Vater des Opfers im Gespräch, der alles versucht, hier eine Gesetzesänderung zu erwirken.

Sitzen Ermittler im Studio?

Nein. Aber wenn wir Fahndungen unterstützen, geben wir natürlich die entsprechende Telefonnummer der Polizei bekannt. Anders als bei „Aktenzeichen XY“ gibt’s bei uns keine Livefahndung.

Sind Specials geplant?

Im Internet auf jeden Fall, weil die Sendung multimedial wird. Auf Social Media und auf ard.de gibt‘s zusätzliche Hintergrundinformationen sowie Experten-Chats.

Hat Ihnen Rudi Cerne schon zum neuen Job gratuliert?

Nein, aber ich bin mir sicher, er würde mir kollegial gratulieren, wenn ich ihn träfe.

Sind Sie Fan von „Aktenzeichen XY“?

Als Kind habe ich die Sendung sehr gerne gesehen. Heute schaue ich sie nicht mehr so oft, weil ich durch meine wechselnden Schichten gar nicht mehr regelmäßig fern sehe.

Welche Schnittmengen gibt’s in Ihrem Leben mit dem Thema Verbrechen? Haben Sie oder ein Familienmitglied oder ein Ihnen nahestehender Mensch Erfahrungen mit Kriminalität?

Ich glaube, dass fast jeder schon mal irgendwelche Erfahrungen mit Kriminalität gemacht hat. Als junges Mädchen wurde mir mal das Portemonnaie in der Fußgängerzone gestohlen, und vor einigen Jahren mein Auto. Im Keller wurde auch schon mal eingebrochen, aber dort war – Gott sei Dank – nichts richtig Wertvolles gelagert.

Interessieren Sie sich für Verbrechen?

Ja, aus professioneller Perspektive – denn in der „Tagesschau“ berichten wir ja regelmäßig über die neue Kriminalitätsstatistik, und natürlich auch über große Themen wie die Silvesternacht in Köln oder Anschläge und Terror. Mit dem „Kriminalreport“ bekomme ich die Möglichkeit, mich künftig viel intensiver auch mit den Hintergründen befassen zu können – und mit dem Thema Prävention.

Viele haben das Gefühl, dass die Kriminalität zunimmt …

Ich kenne die Zahlen der Kriminalitätsstatistik, und ich weiß, dass sie rückläufig sind und wir alle eigentlich weniger Angst haben müssten als vor zehn Jahren. Doch obwohl die Zahlen sinken, steigt unser Sicherheitsbedürfnis. Das stelle ich auch bei mir selbst fest. Vor zehn Jahren habe ich mir noch keine Gedanken über eine Alarmanlage gemacht – heute schon.

Einmal sind Sie im „Tagesschau“-Studio überfallen worden …

Richtig. Für den „Tatort: Fegefeuer" mit Til Schweiger.

Wie fanden Sie es eigentlich, dass der ursprüngliche Plan, auf diese Weise nahtlos zum „Tatort“ überzuleiten, verworfen wurde?

Ich fand das absolut richtig und habe selbst eindringlich darum gebeten. Als wir die Sequenz mit der Geiselnahme im Tagesschau-Studio gedreht haben, gab es noch keine Terror-Anschläge auf Journalisten und Redaktionen. Das Attentat auf Charlie Hebdo hat die Situation grundlegend verändert. Ursprünglich war ja die Idee, den Kerngedanken von Orson Welles‘ Radiospiel „Krieg der Welten“ ins Fernsehen zu übertragen und Realität und Fiktion zu vermischen – absolut reizvoll. Doch nach den realen Anschlägen hätte ich es sehr geschmacklos gefunden. Til Schweiger hat das anders gesehen, aber ich war sehr klar in meiner Haltung.

Sind Sie „Tatort“-Fan?

Ja! Ich mag besonders die Ermittler aus Bremen, die ja leider aufhören. Die beiden sind mein Lieblings-Duo.

Gibt es wieder neue Folgen aus Ihrer Reportagereihe "Schicksal" für den NDR?

Ja, auch 2018 gibt es wieder einen 30-minütigen Film - eine Hintergrund-Reportage zu unserer NDR-Spendengala. Außerdem gibt es dieses Jahr fünf neue Inselreportagen. Ich bin viel unterwegs dafür derzeit.

Was könnte Sie von der ARD weglocken? Das ZDF? Ein Privatsender? Jemand ganz Anderes?

Um Gottes Willen – nein. Die ARD ist mein Zuhause!

Was halten Sie als ausgebildete Journalistin von der Fake-News-Debatte? Wie kann der Journalismus wieder glaubwürdiger werden?

Die Glaubwürdigkeits- und Fake-News-Debatte ist die große Herausforderung unserer Zeit. Die Lösung liegt darin, solide Arbeit abzuliefern. Wir müssen uns selbst noch mehr überprüfen, alle Quellen mehrfach checken und dürfen uns keine Fehler erlauben.

Aber sind Fehler nicht menschlich?

Momentan wird uns Journalisten ja von Teilen der Gesellschaft vorgeworfen, dass wir staatsgeleitet seien und bewusst falsche Informationen streuten, um politisch zu lenken. Das ist ja etwas viel Grundsätzlicheres, als jemandem einen Fehler vorzuwerfen. Der Vorwurf zeugt von tiefem Misstrauen. Deshalb müssen wir schon vorher ansetzen und alles dreimal überprüfen und glaubwürdig arbeiten und transparent sein und durch Qualität überzeugen.

Wie wichtig sind Ihnen Facebook, Twitter und Co?

Social Media wird immer wichtiger. Ich habe einen Facebook- und Instagram-Account, und poste ab und zu auf Twitter – allerdings ohne die Hilfe einer professionellen Agentur. Ich glaube, es ist richtig, dass auch wir, die wir noch im klassischen Medium Fernsehen arbeiten und fast schon Vintage oder Old School für Einige sind – die neuen Kanäle benutzen und dort unsere Präsenz haben. Denn letztlich ist Social Media nur ein weiterer Kommunikationskanal. Und Kommunikation ist unser Geschäft. Dass wir bei der Tagesschau vergleichsweise sehr viele junge Zuschauer haben, hat sicher auch mit den Social-Media-Aktivitäten von DasErste.de zu tun. Online und offline müssen keine Konkurrenz sein – sie können sich gegenseitig stärken. Davon bin ich überzeugt.

Kriminalreport: Mo, 27. August, 20.15 Uhr im Ersten