Almila Bagriacik: "Die Frage ist: Was kann man aus Borowski noch herauskitzeln?"

In "Borowski und das Haus der Geister" gibt Almila Bagriacik ihren Einstand als neue "Tatort"-Kommissarin Mila Sahin. Wie sie zusammen mit Axel Milberg ein "neues Borowski-Kapitel" aufschlagen will, verriet uns die 28-jährige Berlinerin im Interview.

Die Neue ist da! Am 2. September (20.15 Uhr, Das Erste) wird Almila Bagriacik im "Tatort: Borowski und das Haus der Geister" die Nachfolge von Sibel Kekilli als Partnerin von Axel Milberg antreten. Mit Kekillis Sarah Brandt hat Bagriaciks türkischstämmige Kommissarin aber wenig zu tun. Denn Mila Sahin ist nicht nur die jüngste Ermittlerin im Krimiflaggschiff der ARD, sondern auch die impulsivste...

Darum geht's im "Tatort: Borowski und das Haus der Geister"

Ein mysteriöser Brief seiner Patentochter Grete (Emma Mathilde Floßmann) veranlasst Klaus Borowski (Axel Milberg), nach Jahren der Funkstille im abgelegenen Haus seines alten Freundes Frank (Thomas Loibl) vorbeizuschauen, der dort mit Grete und seiner anderen Tochter Sinja (Mercedes Müller) lebt. Borowski ist noch immer überzeugt, dass Frank damals seine spurlos verschwundene Frau umgebracht hat und will die Ermittlungen wieder aufnehmen, als Franks labile neue Partnerin Anna (Karoline Schuch) von nächtlichen Geistererscheinungen berichtet. Gut, dass sich zeitgleich die 28-jährige Spezialistin für Operative Fallanalysen Mila Sahin (Almila Bagriacik) von Berlin nach Kiel versetzen ließ. Denn beim wieder aufbrandenden Psychoduell unter den alten Freunden braucht Borowski jemanden, der ihm den Rücken freihält.

Almila Bagriacik im Interview

GOLDENE KAMERA: Wer zum Pressheft Deines ersten "Tatort"-Falls greift, bekommt eine umfassende Biographie von Kommissarin Mila Sahin präsentiert. Wer "Borowski und das Haus der Geister" anschaut, lernt zunächst nur ein paar ihrer Charaktereigenschaften kennen. Warum ist dieser sehr persönliche Borowski-Fall trotzdem perfekt für Deinen Rollen-Einstand?

ALMILA BAGRIACIK: In erster Linie ist es eine Einführung. Ein genaues Rollenprofil ist für die Zuschauer vielleicht noch nicht ersichtlich, war aber definitiv wichtig für meine Arbeit. Wir haben die Rolle gemeinsam mit dem Borowski-Autoren Sascha Arango entwickelt. Es ist toll, dass wir Schauspieler so mit eingebunden werden. Was ich an Milas erstem Auftritt so sehr mag, ist der überraschende Moment. So etwas erwartet man nicht, speziell nicht im Tatort. Ich finde, das bringt richtig Schwung in die Bude.

Du hast gerade selbst angesprochen, dass Du bei der Figurenentwicklung eingebunden wurdest. War der Boxsack "Walter", mit dem Deine Figur nach 28 Minuten eingeführt wird, eine Idee von Dir? Du hast in Deiner Jugend ja selbst geboxt.

Für Sascha war es im Vorfeld wichtig zu wissen, was er Mila für Attribute und Fähigkeiten geben kann, die ich auch beherrsche. Als ich ihm im Vorgespräch erzählte, dass ich gerne boxe, hat er sofort eingehakt und gesagt: "Stopp, darüber unterhalten wir uns jetzt." Es ging mir dabei nicht darum, das Rollenprofil in eine spezielle Richtung zu lenken, aber seine eigenen Fähigkeiten kann man den Figuren ja trotzdem schenken. Im Fall von Mila hat das super funktioniert.

In einem Interview hast Du gesagt, dass Du in Deinen Rollen gerne Authentisches mit dem Außergewöhnlichen kombinierst. Was ist das Außergewöhnliche an dieser "Tatort"-Kommissarin?

Das Außergewöhnliche ist vielleicht, dass sie sehr impulsiv ist und die Dinge nochmal ganz anders betrachtet. Statt "außergewöhnlich" ist vielleicht "erfrischend" das richtige Wort. Mila bringt eine andere Farbe, einen anderen Geschmack rein. Bei unserem zweiten Fall kommt auch mehr Action und Körperlichkeit ins Spiel. Ich glaube, das dies viel Unterhaltungswert mit sich bringt.

Auf die Frage, wie der Tatort in Zeiten von Netflix & Co. auch für jüngere Zuschauer ein attraktives Format bleiben kann, hast Du an anderer Stelle "mehr inhaltliche und visuelle Dynamik" ins Spiel gebracht. Ist das wirklich auch im Kieler "Tatort" möglich? "Borowski und das Haus der Geister" beweist ja mal wieder, dass hier eher psychologischer Tiefgang groß geschrieben wird.

Das ist ja auch extrem wertvoll! Das Ziel muss es sein, eine Symbiose herzustellen, ohne dass das Etablierte eingeschränkt wird. Es geht uns nicht darum, dass Format umzukrempeln, sondern darum, beim Kieler "Tatort" mehr Facetten zu zeigen. Und um die Frage: Was kann man aus Borowski noch rauskitzeln?

Nach der Bekanntgabe Deines "Tatort"-Engagements stand In der Süddeutschen, dass Du quasi das Erbe Deiner großen Schwester antrittst, weil Du ja Dein Schauspieldebüt im Drama "Die Fremde" als Sibel Kekillis kleine Schwester gegeben hast. Inwieweit hat Dich Sibels langjährige "Tatort"-Rolle bei Deiner Rollenfindung tatsächlich beeinflusst?

Es ist immer schön, wenn man sich austauschen kann, aber bei meinem letzten Treffen mit Sibel wusste ich noch gar nicht, dass ich für den "Tatort" angefragt werde. Für mich ist das ein komplett neues Projekt. Ich sehe mich nicht als Nachfolgerin und orientiere mich daher nicht daran, wer vor mir war oder vielleicht nach mir kommt. Ich spiele keine neue Sarah Brandt, sondern eine komplett andere Rolle. Wir schlagen ein ganz neues Borowski-Kapitel auf und das macht unfassbar viel Spaß.

Was war von der Tatort-Redaktion beim Vorhaben, gesellschaftliche Normalität in die Prime-Time bringen, "mutiger": Einer Schauspielerin mit türkischen Wurzeln eine "rein deutsche" Rolle zu geben wie bei Kekillis Sarah Brandt? Oder wie in Deinem Fall mit Mila Sahin unverkrampft eine deutsche Kommissarin mit türkischen Wurzeln einzuführen?

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Es ist bei uns zunächst überhaupt kein Thema und so sehe ich das privat auch. Ich würde mir wünschen, dass es in der Branche und in der Gesellschaft genauso gehandhabt wird. Ich habe überhaupt kein Problem damit, türkische Rollen zu spielen. Mich interessiert immer nur das jeweilige Rollenprofil. Es kommt darauf an, dass es etwas gibt, das mich richtig kickt. Die Herkunft ist dabei nur eine weitere Eigenschaft. Ob die Figur noch eine weitere Sprache beherrscht oder nicht, hat beispielsweise den gleichen Stellenwert wie die Frage, ob sie glutenfreies Brot besser verträgt als herkömmliches.

Nicht nur Euer Regisseur betont, dass es gleich beim ersten Casting zwischen Dir und Axel Milberg gefunkt hat. Woran liegt es, dass Ihr beide von Beginn an auf einer Wellenlinie wart?

Ähnlich wie Mila Sahin und Klaus Borowski im Film sind sich ja auch Almila und Axel Milberg begegnet. Nach dem Motto: Dann mal los! Wir haben beide nicht viel nachgedacht, sondern einfach aus dem Bauch heraus agiert. Es gibt Dinge, die stimmen einfach. Ich habe mich auch deswegen super wohl gefühlt, weil man mir viel Freiraum gab, bis ich wirklich herausgefunden hatte, wie ich die Rolle anlegen möchte. Und damit meine ich nicht nur beim Casting, sondern auch am Set. Schauspieler können eine ganz andere Leistung abrufen, wenn sie sich wohl fühlen. Wenn das gewährleistet ist, ist man "unstoppable"!

Wenn man sich Dein bisheriges Œvre anschaut, ist viel Krim-Kost dabei. Warum glaubst Du, ist Krimi im deutschen Fernsehen so ein großes Thema?

Krimi ist im Idealfall einfach extrem spannend! Wir als Otto Normalverbraucher wissen ja nicht, was auf einem Revier passiert oder wie Morde aufgeklärt werden. Diese Einblicke sind einfach super interessant. Ich freue mich riesig darüber, dass es mir der NDR ermöglicht, in diese Welt der Kriminalistik reinzuschnuppern. Ich glaube, dass es bei der allgemeinen Krimifaszination vor allem darum geht.

Almila Bagriacik über ihre ikonischsten Rollen

Zum Abschluss würde ich gerne einige Deiner bisherigen Paraderollen nennen und Du verrätst uns, warum Dir der jeweilige Part speziell am Herzen liegt. Also: Aylin in Deinem ersten großen Kinofilm "Hördur – Zwischen den Welten"…

"Hördur" hat mich gereizt, weil es kein Pferdemädchen-Film war, der die klassische Ponyhof-Romantik bedient, sondern die Dinge auch mal so zeigt wie sie sind. Dazu fand ich den Ansatz sehr interessant, mit einer Pferdetherapie bestimmte Schwierigkeiten im Leben besser handeln zu können.

Trailer zu "Hördur - Zwischen den Welten" (2015)

Semiy Simsek in der "Mitten in Deutschland: NSU"-Episode "Die Opfer – Vergesst mich nicht"…

Das erste Wort, das mir dazu einfällt ist "Wahrheit". Wir sind immer auf der Suche nach der Wahrheit und deswegen war mir dieser Film so wichtig. Speziell als türkischstämmige Berlinerin, die sich mit Berlin und Deutschland identifiziert, liegt mir diese Rolle besonders am Herzen.

Featurette zur "Mitten in Deutschland: NSU"-Episode "Die Opfer - Vergesst mich nicht" (2016)

Filiz in der türkischen Telenovela "Hayat Sarkisi". Wie kam Deine Teilnahme überhaupt zustande?

Da die Handlung der Serie in Berlin angefangen hat, war ich sofort motiviert mitzumachen. "Hayat Sarkisi" ist weltweit erfolgreich und läuft beispielsweise immer noch als Export in Chile und Kroatien. Mir haben unlängst wieder Fans aus Kroatien geschrieben.

Almila Bagriacik in der türkischen Telenovela "Hayat Sarkasi" (2016)

Und was war an der Rolle besonders für Dich?

Filiz ist super interessant. Sie ist eigentlich Türkin, kann aber kaum Türkisch, lebt in Berlin und hat Rastalocken. Für das türkische Fernsehen ist Filiz sehr exotisch. Und ich durfte sie mit einem starken deutschen Akzent spielen, den ich im Türkischen gar nicht habe. Das war eine sehr schöne Erfahrung für mich, denn dadurch wurde ich in der Türkei "Everybody’s Darling". Die Türken lieben es nämlich, wenn man kein perfektes Türkisch spricht, es aber versucht.

Episoden-Teaser zur "4 Blocks"-Episode "Die falsche Neun" (2017)

Zu guter Letzt: Amara in "4 Blocks"

Ich habe damals das Drehbuch gelesen und ich wusste sofort: Egal ob ich mitspiele oder nicht – diese Serie würde ich verschlingen! Und Amara hat mich als Person so interessiert, weil sie so super stark ist. Amara trägt ihr Kopftuch wie eine Krone. Diese Stärke wollte ich betonen, weil man ja Kopftuch tragende Frauen schnell als devot und schwach und an den Herd gefesselt interpretiert. Amara kämpft gegen den Druck als Frau in einem von Männer dominierten, kriminellen Familienclan und versucht den Absprung aus dem Milieu zu schaffen. Solch komplexe Rollen zu spielen, ist ein Traum!