Pamela Pabst ist das reale Vorbild für "Die Heiland" im Ersten

Lisa Martinek als Romy und ihr reales Vorbild Pamela Pabst.
Lisa Martinek als Romy und ihr reales Vorbild Pamela Pabst.
Foto: Das Erste / dpa
Pamela Pabst hat nur ein Prozent Sehkraft, Jura studiert und ist seit 2011 Strafverteidigerin in Berlin. Ihre Fälle inspirierten die Macher der neuen, sechsteiligen ARD-Anwaltsserie „Die Heiland“.

„Fälle aus meiner realen Praxis haben keinen Eingang in die Serie gefunden, aber wir haben eine Liste mit Versatzstücken und interessanten Konstellationen erstellt, um die von den Drehbuchautoren anschließend fiktive Fälle gestrickt wurden, erzählt die erste von Geburt an blinde Rechtsanwältin für Strafrecht in Deutschland im Interview mit GOLDENE KAMERA. In der TV-Serie, die ab dem 4. September, immer dienstags, 20.15 Uhr im Ersten läuft, spielt Lisa Martinek die blinde Strafverteidigerin Romy Heiland, die ihre intakten Sinne viel besser einsetzt als so mancher Kollege - wie Pamela Pabst im echten Gerichtssaal.

GOLDENE KAMERA: Wie viel Pamela Pabst steckt in der fiktiven Strafverteidigerin Romy Heiland?

Pamela Pabst: Die Serie ist stark an meine Person angelehnt, ich habe aus meinem Arbeitsalltag alles Mögliche zur Verfügung gestellt, um die Ideen der Drehbuchschreiber anzukurbeln.

Wie gut lässt sich Ihre Sehbehinderung mit Ihrem Beruf vereinen?

Mit einer Sehbehinderung hat man einen anderen Blick auf die Welt. Nicht im Sinne von übersinnlichen Fähigkeiten, sondern eher so, dass man Dinge anders wahrnimmt. Ich werde immer sehr gelobt für mein gutes Gedächtnis und für meine Fähigkeit, mich auf viele Sachen gleichzeitig einlassen zu können. Oft reden mein Computer und meine Angestellte zeitgleich, und nebenbei kann ich auch noch telefonieren und etwas aus der Schublade nehmen. Das hat Lisa Martinek sehr fasziniert.

Ihr skurrilster Fall?

Dazu zählt auf jeden Fall jener, in dem ich einen blinden Mandanten vertreten habe, dem vorgeworfen wurde, kinderpornografisches Material besessen zu haben. Es ging die ganze Zeit um die Frage, was ein Blinder mit solchen Filmen macht, die obendrein tonlos sind. Am Ende ist er bestraft worden, weil die Staatsanwältin argumentiert hat, dass er sich die Filminhalte durchaus hätte beschreiben lassen können.

Sie die Filmfälle echt?

Fälle aus meiner realen Praxis haben keinen Eingang in die Serie gefunden, aber wir haben eine Liste mit Versatzstücken und interessanten Konstellationen erstellt, um die von den Drehbuchautoren anschließend fiktive Fälle gestrickt wurden. Das war ein Anliegen von mir. Denn einerseits möchte ich, dass die Filmfälle einen wahren Kern haben, aber anderseits will ich mich nicht an den Schicksalen meiner Mandanten bereichern, und sie an Filmgesellschaften weitergeben. Meine Mandanten müssen nicht befürchten, dass ihre Fälle in einer potenziellen nächsten Staffel landen.

Werden Sie manchmal von Mandanten engagiert, weil diese glauben, dass sie Sie leichter hinters Licht führen können?

Was meine Mandanten betrifft: Im Nachhinein habe ich ein oder zwei Mal gedacht, dass jemand extra zu mir gekommen ist, weil ich blind bin – und er vielleicht annahm, mich leichter hinters Licht führen zu können. Ich denke durchaus, dass mich Mandanten belogen haben, und in einem konkreten Fall weiß ich es sogar. Aber ich erklären den Mandanten immer, dass es gut wäre, wenn sie mir die Wahrheit erzählen, weil ich ihnen sowieso viel mehr glaube als ein Richter. Doch im Zweifel schaden sich die Lügner damit selbst.

Kann jeder Mensch zum Mörder werden?

Ich bin überzeugt, dass grundsätzlich jeder Mensch in der Lage ist, zu töten, und es nur ein Unterschied ist, wie leicht er bereit ist, fremdes Leben zu vernichten.

Warum sind die Deutschen eine so Krimi-affine Nation?

Verbrechen faszinieren uns Menschen, weil sie nicht zu unserem Alltag gehören.

Ist die Welt im Jahr 2018 behindertengerecht genug?

Nein. Ein großes Problem gibt’s beispielsweise bei Touch Screen Geräten, die keine Tasten mehr haben – beispielsweise bei Getränke- oder Süßigkeitenautomaten.

Ist Justitia auch blind?

Recht und Gerechtigkeit sind zwei völlig verschiedene Dinge, die man nicht miteinander verwechseln darf. Recht hat mit richtiger Anwendung des Gesetzes zu tun, Gerechtigkeit ist etwas Subjektiv-Emotionales. Manche Dinge sind juristisch richtig, aber trotzdem ungerecht.

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