Menschlicher Abschaum im Tatort: "Tiere der Großstadt"

Im Berliner "Tatort" fehlt es an Menschlichkeit und ein Roboter steht unter Mordverdacht. Im zweiten Todesfall scheint ein Wildschwein der Täter zu sein.

Der "Tatort: Tiere der Großstadt" (16. September, 20.15 Uhr im Ersten) thematisiert zwei große Ängste der Menschheit: die vor wilden Tieren und die vor technischen Erneuerungen.

Darum geht's im "Tatort: Tiere der Großstadt"

"Mach mal ein Foto, mach mal ein Foto!" - das ist das einzige, was die Jugendlichen interessiert, als sie die Leiche von Tom Menke (Martin Baden) finden. Der Besitzer eines voll automatisierten Kaffee-Kiosks scheint von seinem eigenem Roboterarm getötet worden zu sein. Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) befragen die Frau des Toten (Valery Tscheplanowa). Doch ihre Antworten sind ebenso undurchsichtig, wie die des Zeugens Albert (Horst Westphal), der den ganzen Tag nur aus seinem Fenster schaut.

Gleichzeitig untersuchen die Kommissare einen zweiten Todesfall. Naturliebhaberin Charlie (Stefanie Stappenbeck) hat im Grunewald eine tote Joggerin gefunden. In der tödlichen Wunde der Leiche entdeckt Pathologin Nasrin (Maryam Zaree) Wildschweinhaare.

Hintergrund

Ein Wildschwein vor der Gedächtniskirche, ein Fuchs vor Mülltonnen und ein Rabe über den Dächern von Berlin. Regisseur Roland Suso Richter ("Der Tunnel", "Das Wunder von Berlin", "Mogadischu", GOKA 2009) hat selbst die Tiere großartig in Szene gesetzt.

Zudem hat er ein erstklassiges Cast zusammengetrommelt: die beiden Theaterschauspieler Horst Westphal (89, "Wolke 9") und Valery Tscheplanowa (Schauspielerin des Jahres 2017 der Zeitschrift "Theater heute") brillieren ebenso in den Nebenrollen wie Stefanie Stappenbeck (44), die bereits 2000 für "Dunklen Tage" den Publikumspreis der GOLDENEN KAMERA erhielt. Stappenbeck kennt man auch als Isabella Schoppenroth aus den Tschiller-Tatorten mit Til Schweiger und als Ermittlerin Linett Wachow in "Ein Starkes Team".

Diesmal erfährt der Zuschauer ein wenig mehr über die Pathologin Nasrin (Maryam Zaree). Die 35-Jährige spielt auch in dem GOKA-Gewinner 2018 "4 Blocks" eine Hauptrolle als Kalila Hamady.

Roboter, die den Barrista ersetzen, gibt es bereits. In San Francisco hat "Café X Technologies" im Frühjahr drei Filialen eröffnet und auch in Japan schenkt ein Roboterarm das heiße Getränk aus.

Schon der Saarbrückener "Tatort: Mord Ex Machina" beschäftigt sich mit den Mord durch eine Maschine. Wie hier im "Tatort" beschrieben hinkt die Rechtssprechung und Strafverfolgung der modernen Technologie hinterher.

GOKA-Kritik

Coole Bildausschnitte, Luftaufnahmen und Wackelbilder, dazu Tiere und Technik gekonnt in Szene gesetzt – dieser "Tatort" geht über die normalen Sehgewohnheiten hinaus. Es ist nicht die Geschichte, die fasziniert, sondern die künstlerische Inszenierung und die düstere Stimmung. Die szenische Erzählweise wird mit kraftvoller, sich ständig zwischen Klassik und Moderne abwechselnde Musik untermalt.

Vor der Kamera befindet sich ein erstklassiges, in jeder Sekunde glaubwürdiges Ensemble. Leider gehen die vielen angesprochenen persönlichen Ebenen wieder einmal nicht in die Tiefe.

Dafür werden moralische Fragen aufgeworfen, wie die Einsamkeit im Alter, Technologien als Menschenersatz, die "Wegschau-Mentalität" oder der Handywahn. Eine Jugendliche fotografiert eine Polizistin, die sie bittet, das Foto zu löschen. Die Antwort: "Chill mal, so ne angespannte Muschi wie Dich brauche ich eh nicht in meiner Galerie". Der Zuschauer kommt also schnell zu dem Ergebnis, dass das schlimmste Tier in der Großstadt der Mensch ist.