Thomas Schmauser: "Moshammers schlimmste Eigenschaft war Jähzorn"

Thomas Schmauser brilliert als Rudolph Moshammer im GOLDENE KAMERA-Kandidaten "Der große Rudolph". Wir trafen den renommierten Theaterstar exklusiv zum Interview.

13 Jahre nach dem gewaltsamen Tod des exaltierten Modezaren entblättert unser GOLDENE KAMERA-Kandidat "Der große Rudolph" (Mittwoch, 19. September, 20.15 Uhr, Das Erste) die Kunstfigur "Mosi“, bis nur noch der nackte Mensch Moshammer übrig ist: glatzköpfig, verunsichert, verletzlich. Ein abgründiges Vergnügen - großartig überkandidelt, wie "Mosi" selbst.

Trailer: Der große Rudolph

Klingt nach Seifenoper? Ist es auch! Doch "Der große Rudolph“ bleibt trotzdem sehenswert, auch weil Darsteller Thomas Schmauser die Kunstfigur nicht voyeuristisch ausweidet, sondern ihre scheuen, zutiefst verunsicherten Seiten immer stärker durchschimmern lässt. Schmauser gelingt das Kunststück, Moshammer nicht nur als Monster zu zeigen, sondern auch als Marionette der Münchener Schickeria.

Interview mit Thomas Schmauser

Sie spielen Rudolf Moshammer. Was ist der Reiz an der Rolle?

Thomas Schmauser: Das Faszinierende an Moshammer war seine Fremdartigkeit in einer ganz normalen Mainstream-Gesellschaft. Es ist gleichzeitig toll und bizarr, dass jemand, der so ungewöhnlich aussieht und sich so exzentrisch gibt, so weit in die Boulevardgesellschaft vorgedrungen ist.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie optisch in Rudolph Moshammer verwandelt hatten?

Jeden Morgen zwei Stunden, denn der Look ist sehr entscheidend. Bei Moshammer ist das Aussehen ein Teil des Charakters. Übrigens hatte meine Maskenbildnerin Julia dem echten Moshammer damals schon immer einmal pro Woche seine Perücke gereinigt und aufgesetzt. Im Alltag hat er das selbst gekonnt, aber einmal pro Woche hat er sie quasi neu justiert.

Eine solche Rolle ist ein Geschenk für einen Schauspieler, stimmt’s?

Nein, sie ist eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen darf. Denn weil ich privat meilenweit von Rudolph Moshammer entfernt bin, war es um so wichtiger, dass wir uns ganz stark an den realen Moshammer-Themen orientiert haben. Deshalb hing zum Beispiel ein riesiges Kreuz über seinem Bett.

Wie haben Sie sich an die Rolle angenähert?

Eigenartigerweise ist es bei mir ganz oft so, dass mir die Themen, mit denen ich mich zum ersten Mal im Leben beschäftige, anschließend plötzlich überall "begegnen". Das ist so, wie wenn man schwanger ist und plötzlich lauter Schwangere in der Stadt sieht. Ich wollte nicht extrovertiert mit der Figur umgehen, und über diesen derart präsenten Menschen "herfallen". Als Schauspieler interessiert es mich nicht, mich in einer fremden Biographie auszubreiten. Natürlich habe ich mir vorher Videos im Internet angeschaut. Aber die lösen bloß etwas in mir aus, das sich anschließend vor der Kamera verselbständigt. Ich entwerfe eine Art eigener Choreographie. Imitieren liegt mir nicht, und mit der Vorlage zu spielen und zu arbeiten ist mir viel wichtiger, als ein Abbild zu erschaffen.

Haben Sie Rudolph Moshammer mal getroffen?

Nein. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, und kam erst als Schauspielstudent nach München. Aber damals musste ich immer durch die Maximilianstraße an Moshammers Laden vorbei in die Schule – und wenn ich dort seinen Rolls Royce und die ältere Dame mit den blauen Haaren sah, kam mir das Ganze wie ein inszeniertes Schauspiel vor. Es war faszinierend, das alles zu beobachten.

Welche Anekdote über Moshammers Leben ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Folgende Szene, die nicht im Film auftaucht: Als Moshammer allein am Grab seiner Mutter stand, hat man gesehen, dass er seine Hand vor‘s Gesicht hielt und hochschaute und sehr schmerzhaft weinte – wie ein verlassenes Kind. Das hat mich wahnsinnig schockiert, und es war für mich der Schlüssel zu dieser Figur.

Wurden Sie gecastet? Oder wurde die Rolle an Sie herangetragen?

Ich bin froh, dass ich gecastet wurde – mit Perücke, Schnäuzer, Kostüm und Maske. Denn bei einem solchen aufwändigen Casting spürt man bereits die Herausforderung und kann besser einschätzen, ob man den Weg überhaupt schaffen kann. Ohne dieses Erlebnis wäre der Stress am ersten Drehtag zu hart gewesen.

Welche Szene haben Sie denn beim Casting gespielt?

Diejenige, wo Moshammer einem Herrn einen sehr schönen Anzug verkauft und ihm erklärt, wie sein Charakter durch das Kleidungsstück sichtbar wird.

Aber war Moshammer verbal wirklich so ausdrucksstark?

Ich denke ja. Obwohl er kein Philosoph war, konnte er ganz einfache Weisheiten ziemlich perfekt auf den Punkt bringen – etwa, dass wir im Leben immer auf das Gute schauen sollten, weil die schwierigen Zeiten von ganz alleine kämen. Wenn ein Mensch solche simplen philosophischen Lebensmaßstäbe ansetzt und gleichzeitig in einem solchen Körper steckt, entsteht eine große Dynamik.

Was war Moshammers beste Eigenschaft?

Seine Sensibilität. Er hatte sehr feine Antennen. Außerdem war er trotz seiner Einsamkeit und Zerbrechlichkeit ziemlich kämpferisch, und kombinierte seine Disziplin mit Leidenschaft. Wenn man sich so in der Öffentlichkeit präsentiert, wie er es getan hat, und gleichzeitig einen Laden aufzieht, braucht man eine gewisse Stärke und irrsinnigen Mut – vor allem, wenn man sich jeden Morgen eine derart extreme Perücke auf die Glatze setzt und dann ins Rampenlicht tritt.

Und seine schlechteste Eigenschaft?

Jähzorn. Der Regisseur hatte mir einen Brief von einem von Moshammers Lehrlingsmädchen gezeigt. Inhaltlich waren die Zeilen extrem hart. Außerdem strahlt Moshammer manchmal eine Brutalität aus. Aber das war Selbstschutz.

War er auch ein Muttersöhnchen?

Er hat seine Mutter geliebt, das Verhältnis war schwierig. Zwischen Mutter und Sohn hat kein Blatt gepasst. Das hatte auch Konsequenzen für Moshammers eigene Entwicklung. Seine Mutter wollte ihn ganz für sich haben, und sie haben gemeinsam für das Unternehmen gekämpft, und es ganz archaisch verteidigt.

Wie war der Dreh mit Hannelore Elsner?

Ein Geschenk. Mit ihr zu arbeiten war ein riesiges Glück.

Rudolph Moshammer hat sich rührend um Obdachlose gekümmert …

Genau, das ist keine erfundene Geschichte. Insofern ist es wichtig, dass wir das erzählen. Sein Engagement für die Obdachlosen war keine Werbemaßnahme, sondern ein privates Anliegen, das durch die Obdachlosigkeit seines Vaters entstanden ist. Der Abstieg seines Vaters war für Moshammer ein Trauma.

Gleichzeitig war Moshammer ein Teil der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Wie finden Sie die Kir-Royal schlürfende Schickeria mit dem "P1" und dem ganzen Schnickschnack?

Ich wage es, das jetzt zu äußern, auch wenn ich mich damit beschädige: Für mich sind diese Leute absoluter Horror. Eine Woche vor der Premiere von "Der große Rudolph" bin ich beispielsweise durch den Hofgarten gelaufen, und habe mich an einen Tisch draußen im Hofgarten bei "Schumann‘s" gesetzt, um dort auf meine Frau zu warten. Doch kaum saß ich, kam auch schon ein Kellner, der mir sagte, dass ich den Tisch verlassen müsse, weil alles reserviert wäre – und das, obwohl zehn Tische frei waren. Als ich aufstand, kam ein reiches Pärchen, ließ sich nieder und trank dort einen Espresso. Diese Isolierung des Wohlstands ist unanständig. Es ist irrsinnig, dass sich solche Leute so abgrenzen, dass man nicht mal dort sitzen darf, wenn man keinen Mehrwert für die angeblichen "Promis" hat.

Rudolph Moshammer sah extrem aus. Warum sind wohl so viele Designer Kunstfiguren – man denke nur an Karl Lagerfeld oder Vivien Westwood? Erwarten das die Kunden?

Nein. Das ergibt sich erst im Nachhinein. Ich glaube, dass diese Leute wahnsinnig auf Form und auf Gestaltung konzentriert sind – und sich extrem viele Gedanken über ihr Äußeres machen. Was anfänglich nur ein Interesse oder eine Leidenschaft ist, wird dann quasi zu ihrem Selbst.

Ist eine Fortsetzung von "Der große Rudolph" theoretisch denkbar?

Auf jeden Fall. Ich fände es toll, wenn man die andere Lebenshälfte auch noch zeigen könnte. Warum nicht den Mond voll sein lassen?

Schlussfrage: Ihr nächstes spruchreifes Projekt?

Der neue Tukur-"Tatort" mit dem Arbeitstitel "Der Angriff" – von Regisseur Thomas Stuber ("Zwischen den Gängen", "Herbert"). Da bin ich neben Peter Kurth und einigen anderen Kollegen auch mit dabei.