Christiane Hörbiger: "Ich habe keine Ängste mehr"

Jetzt wird die große Christiane Hörbiger 80. Das Fernsehen ehrt sie mit zwei neuen Filmen.

Am 13. Oktober feiert sie großen Geburtstag: Christiane Hör­biger wird 80 – und beschenkt sich selbst und uns mit zwei neuen Spielfilmen: "Die Muse des Mörders" läuft am Montag, den 8. Oktober um 20.15 Uhr im ZDF, "Einmal Sohn, immer Sohn" zeigt das Erste am Freitag, den 12. Oktober um 20.15 Uhr. Wir trafen die Grande Dame und GOLDENE KAMERA­-Preisträgerin (1988, 2001 und 2018) zum Interview über ihr Leben, ihre Liebe zum Film, die Herausforderung, älter zu werden, und ihre Zukunftsprojekte.

Die besten Szenenfotos aus "Die Muse des Mörders":

GOLDENE KAMERA: Frau Hörbiger, zum 80. werden Sie doppelt geehrt. Von ARD und ZDF. Und zwar mit zwei neuen Fernseh­filmen: "Einmal Sohn, immer Sohn" und "Die Muse des Mörders".

Christiane Hörbiger: Genau! Im ZDF­-Film "Die Muse des Mörders" spiele ich eine Krimiautorin. Das ist ein makaberer Thriller mit sehr überraschendem Ende. Der ARD­-Film ist hingegen eine richtige Komödie mit mir als böser Schwiegermut­ter. Ich habe mir wirklich gewünscht, dass ich nach den vorherigen Rollen als Alkoho­likerin, Demenzkranke und Sterbewillige mal wieder eine Komödie spielen darf.

Wie werden Sie Ihren 80. feiern?

Im kleinsten Familienkreis: in Wien mit meinen Geschwistern, den Kindern meiner Nichte und den Enkelkindern meiner Schwester.

Wenn Ihr Leben ein Film wäre, welchen Titel würden Sie dafür wählen?

"Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Der Titel der Vorabendserie hat mich beeindruckt, er würde sehr gut für mein Leben passen.

Rückblickend betrachtet: Würden Sie eher sagen,dass Sie Ihr Leben geformt haben – oder dass das Leben Sie geformt hat?

Das ist eine sehr gute Frage. Nein, das Leben hat mich geformt. Und ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat!

Die besten Szenenfotos aus "Einaml Sohn, immer Sohn":

Wie stellt man sich als Künstlerin das Ende der Karriere vor? Will man sich darauf vorbereiten oder lieber vor vollendete Tatsachen gestellt werden?

Ich würde es nicht annehmen, wenn ich vor vollendete Tatsachen gestellt würde. Das mache ich lieber mit mir selber aus.

Und wie erleben Sie das älterwerden? Hat Mae West recht mit ihrem Spruch "Alt werden ist nichts für Feiglinge"?

Ach, das ist doch bloß ein Slogan! Ich war mit dem Verleger Gerd Bucerius befreun­det, und der sagte mal zu meinem ver­storbenen Mann Rolf Bigler: "Rölfchen, das Alter ist gemein." Das kann ich nicht finden. Ich finde, Alter ist etwas Wunder­bares. Man wird gelassener. Man hat kei­ne Zukunftsängste mehr. Die Kinder sind aus dem Haus und versorgen sich selbst. Ich finde, das Alter ist etwas Wunderbares, solange man gesund bleibt.

Was wäre Ihr Tipp fürs Älterwerden?

Da kann ich sogar drei geben. Erstens: Lebensfreude haben. Zweitens: Sich den Humor bewahren. Drittens: Nicht zuneh­men. Schlank bleiben ist das A und O. Man sollte möglichst wenig essen. Bei mir gibt es nach dem Frühstück kaum noch was. Vielleicht noch einen Joghurt zum Mittagessen, aber danach ist Schluss.

Dankesrede von Christiane Hörbiger bei der Übergabe der GOLDENEN KAMERA für ihr Lebenswerk:

Dankesrede von Christiane Hörbiger

Haben Sie sich immer so bewusst ernährt und gesund gelebt?

Ich habe leider auch geraucht und bereue es heute bitter. Mir geht es Gott sei Dank gut, und ich habe auch keine Schwierig­keiten. Aber ich wünschte, ich hätte nicht geraucht. Man bekommt es dann irgend­wann mit der Lunge zu tun.

Nur wenige kennen die Filmbranche so gut wie Sie. Wie hat sie sich verändert: zum Vorteil oder zum Nachteil?

Ich weiß nur, dass Produzenten, Schau­spielern und Drehbuchautoren, dass wirk­lich allen immer weniger Zeit bleibt. Das hat sich negativ verändert, und man merkt es an der schrumpfenden Zahl der Dreh­tage. Inzwischen muss man sehr auf­passen, damit das Publikum nicht sofort merkt, dass die Qualität nachlässt. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Denn natür­lich verdienen die Sender mehr, wenn es weniger Drehtage gibt. Aber das ist keine gute Entwicklung.

Die sogenannte MeToo­-Debatte deckte auf, dass Schauspielerinnen durch Re­gisseure und andere mächtige Männer im Filmgeschäft belästigt werden. Haben Sie das je wahrgenommen?

Die Besetzungscouch hat es immer gege­ben. Aber Herr Weinstein ist natürlich viel zu weit gegangen, weil er Frauen vergewal­tigt hat. Ansonsten ist das nichts Neues.

Viele beklagen die Krimiflut im TV: Jeden Tag Mord und Totschlag. Wie beurteilen Sie das?

Ich persönlich würde gern öfter Komödien oder Liebesgeschichten sehen. Mir tropft zu viel Blut aus dem Fernseher.

Die schönsten Rollen von Christiane Hörbiger:

Und was verpassen Sie persönlich nie im Fernsehen?

Ich gehe immer sehr früh schlafen und habe jetzt schon lange kein Fernsehspiel mehr gesehen. Das muss ich gestehen. Um 20 Uhr gehe ich schlafen, aber dafür stehe ich sehr früh auf, weil ich zwei kleine Mopshunde habe, und deren Be­wegungsdrang beginnt zwischen sechs Uhr morgens und halb sieben.

Warum sind Sie eigentlich nie "Tatort"-Ermittlerin geworden?

Komisch, aber ich bin nie gefragt worden. Vor 20 Jahren hätte ich ja gesagt.

Und warum drehen Sie kaum für Privatsender wie RTL oder Sat.1?

Gut beobachtet! Die Angebote von ARD und ZDF waren immer besser.

Im Film "Die Muse des Mörders" sagt Ihre Figur, die Krimiautorin Madeleine Montana: "Es ist schön, wenn man mit seinem Publikum alt wird." Empfinden Sie das ähnlich?

Ja, natürlich. Die Menschen meiner Alters­gruppe gucken immer zu, wenn ich spiele. Zwar bin ich nicht die Zielgruppe für die 18­-Jährigen, aber für die 50­ bis 90­Jäh­rigen durchaus.

Schreiben Ihnen Bewunderer und Verehrer immer noch so viele Briefe und Fanpost wie früher?

Natürlich! Vor allem Zuschauer aus meiner Altersgruppe.

Hatten Sie schon einmal mit Fans zu tun, die die Gesetze von Anstand und Abstand nicht respektierten?

Ja. Eines Tages standen eine ältere Frau und ihr Sohn vor meiner Tür und wollten mir einen riesengroßen Mops aus Papp­maschee überreichen. Weil ich dafür kei­nen Platz hatte, habe ich das Geschenk dankend abgelehnt. Später erfuhr ich, dass der Sohn wahnsinnig böse auf mich wur­de und nie wieder etwas mit mir zu tun haben wollte, weil ich seinen Mops nicht angenommen hatte. Solche verrückten Geschichten gibt es wirklich.

Nach welchen Kriterien suchen Sie heute Ihre Rollen aus? Wissen Sie schon nach 30 Seiten, ob ein Drehbuch etwas taugt?

Das weiß ich sogar schon nach zehn Seiten! Ich nehme eine Rolle an, wenn ich da­von irgendwie ergriffen beziehungsweise "gepackt" werde. Nach zehn Seiten weiß ich fast immer, ob ein Buch gut ist oder eher nicht. Außerdem liest meine Agentin die Bücher schon vor mir, und sie kann sehr gut entscheiden, ob man mir das an­bieten kann oder nicht.

Christiane Hörbiger im Interview:

"Lebenswerk"-Preisträgerin Christiane Hörbiger im Interview

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Am zweiten Adventssonntag mache ich im Hamburger Michel eine Weihnachtslesung. Wie bereits seit mindestens zehn Jahren. Darauf freue ich mich jetzt schon sehr!

Schlussfrage: Glauben Sie an Karma?

Ich bin ein gläubiger Mensch und glaube an die Existenz des lieben Gottes – und dass unsere Seele nach dem Tod weiterlebt. Aber die letzten Geheimnisse kann auch ich nicht lüften.

Interview: Mike Powelz