Rudi Cerne: Meine dramatischsten Fälle

Zum "Aktenzeichen XY... ungelöst"-Spezial "Wo ist mein Kind?" verrät der ZDF-Moderator exklusiv welche Schicksale bei der aktuellen Sendung im Mittelpunkt stehen und was ihn besonders bewegt hat.

Berlin-Moabit, 25. September 2006: Die 14-jährige Schülerin Georgine Krüger steigt aus dem Bus an der Stendaler Straße. Bis zu ihrem Zuhause sind es nur rund 200 Meter. Dort wartet schon die Mutter mit dem Mittagessen auf sie. Doch das Mädchen kommt nie an. Bis heute fehlt von Georgine jede Spur.

"Wo ist mein Kind?" Unter diesem Titel strahlt das ZDF einmal im Jahr eine Sondersendung von "Aktenzeichen XY... ungelöst" (Mittwoch, 10. Oktober, 20.15 Uhr) aus, in der es ausschließlich um Vermisste geht. Für GOLDENE KAMERA verrät Moderator Rudi Cerne exklusiv, welche Schicksale diesmal im Mittelpunkt stehen, warum vieles dramatischer ist als bei anderen Ausgaben und welche Fahndungsfälle aus der jüngsten Zeit ihn besonders bewegt haben.

Wie die Fälle in die Sendung kommen

Prinzipiell läuft bei der Vorbereitung jeder Sendung alles ganz sachlich und nüchtern. Grundlage ist stets eine offizielle Verfügung der Justizminister des Bundes und der Länder vom März 1973, eine Art "Gebrauchsanweisung" für die Öffentlichkeitsfahndung in den Medien. Auch bei der Vermisstensuche können ausschließlich Fälle berücksichtigt werden, bei denen die Polizei noch einen Ermittlungsansatz hat und die Öffentlichkeit zum Zeitpunkt der Ausstrahlung mit einbeziehen möchte.

So weit die Theorie. Doch im Gegensatz zu regulären Ausgaben der TV-Fahndung steht Rudi Cerne dabei nicht nur mit den zuständigen Kommissaren vor der Kamera – sondern mit den Angehörigen der Vermissten. "Das ist eine Ausnahmesituation, auch für uns", gibt der erfahrene Moderator zu. "Die Angehörigen sagen fast immer, sie wollen einfach nur Gewissheit." Häufig liegen viele Jahre des Hoffens und Bangens hinter ihnen. Der Weg vor die Kamera ist ihr letzter Versuch, Klarheit über das Schicksal der oder des Vermissten zu erlangen. "Wir spüren oft, wie sie körperlich leiden", berichtet Rudi Cerne. "Und sie sagen: 'Selbst wenn wir erfahren, dass unser Kind tot ist, wissen wir wenigstens woran wir sind.'"

Wie im Fall Lolita Brieger. 29 Jahre nach dem Verschwinden der damals 18-Jährigen wurde der tragische Fall im Fernsehen neu aufgerollt. Dabei richtete die Polizei einen Appell an alle, die etwas über das Schicksal des Mädchens wissen könnten. Einen Appell, die Ungewissheit und das Leiden der Angehörigen zu beenden. Tatsächlich meldete sich die ehemalige Freundin eines Mitwissers und führte so zum Täter. "Die Mutter hat sich bei uns über den zuständigen Kommissar bedankt. Dass sie jetzt Gewissheit hat und ein Grab, an dem sie trauern kann", erinnert sich Rudi Cerne. "Da läuft es dir natürlich eiskalt den Rücken runter."

Warum es Fälle gibt, die man nie vergisst

Seit rund 17 Jahren führt Cerne bereits durch die TV-Fahndung und hat von den zuständigen Ermittlern etwas sehr Wichtiges gelernt: Distanz wahren, abschalten. "Doch vor allem wenn es um vermisste Kinder geht, braucht das seine Zeit", gibt der Moderator zu. "So eine Sendung hängt man nicht mit der Anzugjacke in den Schrank." über den Fall Levke Straßheim berichtete "Aktenzeichen XY ... ungelöst" sogar mehrmals – die ursprüngliche Vermisstensuche wurde nach dem Fund der Leiche zur Mordsache.

Wie heiße Spuren zum Täter führen

"Von dem Mädchen waren am Fundort nur noch Knochen übrig. Es war grausam", berichtet Rudi Cerne über den Fall, der bereits vor 14 Jahren im Fernsehen vorgestellt wurde und ihm dennoch in Erinnerung geblieben ist. "Ein Mann, der bereits zuvor verdächtigt wurde, kam nach der Sendung mit einer neuen Aussage auf die Ermittler zu, verwickelte sich dabei in Widersprüche und gestand schließlich." Dem Täter konnte ein weiterer Mord an einem achtjährigen Jungen nachgewiesen werden. Er wurde im Juni 2005 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Einige Schicksale lassen auch die zuständigen Kommissare nicht los. "Dazu gehört etwa der dramatische Mordfall Kirsten Sahling", erklärt Moderator Rudi Cerne. "Die 39 Jahre alte Frau hatte gerade ihre Krebserkrankung überwunden und joggte gemeinsam mit ihrem Mann im Spandauer Forst." Als sich die Laufrouten der beiden trennten, wurde die Frau Zufallsopfer eines Messerstechers. "Bevor sie das Bewusstsein verlor und später im Krankenhaus starb, bat sie die Helfer vor Ort: 'Sagen Sie meinem Mann bitte, dass ich ihn liebe.'" Seit der Sendung im Jahr 2010 hat Rudi Cerne die zuständige Kriminalhauptkommissarin vom LKA Berlin mehrmals getroffen. Sie gibt nicht auf. Startet immer wieder neue Aufrufe, geht eingehenden Hinweisen nach. Bislang vergeblich. Der Fall ist ungeklärt. "Dass die Beamten dranbleiben und auch persönlich berührt sind von diesen Fällen, das finde ich bemerkenswert", sagt Rudi Cerne.

Warum Einfühlsamkeit so wichtig sein kann

Der Moderator trifft sich stets mit den Angehörigen der Vermissten, bevor sie in der Livesendung vor die Kamera treten: "In gewisser Weise bin ich ein bisschen die psychologische Betreuung. Wir lernen uns kennen, unterhalten uns, und sie spüren, dass ich genauso ein Stück weit mitleide." Im Fall der vermissten Madeleine McCann fuhr Rudi Cerne sogar einen Monat vorher nach England.

Aufgrund neuer Erkenntnisse weitete Scotland Yard damals die Fahndung nach dem seit Mai 2007 vermissten Mädchen auf Deutschland aus. Im Oktober 2013 baten dann ihre Eltern Kate und Gerry McCann in der ZDF-Sendung um Hinweise. "Es war sehr wichtig, dass wir vorher miteinander warm geworden sind", erklärt Cerne. "Das merkte man dann auch in der Sendung." 7,26 Millionen verfolgten die Suche nach Madeleine live vor dem Bildschirm, mehr als 1500 Anrufe gingen ein. Viele Zuschauer brachten dabei ihr Bedauern und ihre Betroffenheit zum Ausdruck – einer der spektakulärsten Fälle in der Geschichte von "Aktenzeichen XY ... ungelöst".

Wenn TV-Fahndung die letzte Chance ist

Egal ob Mord, Totschlag, Überfall oder Raub – stets steckt dahinter eine tragische Geschichte, bei der die Polizei nicht mehr weiterweiß. "Wenn ein Leiter der Mordkommission mir ins Gesicht sagt: 'Wissen Sie, Herr Cerne, wir sind jetzt seit Jahren an diesem Fall dran. Ich will, dass er gelöst wird. Und Sie sind unsere letzte Chance', dann kriege ich Gänsehaut", gibt der Moderator zu, der vor der TV-Kamera meist sachlich bleiben muss. "Und das zeigt auch die Relevanz, die Bedeutung unserer Sendung. Dass ich dort als Moderator stehen darf, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit."